Luxemburg

Aufarbeitung auf Lëtzebuergisch

Seit einigen Monaten ist in Luxemburg die Frage um Widerstand oder Kollaboration während der deutschen Besatzung in vollem Gange. Ausgangspunkt waren Listen mit den Namen jüdischer Kinder, die zum Teil aus Luxemburg deportiert wurden. Der Historiker Denis Scuto hatte sie auf dem Nachrichtenportal RTL.lu veröffentlicht.

Was als Streit zwischen wenigen Historikern begonnen hatte, ist mittlerweile zur gesellschaftlichen Debatte geworden. Seit Scutos Listen diskutiert das Land darüber, inwieweit die Luxemburger mit den deutschen Besatzern zusammengearbeitet haben – wird ein Tabu in der kollektiven Erinnerung allmählich aufgebrochen.

Eine Verwaltungskommission hatte die Regierung ähnlich wie in Belgien seinerzeit ersetzt. Deren genaue Rolle ist bis heute ungeklärt. Mittlerweile hat Premier Jean-Claude Juncker eine Historikerkommission einberufen, um Licht in dieses Kapitel der Luxemburger Geschichte zu bringen. Genau zum richtigen Zeitpunkt läuft da die Ausstellung »Between shade and darkness. Das Schicksal der Juden Luxemburgs von 1940 bis 1945« im Resistenzmuseum in Esch-sur-Alzette, der zweitgrößten Stadt des Landes.

Der etwas kryptisch anmutende Titel soll auf die beiden Phasen verweisen, die in der Ausstellung thematisiert werden. Der erste Zeitraum zwischen Mai 1940 und Oktober 1941 behandelt die Vertreibung der Juden und macht klar: Ziel der deutschen Besatzer war es, ein – in der nationalsozialistischen Terminologie – »judenreines« Luxemburg zu schaffen.

vernichtung Die zweite Phase beginnt Mitte Oktober 1941 und behandelt die Deportation Hunderter in die osteuropäischen Ghettos und Vernichtungslager. Sieben Züge mit mehr als 700 Menschen jeden Alters verlassen Luxemburg zwischen 1941 und 1943 in Richtung Osten. »Mit dem Titel wollten wir zeigen, dass es eine erste Periode gab, die schon sehr dunkel ist, und dann eine zweite, die noch dunkler ist«, sagt Laurent Moyse, ehemaliger Chefredakteur der französischsprachigen Ausgabe des »Luxemburger Worts« (La Voix), der die Ausstellung in weiten Teilen konzipiert hat.

Auf 17 Tafeln werden historische Fotos wie auch einige der berüchtigten Listen gezeigt. Anhand der Lebenswege von Robert Serebrenik, ab 1929 Rabbiner in Luxemburg, und Alfred Oppenheimer ist es möglich, zwei einzelne »Schicksale« zu verfolgen. Serebrenik unternahm alles in seiner Macht stehende, um Juden bei der Auswanderung zu unterstützen.

Nach der Zwangsauflösung des israelitischen Konsistoriums beauftragten die deutschen Besatzer den Geschäftsmann Alfred Oppenheimer, den »Ältestenrat der Juden« zu leiten. Oppenheimer übernahm diese Aufgabe bis zu seiner Deportation im Jahr 1943. Er habe die beiden Männer ausgewählt, weil sie unwillentlich zu zentralen Figuren der Epoche wurden, sagt Moyse. Zudem hatten sie sowohl eine Art Verantwortung gegenüber den Besatzern als auch gegenüber der jüdischen Gemeinschaft. Ihre Lebensetappen fungieren damit als roter Faden der Ausstellung.

Schicksale In den Katalogtexten schlägt Moyse einen Bogen von der Situation der jüdischen Bevölkerung in Luxemburg über die individuellen Schicksale der beiden hin zu einer allgemeinen Ebene. Immer wieder streut er Zahlen ein, um die Relationen klarzumachen. Fotos von Schaufenstern, die mit NS-Propaganda beschmiert waren, deuten darauf hin, dass ab den 30er-Jahren auch in Luxemburg antisemitische Tendenzen zunahmen. »Sozialer Neid war stark ausgeprägt«, betont Moyse. Auch die rechts-katholische Presse hetzte die Bevölkerung gegen eingereiste Juden auf, die Haltung der Regierung war defensiv: 1935 wurde mehr als der Hälfte der 651 Juden, die einen Asylantrag gestellt hatten, die Einreise nach Luxemburg verweigert; unerwünschte Flüchtlinge wurden nach 1938 ausgewiesen.

