Polen

Als Gliwice noch Gleiwitz hieß

Klar strukturiert: Blick in die Ausstellung Foto: www.krzeminskifoto.com

Die heute polnische Region Oberschlesien wurde im Laufe der Geschichte stark von deutschen Juden geprägt. In der Stadt Gliwice (Gleiwitz), rund 100 Kilometer nordwestlich von Krakau, gibt es neuerdings im sogenannten Haus der Juden aus Oberschlesien eine Dauerausstellung zu diesem Thema.

Auf rund 150 Quadratmetern hat Kuratorin Bozena Kubit mit ihren Mitarbeitern eine dichte, klar strukturierte und mit etlichen Objekten, Briefen und Bildern gefüllte Schau erstellt. Sie zeigt jüdisches Leben in der Region seit der ersten urkundlichen Erwähnung im 13. Jahrhundert, als aus Westeuropa vertriebene Juden Schutz im Osten suchten. Und sie reicht bis hinein in das 20. Jahrhundert, als jüdisches Leben durch die Erschütterungen der Schoa in der Region nahezu vollständig zerstört wurde. Nach 1945 konnte es unter schwierigen Vorzeichen und weniger umfassend als zuvor, aber dennoch neu entstehen. Die wenigen heute hier lebenden Juden – rund 200 Mitglieder zählt die Gemeinde – sind größtenteils Nachfahren der nach 1945 aus dem Osten zugewanderten polnischen Juden.

Die wenigen heute hier lebenden Juden sind größtenteils Nachfahren der nach 1945 aus dem Osten zugewanderten Juden.

Der Schwerpunkt der Schau liegt auf dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Zahl und auch der Einfluss der sich wandelnden und assimilierenden jüdischen Bevölkerung auf die Region am größten waren. »An jene, die diese Region so maßgeblich geprägt haben, soll entsprechend erinnert werden – das war unser Leitgedanke«, sagt Kuratorin Kubit.

Sie und ihr Team haben bei der Forschungsarbeit auch mit etlichen Institutionen und Privatpersonen in Deutschland zusammengearbeitet. Auf der Website bündelt das Museum vertiefende Informationen, auch auf Deutsch. »Und wir wollen ebenfalls, dass noch mehr Menschen, die das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz besuchen, zu uns kommen.«

Vielfalt Auch die Gleiwitzer Ausstellung zeigt die Schoa und die Todeswege der oberschlesischen Juden. Doch insgesamt dominiert das jüdische Leben in seiner einstigen Vielfalt. Es werden namhafte Persönlichkeiten gezeigt, die über die Region hinaus wirkten, etwa der Unternehmer Oscar Troplowitz, Begründer des Beiersdorf-Konzerns und Miterfinder der Nivea-Creme, oder Rabbiner Leo Baeck, der in Opole sein Hauptwerk Das Wesen des Judentums schrieb.

Auch wichtige historische Ereignisse werden dokumentiert. So fand in Kattowitz im Jahr 1884, also 13 Jahre vor dem Basler Zionistenkongress, die erste internationale zionistische Konferenz der Chibbat-Zion-Bewegung statt, auf der die Beteiligten beschlossen, neue jüdische Siedlungen in Palästina zu unterstützen.

Doch nicht nur die Ausstellung, die von der Stadt Gliwice, dem polnischen Kultusministerium sowie der deutschen Botschaft finanziert wurde, birgt Geschichten. Das Gebäude, in dem die Schau gezeigt wird, ist eine »architektonische Perle«, wie der Vorsitzende der regionalen jüdischen Gemeinde, Włodzimierz Kac, sagt. Die an der Wende zum 20. Jahrhundert von dem Wiener Architekten Max Fleischer entworfene einstige Friedhofshalle ist vor einigen Jahren durch die Stadt aufwendig restauriert worden.

Neben der nun eröffneten Dauerausstellung ist vor allem die zentrale Halle imposant.

eröffnung Neben der nun eröffneten Dauerausstellung ist vor allem die zentrale Halle imposant. Dort wurden bei der Eröffnung der Ausstellung einige jüdische Lieder vorgetragen. In ihnen schien die gesamte komplexe Geschichte jener Menschen widerzuhallen, die einst hier lebten oder von hier aus in die weite Welt zogen.

Anna Frid ist eine der wenigen Juden, die hier in der Region geblieben sind, auch wenn sie parallel in Schweden eine Wohnung hat. Seit der Eröffnung des Hauses vor drei Jahren unterstützt die 68-Jährige als Ehrenamtliche das Museum – und sieht das Potenzial von Orten wie diesen. Sie nehme in Polen durchaus antisemitische Einstellungen wahr, sagt sie, »doch bei den Veranstaltungen oder Vorträgen im Haus, bei denen der Saal fast immer voll ist, kommen so viele Menschen, die erstaunlich viel wissen. Und vor allem: noch mehr wissen wollen.«

skarbnica.muzeum.gliwice.pl/?lang=de

Essay

Sündenfall des Big Apple

New Yorks Bürgermeister macht den Nahostkonflikt zur Innenpolitik und feiert BDS, während seine Frau den 7. Oktober rechtfertigt. Hinter der Fassade der Wohltäter steht die harte Ideologie der Ausgrenzung

von Louis Lewitan  04.06.2026

Brnenec

Museum in Oskar Schindlers Fabrik - Politiker sagen Unterstützung zu

Auf dem Gelände der früheren Fabrik von Oskar Schindler gibt es heute ein Museum. Noch zwickt es dort finanziell ordentlich. Aber Hilfe für die NS-Gedenkstätte ist zumindest am Horizont

von Alexander Brüggemann  03.06.2026

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

New York

Ronald Lauder: »Israel verliert den globalen Informationskrieg«

»Wenn man die Mainstream-Presse liest, muss man sich fragen, wie der einzige jüdische Staat zur meistgehassten Nation der Erde werden konnte«, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 02.06.2026

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026