Ukraine

Aus Spaß wird Ernst

Jüngster Präsident der Ukraine: Wolodymyr Selenskyj Foto: dpa

Der Komiker Wolodymyr Selenskyj wird mit seinen 41 Jahren nicht nur der jüngste Präsident der Ukraine. Der prowestlich eingestellte Fernsehstar ist auch der erste Ukrainer, der ohne politische Erfahrung ins höchste Staatsamt kommt. In der Rolle eines Geschichtslehrers, der überraschend Präsident wird, hat Selenskyj es landesweit zu Ruhm gebracht.

»Diener des Volkes« (»Sluha Narodu«) heißt die extrem populäre Serie mit Schmonzetten über das Präsidentenamt. Unbeholfen, aber mit Humor regiert da der grundanständige Bürger Wassili Goloborodko. Eine Parodie auf das Chaos der Ukraine. Aus Spaß wird nun voller Ernst.

Der studierte Jurist will die Ukraine aus ihrer Dauerkrise führen.

Mit einer nach der Sendung benannten Partei und einem nebulösen Programm mit dem Namen »Land der Träume« will der studierte Jurist nun die Ukraine aus ihrer Dauerkrise führen. Doch was genau der »Clown aus Krywyj Rih« (in der Südukraine), wie er sich selbst nennt, jetzt vorhat und wie er die große Armut in dem Land bekämpfen will, bleibt abzuwarten.

kritiker Vor allem seine Kritiker haben den Künstler, der nur eine Amtszeit von fünf Jahren bleiben will, immer wieder als eine »Katze im Sack« bezeichnet. EU, USA und Nato jedoch sehen in dem Nachfolger des nun abgewählten Präsidenten Petro Poroschenko einen neuen Hoffnungsträger für Reformen in der Ex-Sowjetrepublik.

Mit einem strahlenden Siegerlächeln hat Selenskyji noch am Wahlabend in Kiew versprochen, er werde seine Landsleute nicht hinters Licht führen. Eine ehrliche Haut. So sieht sich der zweifache Familienvater mit jüdischen Wurzeln selbst. Vorwürfe, er sei ein Populist ohne Programm für die Zukunft des Landes, lächelt er ebenso weg – wie die Behauptungen seiner Kritiker, die ihn wahlweise als Marionette Russlands oder des ukrainischen Oligarchen Igor Kolomojskyj sehen. Bei Kolomoiskis TV-Sender 1+1 hat Selenskyj bisher sein Geld verdient.

Aus dem Leben nach Drehbuch wird nun politische Wirklichkeit in einem der ärmsten Krisenländer Europas mit einem blutigen Konflikt im Osten. Seit der Schauspieler in der Neujahrsnacht seine Kandidatur erklärte und alle etablierten Politiker des Landes in Umfragen binnen weniger Wochen hinter sich ließ, hat sich Selenskyj immer wieder zu den drängendsten Fragen geäußert.

DONBASS In Bezug auf den Konflikt im Donbass will Selenskyj an den Friedensgesprächen mit Beteiligung Deutschlands, Frankreichs und Russlands festhalten. Und er kann sich vorstellen, etwa auch die USA und andere zu beteiligen. Die Herzen der Menschen in den abtrünnigen Regionen Luhansk und Donezk will er gewinnen, indem er Senioren dort ukrainische Renten auszahlt. Er will auch ein russischsprachiges Fernsehen, das der Moskauer Propaganda etwas entgegensetzt.

Von Putin fordert
Selenskyj die Rückgabe
der Halbinsel Krim.

Russland sieht er als Nachbarn, mit dem er reden will. Von Kremlchef Wladimir Putin forderte er schon einmal aus sicherer Entfernung die Rückgabe der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Vorstellen kann er sich im Dialog mit Moskau anders als Poroschenko aber offenbar auch Kompromisse. Vor allem die Freiheit für die in der Ukraine verbreitete russische Sprache hat Selenskyj immer wieder verteidigt. Und er sprach sich für ein Ende der Einreiseverbote von Künstlern des Nachbarlandes aus.

Machtbasis Das Parlament ist traditionell eine wichtige Machtbasis für den ukrainischen Präsidenten. Hier ist Selenskyjs Partei bisher nicht vertreten. Offiziell ist die nächste Wahl erst im Oktober angesetzt. Zwar kann er sich auch da Hoffnung auf einen Sieg machen. Aber wie er seine Vorhaben bis dahin ohne eigene Fraktion durchbringen will, ist offen.

Bisher hat sich der jungenhafte und sportliche TV-Produzent allenfalls geschickt in sozialen Netzwerken – allen voran Instagram – in Szene gesetzt. Besonders junge Wähler sprach dieser als moderne Medienshow angelegte Wahlkampf an – auch wegen der großen Sehnsucht nach neuen Gesichtern in der Politik. Der mit einer Architektin verheiratete Selenskyj, der noch zu Sowjetzeiten am 25. Januar 1978 geboren wurde, gibt sich als liberal und weltoffen.

Selenskyj strebt einen
unverkrampften Umgang von
Ukrainern und Russen an.

Und dass er es versteht, in der oft als frustrierend beklagten Lage in der Ukraine auch für Lacher zu sorgen, kommt bei seinen Landsleuten gut an. Dabei sprach der Sohn eines Mathematikers und einer Ingenieurin lange Zeit nur Russisch – in einem Land, das sich mit viel Energie abwenden will vom großen Nachbarn Russland. Vor allem in Moskau gab es nach seinem Sieg nun wieder Hoffnungen auf einen neuen unverkrampften Umgang von Ukrainern und Russen.

Comedyserie Die ukrainischen Fernsehzuschauer jedenfalls können sich jetzt auf eine Dauersendung mit Selenskyj und seiner rauchig-warmen und durchdringenden Stimme einstellen. Die Comedyserie aber ist vorerst beendet. Dabei wurde bis zuletzt heiß diskutiert, ob »Diener des Volkes« mit einem neuen Darsteller weitergehen kann. Jewgeni Koschewoj von der Comedytruppe meinte dazu aber nun: »Dieser Mensch ist unersetzlich.«

 

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