Saint-Louis

Basels kleine Schwester

Ein kleiner, eher karg eingerichteter Saal, gedeckte Tische, in einer Ecke dampfen mehrere Schüsseln. Der Aron Hakodesch sowie alte jüdische Gebetbücher auf einem Gestell deuten darauf hin, dass sich hier der Treffpunkt einer jüdischen Gemeinschaft befindet. An den Tischen sitzen an diesem Sonntagmittag etwa 50 Personen fast jeglichen Alters.

Man spricht Französisch, aber auch Deutsch und vereinzelt Hebräisch ist zu hören. In Saint-Louis, dem französischen Grenzstädtchen, direkt vor den Toren Basels, findet an diesem Sonntag das traditionelle »Sürkrüt-Essen« statt. Sürkrüt, Sauerkraut, ist so etwas wie die elsässische Nationalspeise. Sie wird mit verschiedenen Fleischarten serviert – ein typisches Essen für einen kalten Wintertag.

Kontakte Etliche Gäste, die aus dem nahen Basel gekommen sind und Mitglieder der dor­tigen Israelitischen Gemeinde (IGB) sind, haben elsässische Wurzeln und pflegen deshalb weiterhin gute Kontakte über die Grenze. Dies gilt auch umgekehrt: So leitet der Rabbiner von Saint-Louis, Raphael Breisacher, gleichzeitig das Kollel, die Tora- und Talmud-Hochschule für Berufstätige der Basler Gemeinde, ist also häufig in der Schweiz.

Doch bleibt die Sprache ein gewisses Hindernis. Selbst hier, wo die deutschsprachige Schweiz und Deutschland nur einen Steinwurf entfernt sind, ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass Gemeindemitglieder Deutsch sprechen.

Einige der wenigen ist die aus Basel stammende Naomi Meyer, die Hauptorganisatorin des »Sürkrüt-Essens«, die mit dem langjährigen Gemeindepräsidenten Gérard Meyer verheiratet ist.
Dieser sagt, die Gemeinde sei so etwas wie eine große Familie: Sie besteht aus etwa 200 Personen. In der altehrwürdigen Synagoge, die 1907 eröffnet wurde, als das Elsass zum kaiserlichen Deutschland gehörte, finden an jedem Schabbat und an den Feiertagen Gottesdienste statt.

Es gibt auch kulturelle Veranstaltungen, wie demnächst etwa ein Treffen verschiedener Chasanim. Zwar sind nach den An­schlägen von 2015 wie anderswo in Frankreich Gemeindemitglieder aus dem Elsass vermehrt nach Israel ausgewandert. »Aber wir haben auch immer wieder Zuzügler vor allem aus EU-Ländern«, sagt Gérard Meyer. Es gebe zudem Familien, von denen einzelne Mitglieder in Basel arbeiteten und im (viel billigeren) Frankreich wohnten, auch davon profitiere die Gemeinde. Und schließlich gebe es in Saint-Louis einen jüdischen Kindergarten und eine jüdische Schule.

Dabei ist die Gemeinde erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, als Familien aus den umliegenden Dörfern dorthin zogen. So wurde die Idee geboren, eine Synagoge zu bauen und einen Rabbiner anzustellen. Einige Jahrzehnte später, während der Nazi-Besetzung, wurde die Synagoge verwüstet, aber nicht zerstört.

sicherheit Was auffällt, sind die eher bescheidenen Sicherheitsvorkehrungen an diesem Sonntag, die sich deutlich von denen der Basler Gemeinde abheben. Bei vielen Gemeindemitgliedern sind die dramatischen Tage und Wochen im Januar 2015 zwar noch in starker Erinnerung. Im Gefolge des Anschlags auf einen Pariser Supermarkt standen damals selbst im kleinen Saint-Louis auf einmal französische Soldaten vor der Synagoge.

Diese Bilder sind längst Geschichte. Und Sylvie Yakobov vom Vorstand der Ge­meinde sagt: »Wir sind froh, dass die Soldaten wieder abgezogen sind, auch wenn wir dankbar für ihren Schutz waren. Wir standen plötzlich im Rampenlicht, auch die Medien waren da.«

Jene Tage brachten die Gemeinde stärker in die Öf­fentlichkeit. Das sei man nicht gewohnt, sagt Sylvie Yakobov. Denn eigentlich hat man ganz andere Probleme. Die sind vor allem finanzieller Art. Die Synagoge, die mit ihren Zwiebeltürmen und dem zweifarbigen Bandmauerwerk schon von Weitem gut erkennbar ist, sollte renoviert werden und ein neues Dach erhalten.

Rabbiner Breisacher und andere Gemeindemitglieder betonen in ihren Ansprachen beim »Sürkrüt-Essen« die regionale Bedeutung: »Das müsste eine Aufgabe vieler Juden sein, nicht bloß in Saint-Louis, sondern auch in Basel, Lörrach oder Zürich.«

Ein anderes Problem ist die schwierige Integration der nur wenige Hundert Meter entfernt liegenden Jeschiwa, die gewissermaßen ein Eigenleben führt. Nur im Ausnahmefall lassen sich die Talmudschüler in der Gemeinde blicken.

Jeschiwa Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Jeschiwa als selbstständiges jüdisches Zentrum empfindet. Hinzu kommt, dass es auch Studenten aus Israel sowie englischsprachigen Ländern gibt, die kein Französisch sprechen. Doch immerhin bestehen familiäre Ver­bindungen zwischen Gemeinde und Jeschiwa: So ist Gemeinderabbiner Breisacher mit einer Tochter des Rabbiners der Jeschiwa verheiratet.

Da und dort ist zu hören, die Jeschiwa übe dennoch einen starken Einfluss auf die Gemeinde aus, die deutlich religiöser geworden sei – was nicht allen passt.

Die Jeschiwa verfügt über einen eigenen Koscherladen, den auch die Basler Juden nutzen. Sie können seit einigen Wochen sogar mit der Straßenbahn nach Saint-Louis fahren. Seit Mitte Dezember ist die französische Nachbarstadt ans Basler Schienennetz angeschlossen. Vielleicht hilft dies, in Zukunft die Kontakte zwischen beiden zu verstärken.

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