Österreich

Attacke in der Wiener U-Bahn

Wien: Tatort U-Bahn Foto: imago images/Manngold

Wenn die 19-jährige Studentin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, die vergangenen Wochen Revue passieren lässt, dann klingt das ein wenig wie aus einem Roman von Franz Kafka. Nur, dass das alles tatsächlich passiert ist.

Am 17. Mai wurde die Judaistikstudentin mitten am Tag in der Wiener U-Bahn eineinhalb Stationen lang zwischen den Stationen Landstraße und Stephansplatz von drei Männern als »Judenschlampe« und »Kindermörderin« beschimpft, an den Haaren gezerrt und drangsaliert. Warum? Sie hatte das Buch The Jews in the Modern World gelesen. Jetzt aber, und das ärgert die junge Frau am meisten, reden alle nur noch davon, was die Polizei damals falsch gemacht hat.

Polizeistreife »Sie haben mit der Situation erst einmal nichts anfangen können«, sagt die Studentin über ihr Gespräch mit Beamten einer Polizeistreife. Grundsätzlich aber, so sagt sie auch, seien die Beamten zuvorkommend gewesen und hätten gefragt, ob sie denn einen Arzt benötige.

Eine erste Einschätzung der Polizisten zu der Tat war, die Angreifer hätten sich wohl wegen des Buches provoziert gefühlt. Woraufhin sich die Beamten in eine Debatte verstiegen, ob es sich bei dem Angriff nun um eine antisemitische Tat handle oder nicht. Fazit: Nein. Denn: Die Studentin ist keine Jüdin.

Anzeige erstattete die junge Frau dann schließlich erst nach einigen Tagen – zu spät, wie sich herausstellen sollte, denn die Daten aus der Videoüberwachung der U-Bahn waren zu diesem Zeitpunkt bereits gelöscht. Auf der Polizeistation aber hätten die Beamten dann außerordentlich korrekt agiert, sagt die Studentin.

unwissenheit Für Benjamin Nägele, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), ist die Tatsache, wie die Polizei mit dem Fall umgeht, jedenfalls weniger ein Fall von Antisemitismus als einer von gefährlicher Unwissenheit, die in direkter Konsequenz die Betroffene selbst nach ihrer Attacke nochmals empfindlich trifft. In diesem Feld aber, so sagt er auch, werde »viel gemacht«. Damit meint Nägele neben der im Januar verabschiedeten nationalen Antisemitismus-Strategie mit 38 Maßnahmen auch ein neues mehrstündiges Antisemitismus-Schulungsmodul, das gerade entwickelt und in der Polizeiausbildung angewandt werden soll und bereits im Probebetrieb aktiv ist, sowie Antisemitismus als explizites Anzeigenmotiv.

»Die Tat geht mir viel näher als die Reaktion der Polizisten«, sagt die betroffene Studentin. Und auch Nägele warnt: »Der Angriff ist schockierender – da darf man jetzt den Fokus nicht zu sehr verschieben.« Betroffen mache ihn vor allem auch, dass niemand eingeschritten ist.

Allerdings, so sieht es jetzt aus, dürfte der Angriff in der Wiener U-Bahn viel mehr für die Beamten als für die Angreifer Folgen haben. Das österreichische Innenministerium leitete eine Untersuchung ein, und auch disziplinar- oder gar strafrechtliche Ermittlungen in der Sache sind nicht auszuschließen.

Wie viele europäische Länder hat auch Österreich ein Problem mit Judenhass: Laut der Antisemitismus-Meldestelle der IKG in Wien stieg die Zahl der gemeldeten Fälle im Jahr 2020 um 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr – eine Tendenz, die sich 2021 fortsetzen könnte.

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  13.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

USA

Aus dem »Deep Shtetl« zur »New York Times«

Yair Rosenberg soll es richten. Der Journalist schreibt fortan über jüdisches Leben und Antisemitismus in den Vereinigten Staaten

von Sophie Albers Ben Chamo  09.07.2026

Nachruf

Louise Lasser, die Frau, die Mary Hartman erfand, ist tot

Die Schauspielerin vertrat Barbra Streisand auf dem Broadway und war mit Woody Allen verheiratet. Sie wurde 87 Jahre alt

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026