Polen

Bau, Töne, Erben

Eigentlich war Bente Kahan 2001 von Oslo nach Breslau (Wroclaw) gezogen, weil ihr Mann Aleksander Gleichgewicht sich mehr um seine dort lebenden betagten Eltern kümmern wollte. Das norwegisch-polnische Ehepaar wollte für ein Jahr bleiben, doch dann kam alles anders als geplant.

»Ich hätte niemals erwartet, dass ich mich mal mit der Renovierung eines Gebäudes beschäftigen würde«, sagt die Künstlerin, die zu den weltweit bekanntesten Interpreten jiddischer Lieder zählt, während sie die Synagoge »Zum Weißen Storch« betritt. Sie schaut sich um, weist auf die mit zahlreichen Ornamenten verzierten Wände und schüttelt den Kopf, als ob sie noch immer nicht fassen könnte, was sie sieht.

Was als »mission impossible« begonnen hatte, findet diese Woche ein gutes Ende: Am heutigen Donnerstag wird die einzige Synagoge Breslaus, die 1938 in der Reichspogromnacht nicht zerstört wurde, nach fast 15-jähriger Renovierung wiedereröffnet – ein Ereignis, das von »immenser Bedeutung« für die Juden Breslaus, Polens und ganz Europas sei, wie Bente Kahan sagt. Zu den Festtagen mit zahlreichen kulturellen Veranstaltungen werden auch über 100 Gäste aus dem Ausland erwartet.

verliebt In Breslau geblieben war Bente Kahan, weil sie begeistert war von der Offenheit und Toleranz in der 630.000-Einwohner-Stadt und der »Bereitschaft, etwas zu verändern«. Die Sängerin und Schauspielerin, die 1958 in Oslo geboren wurde, entdeckte für sich das »unglaublich reiche Erbe«, um das sich scheinbar keiner kümmerte: die über 800-jährige jüdische Geschichte Breslaus. In der Stadt habe »fast niemand Großeltern, die hier geboren wurden«, und so sei viel Wissen verloren gegangen.

Wer in Breslau nach jüdischen Spuren sucht, stößt in der Tat auf größere Schwierigkeiten als in Städten wie Warschau, Krakau oder Berlin. Breslau stand in seiner tausendjährigen Geschichte unter wechselnden Herrschaften, gehörte zum Deutschen Reich, ehe es nach dem Zweiten Weltkrieg als Wroclaw zur Hauptstadt der neuen polnischen Wojwodschaft Dolnoslaskie (Niederschlesien) wurde. Keine andere europäische Stadt vergleichbarer Größe hat einen ähnlich radikalen Bruch in ihrer Stadtgeschichte zu verzeichnen wie Breslau nach 1945. Innerhalb von nur drei Jahren kam es zu einem vollständigen Bevölkerungsaustausch: Die Deutschen, die den Kampf um die Festung Breslau überlebt hatten, flohen vor der Sowjetarmee oder wurden vertrieben. Angesiedelt wurden ebenfalls Vertriebene: Polen aus den Gebieten jenseits des Bugs, die inzwischen an die Sowjetunion gefallen waren. Die kulturelle Kontinuität war abgebrochen, und so wissen allenfalls Spezialisten, in welchem Haus vor dem Krieg ein Rabbiner lebte oder ein jüdisches Waisenhaus untergebracht war. Erst seit einigen Jahren kommt es zu einer Wiederentdeckung des jüdischen Breslau, dessen reiche Geschichte bei jungen Polen häufig Verwunderung hervorruft.

