Frankreich

Auf den Leim gegangen

David Rachline: Für den Front National zog der Sohn ukrainisch-jüdischer Einwanderer 2014 im Alter von nur 26 Jahren als Bürgermeister in das Rathaus von Fréjus. Foto: Getty Images

Einfach nur Wölfin im Schafsfell oder wirkliches Umdenken? Müssen bei den Worten »Ich bin keine Antisemitin« eigentlich nicht sofort die Alarmglocken schrillen, vor allem dann, wenn sie aus dem Mund von Marine Le Pen stammen?

Sicher sollte man nicht reflexartig alles bezweifeln. Doch manchmal lohnt es sich, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Ganz besonders empfiehlt sich das, wenn es sich um die Tochter eines verurteilten fanatischen Antisemiten und Holocaustleugners wie Jean‐Marie Le Pen handelt. Die Zeiten wandeln sich jedoch, und Politiker sind oft die Ersten, die eine Antenne dafür haben.

Feinde Marine Le Pen erkannte das Potenzial der jüdischen Wählerschaft für ihren Imagewandel. Zugleich witterte sie den Vormarsch eines neuen Feindes, des radikalen Islam. Warum also nicht nach dem bewährten Prinzip »Deine Feinde sind auch meine Feinde« handeln? Sie agierte folgerichtig, verbannte den bornierten Vater, nutzte aufkeimende Ressentiments gegenüber Migranten und positionierte sich symbolpolitisch als Philosemitin.

Der Gedanke dahinter: Gelingt es ihr, Frankreich, das konservative, katholische und auch laizistische Land, von einer Kehrtwende in der Judenfrage zu überzeugen, würde auch die Wandlung des Front National in eine Volksbewegung glücken, die Klassen und Identitäten überschreitet.

Als Jude kann man in der RN plötzlich eine Blitzkarriere machen.

Bewegung Ein neues Etikett, eine neue Bezeichnung sollte ihr Übriges tun. Le Pen benannte 2018 den Front National in Rassemblement National (RN) um – aus der kämpferischen Abgrenzung wurde so eine nationale Sammelbewegung. Le Pen brach auf zu neuen Ufern, vergleichbar mit Emmanuel Macron, der ebenfalls die klassischen Parteienstrukturen abstreifte und ebenso den Begriff Bewegung bevorzugt. Jünger, schneller, aktionsfähiger sollte die rechte Gruppierung werden.

Auch in Ansprachen berief sich Le Pen nun auf Artikel 1 der RN‐Statuten: Gleichheit aller französischen Staatsbürger vor dem Gesetz, »ohne Unterschied von Herkunft, Rasse oder Religion«. Der RN wolle »Souveränität, Unabhängigkeit und Identität der Nation« verteidigen.

Alles nur Tarnung, oder ist das nicht doch revolutionär für eine Partei, deren Markenkern eigentlich die Ausgrenzung ist? Wie aber erklärt sich die Anziehungskraft auf junge französische Juden? Mit freiheitlich‐demokratischen Selbstverständ­lichkeiten lassen sich heute kaum Wähler mobilisieren. Das Kernproblem besteht eher darin, dass die Grundprinzipien des französischen Staates – Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit – zu verblassen drohen und von einer von Existenzängsten bedrohten Jugend nicht mehr wahrgenommen werden.

Wer Zweifel am Schutz einer demokratischen Ordnung hegt, gerät leichter in die Fänge derer, die Stärke und Sicherheit versprechen. Wenn an Medizinfakultäten »Integrationswochenenden« unter dem Motto »Auschwitz 2019« mit fröhlichem Kippawerfen stattfinden sollen und die Organisatoren sich mit der Berufung auf ein einfaches »Späßchen« aus der Affäre ziehen wollen, tritt zu Recht Verunsicherung auf.

Tagespolitik Nicht alle Studenten reagieren so couragiert wie die Medizinstudentin im zweiten Semester in Paris und wenden sich an die Universitätsverwaltung. Andere versuchen, sich zu assimilieren, in der Menge zu verschwinden, um nicht ständig mit ihrer Religion oder der Tagespolitik in Israel konfrontiert zu werden. Sascha, ein Real‐Estate‐Management‐Student, hat schlichtweg keine Lust mehr, schuld an allem zu sein, was im Gazastreifen passiert, nur weil er Schabbat feiert. Er hat »die Nase voll«, allein wegen seines Nachnamens auf Fakultätspartys als Immobilientycoon mit Strandvilla in Netanja tituliert zu werden.

Die Grundprinzipien des französischen Staates – Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit – drohen zu verblassen.

Ähnlich ergeht es auch Benjamin, einem Jurastudenten an einer der angesehensten Rechtsfakultäten Frankreichs. Einerseits wird er aufgrund seiner Herkunft von Adelssprösslingen abschätzig angesehen, andererseits sind ihm auch die gesellschaftskritischen linken Kommilitonen nicht wohlgesinnt. Je stärker sich Identitäten und Kleingruppen herausbilden, je mehr sich persönliche Befindlichkeiten im öffentlichen Raum verstärken, desto größer der Unmut bei denen, die einen unerschütterlichen Glauben an die französische Zivilgesellschaft und deren Aufstiegsmöglichkeiten hegen.

Die Skepsis gegenüber der eigenen Position und Haltung findet jedoch kaum Widerhall in bestehenden Organisationen wie der »Union des Etudiants Juifs«, die sich klar über die eigene Identität und gruppenspezifische Interessen definiert.

Aushängeschild Vorbilder für die Verbindung von jüdischer Herkunft und Citoyen‐Denken glauben Studenten wie Benjamin und Sascha vielmehr im RN zu finden. Marine Le Pen wiederum zögert nicht, ihre jungen Wölfe an die Anwerbefront zu schicken. Kelly Betesh, Jurastudentin und zugleich in der Ausbildung zur Hebamme, war mit einem israelischen Vater das perfekte Aushängeschild für die judenfreundliche Kehrtwende.

Dass sie inzwischen bei den Marine‐Abtrünnigen in der rechten Splitterpartei »Die Patrioten« gelandet ist, ändert nichts an der Anziehungskraft des RN. David Rachline, Sohn ukrainisch‐jüdischer Einwanderer, ist ein weiteres Beispiel, welche Blitzkarrieren in der RN plötzlich möglich sind. Im Alter von 26 wurde er bereits Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Fréjus.

Bis zur Hakennase und jüdischen Weltverschwörung ist der Weg nicht weit

Gleichheit Karrieren wie diese, gefördert und in Szene gesetzt von der RN‐Chefin höchstpersönlich, verführen insbesondere dann, wenn ein Land wie Frankreich seine eigenen Prinzipien nicht mehr mit Verve zu vertreten scheint. Die Sehnsucht nach Gleichheit sollte aber ebenso von allen Staatsbürgern verteidigt werden wie das Recht auf freie Religionsausübung. Die Gefahr, dass selbst gut ausgebildete junge Franzosen den Demokratiefeinden der RN auf den Leim gehen, wächst ansonsten ins Unermessliche.

Als Tutorial, quasi zur Immunisierung, sollte man nicht nur mit jungen Juden Textanalyse betreiben, damit sie begreifen, dass ein Satz noch lange keinen Judenfreund macht. Denn Marine Le Pens Statement endet mit: »Mein Banker ist Jude.« Und von da zur Hakennase und Weltverschwörung ist der Weg nicht weit.

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