Argentinien

Anklage nach 26 Jahren

AMIA-Anschlag 1994 Foto: Reuters

Carlos Telleldín soll verhaftet werden und 20 Jahre hinter Gitter – so forderten es kürzlich die beiden jüdischen Verbände AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) und DAIA (Delegación de Asociaciones Israelitas Argentinas) in ihrem gemeinsamen Plädoyer.

Telleldín ist nach wie vor auf freiem Fuß. Dem 59-Jährigen wird vorgeworfen, die Autobombe präpariert und übergeben zu haben, mit der am 18. Juli 1994 ein Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires verübt wurde. Dabei kamen 85 Menschen ums Leben, und mehr als 300 wurden verletzt.

Prozess Nach dem Plädoyer in dem laufenden Verfahren kommen nun Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu Wort. In den kommenden Wochen wird das Urteil erwartet. Gerade für die jüdische Gemeinde ist dies ein wegweisender Moment – 26 Jahre nach dem Anschlag könnte es doch noch eine Verurteilung in dem Fall geben.

»Am 25. Juli 1994, sieben Tage nach dem Angriff, fanden israelische Soldaten, die bei der Bergung der Opfer halfen, zusammen mit argentinischen Polizisten den Motorblock eines Kleinbusses der Marke Renault Trafic«, erzählt Miguel Bronfman, der AMIA in dem Verfahren als Anwalt vertritt, der Jüdischen Allgemeinen. »Experten haben bestätigt, dass es sich bei der Autobombe um einen weißen Renault Trafic handelte. Nach der Identifizierung des Motors wurde der Besitzer des Kleintransporters zurückverfolgt, und so kam man auf Carlos Telleldín, der ihn bis zum 9. oder 10. Juli 1994 in seinem Besitz hatte.«

Im Jahr 1996 erklärte Telleldín vor Gericht, er habe den Kleinlaster einer Gruppe von Polizisten übergeben. Daraufhin wurden vier ehemalige Beamte festgenommen und mussten sich zusammen mit Telleldín ab 2001 vor Gericht verantworten.

Bis heute ist das Attentat nicht vollständig aufgeklärt. Als Urheber gilt die vom Iran unterstützte Hisbollah.

Dort wurde festgestellt, dass Telleldín auf Weisung eines Bundesrichters vom mittlerweile aufgelösten Geheimdienst SIDE 400.000 US-Dollar erhalten hatte, damit er die Polizisten beschuldige, Verbindungen zu den AMIA-Attentätern zu haben. Das Gericht sprach daraufhin 2004 alle Angeklagten frei. AMIA und DAIA legten Berufung ein. Im Jahr 2009 bestätigte das Oberste Gericht den Freispruch für die Polizisten, befand jedoch, dass Telleldín erneut vor Gericht gestellt werden könne.

»Die Justiz brauchte zehn Jahre, um den neuen Prozess gegen Telleldín einzuleiten, und tat dies vor allem auf Drängen von AMIA und DAIA«, so Bronfman.

Indizien Zahlreiche Indizien sprechen gegen Telleldín, sagt der AMIA-Anwalt. Telleldín sei in zahlreiche illegale Aktivitäten verstrickt gewesen: Frauenhandel, Dollarfälschung, Schmuggel, Diebstahl und Fahrzeugschieberei. »Um all diese Aktivitäten im Laufe der Jahre durchführen zu können, hatte er stets gute Kontakte zur Polizei. Eine weitere wichtige Tatsache ist, dass sein Vater Pedro Telleldín während der Militärdiktatur Leiter der Geheimdienstabteilung der Polizei von Córdoba war.«

Dieser starb, bevor er belangt werden konnte, 1983 bei einem Autounfall. »Es gibt zahlreiche Zeugenaussagen, dass Telleldín Sr. nicht nur ein grausamer Folterer war, sondern auch ein Antisemit, da jüdische Opfer besonders unter seiner Gewalt litten. Es ist auch verbrieft, dass er Anhänger der Nazis war.«

Telleldín habe gewusst oder sei sich der Möglichkeit bewusst gewesen, dass man den von ihm übergebenen Van für eine Explosion verwenden will, die zum Tod von Menschen führen würde, so Bronfman.

verhaftung Nach seiner Verhaftung machte Telleldín Falschaussagen, die während der Ermittlungen aufgedeckt wurden. »Es ist offensichtlich, dass seine Lügen verbergen, wem er den Kleinlaster wirklich übergeben hat, und dass er die Wahrheit nicht sagen kann, weil sie ihn kompromittiert«, so Bronfman.

Bis heute ist das Attentat nicht vollständig aufgeklärt. Als Urheber gilt die vom Iran unterstützte Hisbollah. Die Entscheidung für den Anschlag sei an höchster Stelle in Teheran gefallen, so eine argentinische Untersuchungskommission. Die Komplizenschaft bei dem Attentat in Argentinien selbst ist nie ausreichend beleuchtet worden.

Zürich / Washington

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