Schweiz

Aus Basel in die Welt

Die Buchhandlung Goldschmidt hat sich mit ihrem Verlag auf Siddurim und Judaica spezialisiert

von Peter Bollag  13.08.2020 09:55 Uhr

Erzählt auch die Geschichte der Familie Goldschmidt: das neue Buch Foto: PR

Die Buchhandlung Goldschmidt hat sich mit ihrem Verlag auf Siddurim und Judaica spezialisiert

von Peter Bollag  13.08.2020 09:55 Uhr

Die Buchhandlung Goldschmidt in Basel gibt es seit fast 120 Jahren, nun erzählt ein Buch ihre spannende Geschichte. Die Basler Mostackerstraße in der Nähe der Großen Synagoge der Israelitischen Gemeinde ist eine ruhige Straße, praktisch ohne Autoverkehr und viele Passanten. Hier haben die Buchhandlung und der Verlag Goldschmidt seit rund 80 Jahren ihren Sitz. Seit 2013 ist die Gründerfamilie selbst nicht mehr im Geschäft, das damals an einen Basler Interessenten verkauft wurde.

Der langjährige Geschäftsführer und Inhaber Salomon Goldschmidt, der 1940 geboren wurde, in dem Jahr, als die Buchhandlung an ihren jetzigen Standort umzog, hat nun die Geschichte der Firma in einem Buch zusammengefasst. Es ist schön gestaltet und dokumentiert überzeugend die lange Geschichte dieser jüdischen Institution, deren Bedeutung weit über die Schweiz und Europa hinausgeht.

Laden Aus dem »kleinen, bescheidenen Laden«, den Pessach Meir Goldschmidt 1902 in der Basler Innenstadt eröffnete und in dem vor allem jüdische rituelle Gegenstände angeboten wurden, entwickelte sich nach und nach die Buchhandlung Goldschmidt. Der Gründer wurde im damals russischen, heute litauischen Plungian geboren und wanderte nach Aufenthalten in Deutschland schließlich in die Schweiz ein. Dies, obwohl ihm dieses Land als für einen orthodoxen Juden ziemlich steiniger Ort beschrieben worden war. Dennoch oder gerade deswegen florierte die bescheidene Buchhandlung.

Als der fünffache Familienvater Pessach Goldschmidt 1923 nur 47-jährig starb, musste sein damals erst 17 Jahre alter Sohn Victor in die Bresche springen und den Betrieb übernehmen. Immerhin konnte Victor Goldschmidt unter anderem an der Jeschiwa in Frankfurt sein jüdisches Wissen mehren, was der Buchhandlung und später auch dem Verlag zugutekommen sollte.

Nationalsozialismus Trotz der drohenden Gefahr durch den aufkommenden Nationalsozialismus konnte die Buchhandlung weiter ausgebaut werden. Der Zweite Weltkrieg und die aus diesem Grund geschlossenen Grenzen brachten diese Entwicklung zumindest vorläufig zu einem jähen Ende.

Noch vorher habe Victor Goldschmidt von Basel aus versucht, Bestände an wertvollen jüdischen Büchern aus Deutschland zu retten, etwa kurz vor Kriegsbeginn aus Karlsruhe, berichtet sein Sohn Salomon im Buch. Als Zeuge der Verhaftung eines Karlsruher Buchhändlers, der verkaufen wollte, sei es Goldschmidt in diesem Fall gelungen, mithilfe des Schweizer Konsuls in Deutschland die Freilassung und Ausreise des Mannes zu erreichen.

Nach der Schoa konnte die Buchhandlung als praktisch einzige ihrer Art in Mitteleuropa mithelfen, jüdisches religiöses Leben zu unterstützen und weiter zu ermöglichen; Judaica waren Mangelware und die Nachfrage entsprechend groß.

Übersee Bestellungen kamen in der Folge aus der ganzen Welt. So wurden 1951 Torarollen nach New York geliefert, im Buch ist beispielsweise auch die Anfrage eines Buchhändlers aus Dscherba (Tunesien) dokumentiert. Arba Minim, die vier Pflanzenarten für den Feststrauß von Sukkot, wurden vor allem aus jüdischen Gemeinden des Ostblocks nachgefragt – und aus Basel oft mit großem administrativem Aufwand verschickt. Um jüdische Bildung in einer schwierigen Zeit zu stärken, gründete Victor Goldschmidt 1947 dann auch einen Verlag. Dank dieses Verlages erschienen nun in Basel zahlreiche Neu- oder Nachdrucke jüdisch-religiöser Werke.

Mit dem Erwerb der Rechte für den damals weltberühmten »Rödelheimer Siddur« gelang Goldschmidt kurz danach das, was man einen Coup nennen kann. »Rödelheimer Siddurim« sind in der jüdischen Welt noch immer ein Begriff, wenn mittlerweile auch längst andere Verlage aus Israel oder dem angelsächsischen Raum in diesem Markt tätig sind und dem »Rödelheimer« mit eigenen Ausgaben den Rang abgelaufen haben.

Salomon Goldschmidt übernahm Buchhandlung und Verlag dann 1973 – auch er nach dem Tod seines Vaters. Und führte die Firma bis zum Verkauf nicht nur 40 Jahre lang weiter, sondern legte nun auch die Chronik des Hauses Goldschmidt vor.

Salomon Goldschmidt: »Von Plungian nach Basel – Eine jüdische Buchhandlung und Verlag im Wandel der Zeit«. Goldschmidt AG, Basel 2020, 303 S., 25 CHF

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