Dabei war die Stadt an der Oder, die sich über zwölf Inseln erstreckt, über Jahrhunderte hinweg eines der Zentren des mitteleuropäischen Judentums. Im 19. Jahrhundert wurde Breslau nach Berlin und Frankfurt zur drittgrößten Gemeinde in Deutschland. 1854 wurde das Jüdisch-Theologische Seminar gegründet, das weltweit als Vorbild für jüdische Ausbildungsstätten galt. Auch die Universität wurde von jüdischen Gelehrten geprägt – unter ihnen die Nobelpreisträger Fritz Haber (1868–1934) und Max Born (1882–1970). Die Nazis zerstörten binnen weniger Jahre diese jüdische Welt. Im Januar 1945 wurden die letzten der einst knapp 25.000 Breslauer Juden in die Vernichtungslager deportiert. Nur 160 überlebten die Schoa.

stiftung Es dauerte nicht lange, bis sich Bente Kahan, die weitgereiste »Queen of Klezmer«, des jüdischen Erbes ihrer neuen Heimatstadt annahm. Sie wurde Direktorin des Zentrums für Jüdische Kultur und Erziehung und gründete 2006 die Bente-Kahan-Stiftung mit dem Anliegen, die jüdische Kultur und Geschichte einem breiten Publikum nahezubringen.

Der geeignetste Ort für dieses Unterfangen war die Storch-Synagoge in der Ulica Wlodkowica, der früheren Wallgasse, im alten jüdischen Viertel zwischen Oper und historischem Marktplatz. Doch das 1829 von dem deutschen Architekten Carl Ferdinand Langhans errichtete Gebäude befand sich noch immer in einem schlechten Zustand, obwohl schon 1996, als die Gemeinde ihre Synagoge zurückbekommen hatte, die Renovierungsarbeiten begonnen hatten.

Vandalismus, Brände, ständig wechselnde Eigentümer ließen das Meisterwerk von Langhans zur Ruine verfallen. 1974 hatte die kleine Gemeinde das Gebäude aufgrund des »Dekrets über das verlassene und ehemals deutsche Vermögen« an den kommunistischen Staat abtreten müssen.

Kontakte Dank Bente Kahan und der, wie sie sagt, »so fantastischen Leute« in Breslau, die ihre Stiftung unterstützen, ging es in den vergangenen Jahren endlich voran. Zwar konnte auch schon das Provisorium für Gottesdienste, Konzerte und Ausstellungen genutzt werden, doch es wurden immer noch rund vier Millionen Euro zur Finanzierung der nötigen Arbeiten benötigt. Bente Kahan, die fließend Norwegisch, Englisch, Deutsch, Jiddisch und Polnisch spricht, konnte ihre vielfältigen Kontakte nutzen und zum Beispiel 2,5 Millionen Euro aus einem norwegisch-isländisch-liechtensteinischen Fonds akquirieren.

Die Synagoge werde ein »Ort zum Beten und zum Feiern«, freut sich Józef Kozuch, Vorsitzender der Breslauer jüdischen Gemeinde, die derzeit 327 registrierte Mitglieder zählt. Gottesdienste sollen vor allem an den Feiertagen in dem Gebäude stattfinden, das eigentlich für die kleine Gemeinde viel zu groß ist. Doch Kozuch ist optimistisch: Auch in Breslau entdecken immer mehr junge Menschen ihre jüdischen Wurzeln. Der Jugendclub zähle 80 Mitglieder, die aber nicht alle auch zur Gemeinde gehören.

Für Kozuch steht es außer Frage, dass die Synagoge für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Damit ist er im Einklang mit Piotr Kadlcik, dem Vorsitzenden der Union der Jüdischen Gemeinden in Polen, der die doppelte Bedeutung der Synagoge hervorhebt: ein Ort für die Gemeinde zu sein und zugleich ein Ort für Kultur und Bildung.

Bente Kahan möchte das Gebäude zu einem »lebendigen Ort mit einem schlagenden Herzen« machen. Sie hofft auf viele Touristen, die in das »hippe Viertel« rund um die Wallstraße kommen, die renovierte Synagoge besuchen und sich die Ausstellungen über das jüdische Leben in Breslau und Niederschlesien anschauen.

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