Die etwa 80 Exponate bestehen überwiegend aus historischen Dokumenten und Briefen wie etwa den Antwortschreiben von Distriktskommissaren an ihre Bezirksverwaltungen über »die Beseitigung jüdischen Einflusses auf das öffentliche Leben«. Da heißt es etwa: »Hiermit beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, dass in meinem Amte keine Person tätig ist, die von den kommenden Bestimmungen betroffen ist.«

Ob diese Briefe als Zeichen der Kollaboration oder im Gegenteil als Protektion von Juden zu deuten sind, ist unklar und bleibt der Interpretation des Besuchers überlassen. Museumsdirektor Frank Schroeder verspricht sich davon, dass es über diese Dokumente möglich sein wird, sich eigene Gedanken zu machen. Anders hätte man das angesichts der knappen finanziellen Mittel des Museums nicht angehen können.

Bewusstsein Das Resistenzmuseum fristet seit seiner Eröffnung 1956 ein stiefmütterliches Dasein. Mehrmals war eine Renovierung geplant, immer wieder fiel der marode Bau staatlichen Sparmaßnahmen zum Opfer – ein Grund, weswegen sich der Verein »Freunde des Resistenzmuseums« gegründet hat. Deren Präsident André Hoffmann sieht seinen Auftrag neben Lobbyarbeit in Bewusstseinsbildung. So ist es der Initiative des Vereins zu verdanken, dass begleitend zur Ausstellung im Herbst auch in Esch Stolpersteine zum Gedenken an deportierte jüdische Einwohner verlegt werden sollen. Führt man sich vor Augen, wie weit am Anfang Luxemburg mit der Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit steht, ist dies ein wichtiges Signal.

So bietet die kleine Ausstellung in Esch einen ersten Einblick, wirkt jedoch insgesamt recht unsortiert. An einer Museumspädagogik fehlt es. Auch die Bildsprache des Flyers, der einen bis auf die Knochen ausgemergelten neben einem wohlhabenden Mann zeigt, wirkt klischeehaft und effektheischend. Nur kohärent erscheint es hingegen, dass mit Laurent Moyse jemand aus der jüdischen Gemeinschaft, der Zugriff auf die Archive des Konsistoriums hat und die geschichtlichen Zusammenhänge gut kennt, die Redaktion der Texte übernommen hat. An der Gestaltung des Flyers hat Moyse nicht mitgewirkt.

Entscheidend für ihn ist, »dass man einen Überblick über die Zeit bekommt«. Er hofft, dass viele Schulklassen diese Ausstellung besuchen werden. Denn bis heute dominiert in den Schulbüchern das Narrativ des deutschen Überfalls und der Luxemburger Widerstand.

Plausibel wirken vor diesem Hintergrund die von Moyse eingestreuten Zahlen. Sein Fazit fällt nüchtern aus: Von den ungefähr 4000 Juden, die Anfang 1940 in Luxemburg gelebt haben, starben mehr als 1200 während ihrer Deportation. Insgesamt kam ungefähr ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Luxemburgs während des Zweiten Weltkriegs um. Unter der Gesamtbevölkerung lag der Anteil bei zwei Prozent. Seitdem, liest man im Katalog, hat sich die jüdische Gemeinschaft in Luxemburg nie wieder erholt. »Das kulturelle, religiöse, intellektuelle und materielle Erbe einer ganzen Gemeinschaft ist in den Trümmern des Krieges untergegangen.«

»Between Shade and Darkness. Das Schicksal der Juden Luxemburgs von 1940 bis 1945«. Bis 24. November im Musée national de la Résistance, Esch-sur-Alzette
www.musee-resistance.lu

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