USA

Als der Rabbi Weihnachten feierte

Interreligiös am Tannenbaum: In den Vereinigten Staaten feiern viele Familien sowohl Weihnachten als auch Chanukka. Foto: dpa

Als Eric Woodward (31) seine Rabbinerausbildung am Jewish Theological Seminary der Konservativen Bewegung begann, nahm er an, er sei der einzige Student, der nicht nur mit Chanukka, sondern auch mit Weihnachten aufgewachsen war. Doch als er nach einigen Semestern eine Diskussionsgruppe für Studenten aus interreligiösen Familien gründete, kamen mehr als 20 Teilnehmer. Nicht alle waren Kinder aus »Mischehen« wie Woodward, der in Los Angeles mit seiner säkularen jüdischen Mutter und seinem katholischen Vater aufwuchs. Einige waren zum Judentum übergetreten, andere hatten Eltern, die konvertiert

»Ich sehe interkonfessionelle Familien nicht als Schande oder Stigma«, sagt Woodward, der im Mai zum Rabbiner ordiniert wurde und nun bei der Congregation Tifereth Israel in Columbus, Ohio, amtiert. »Das hat mich nicht von meinem jüdischen Werdegang abgehalten, und es wird auch niemand anderen abhalten.«

Studie Laut der im Oktober veröffentlichten Studie des Pew Research Center über das amerikanische Judentum wuchsen 50 Prozent der gegen Ende des Jahrtausends geborenen Juden – also die Generation, die in den 80er- und 90er-Jahren geboren wurde – in konfessionell gemischten Familien auf. Und auch, wenn die meisten von ihnen nicht Rabbiner werden, ist es längst nicht mehr ungewöhnlich, solche Juden im nichtorthodoxen Rabbinat anzutreffen.

An den Rabbinerseminaren der Reformbewegung und der Rekonstruktionisten stellen sie eine nicht zu übersehende Minderheit. Inoffiziellen Schätzungen zufolge machen die Kinder aus »Mischehen« am Hebrew Union College der Reformbewegung zwischen 20 und 50 Prozent aus. Marley Weiner, Studentin am Reconstructionist Rabbinical College, berichtet, sechs von zwölf Studenten in ihrem Jahrgang hätten wie sie selbst einen jüdischen Vater und eine nichtjüdische Mutter.

»Ich finde das toll«, sagt Rabbi Renni Altman, der das Ausbildungsprogramm am Hebrew Union College in New York leitet. »Sie bereichern die Gemeinschaft mit ihrer Sensibilität und ihrem geschärften Bewusstsein.« Diese jungen Rabbiner erbringen den Beweis, wie viel Potenzial in einer Gruppe steckt, die von vielen Demografen bereits abgeschrieben wurde – ein Argument, dem der Verfasser der neuen Pew-Analyse, Theodore Sasson, ein renommierter Forscher am Cohen Center for Modern Jewish Studies der Brandeis-Universität, nur beipflichten kann: »Die Frage, wie jüdische Organisationen mit diesen Menschen umgehen, wird über die Zukunft des amerikanischen Judentums entscheiden.«

Rabbiner, die in interkonfessionellen Familien groß wurden, sind ein gemischtes Völkchen. Einige wurden jüdisch erzogen, andere nahmen das Judentum erst als Teenager oder im Erwachsenenalter an. Manche fühlten sich als Kinder von der jüdischen Gemeinschaft akzeptiert, andere weniger. Doch alle sagen, ihre Familien, jüdische wie nichtjüdische, würden ihre Entscheidung, Rabbiner zu werden, unterstützen. Alle sehen ihren familiären Hintergrund als etwas, das sie für die Bedürfnisse von konfessionell gemischten Familien sensibilisiert und sie die Vielfalt der religiösen Praxis unter amerikanischen Juden problemlos akzeptieren lässt.

Namen Rabbiner mit nichtjüdischen Vätern, wie Joshua Caruso und Sara O’Donnell Adler (beide 44), sind es gewohnt, dass ihr Familienname erstaunte Fragen hervorruft. O’Donnell Adler, Seelsorgerin am Krankenhaus der Universität von Michigan in Ann Arbor, sagt, sie habe nach ihrer Heirat den Namen O’Donnell mit Absicht beibehalten – nicht, weil sie sich ihrer irisch-katholischen Familie besonders eng verbunden fühlt, sondern weil Gespräche über ihren Namen das Eis brechen, wenn sie im Krankenhaus ihre Runde dreht.

»Einige nehmen an, dass ich zum Judentum konvertiert bin, und das ist okay«, sagt sie. »Das baut Brücken und ermöglicht den Leuten, über ihre eigene Familie zu sprechen. Wenn ich interkonfessionelle Familien kennenlerne, sind solche Gespräche sehr hilfreich, um eine Beziehung herzustellen.«

Erik Uriarte (35), Rabbinatsstudent am Hebrew Union College, erregt Neugier nicht nur wegen seines Namens, sondern auch wegen seines hispanischen Aussehens. Immer wieder wird er gefragt, ob er zum Judentum konvertiert sei, um seine Frau zu heiraten – doch es war seine Frau, die übergetreten ist.

Für Rabbiner mit nichtjüdischen Müttern sind die Herausforderungen noch größer, denn ohne Konversion werden sie nach der Halacha nicht als jüdisch angesehen. Marley Weiner lehnte eine formelle Konversion ab, obwohl mehrere Dozenten am Jewish Theological Seminary, wo sie studierte, anboten, ihr den Übertritt zu ermöglichen. Die Konversion würde bedeuten, dass sie auch jenseits der nichtorthodoxen Richtungen als jüdisch anerkannt wird, doch die Rabbinatsstudentin möchte mit ihrer Haltung zeigen, dass für sie die patrilineare Abstammung gilt. »Es ist nicht meine Aufgabe, allen Leuten zu gefallen oder alle davon zu überzeugen, dass ich recht habe«, sagt Weiner.

Rabbi Karen Perolman (31), Assistenzrabbinerin in der Congregation B’nai Jeshurun in Short Hills, New Jersey, hat einen anderen Weg eingeschlagen. Sie entschied sich für eine konservative Konversion, nachdem sie auf einer Purimfeier, die die Gemeinde am College abhielt, von der Megilla-Lesung ausgeschlossen worden war.

Das vielleicht größte Dilemma für diese Rabbiner steckt in der Frage, ob sie interreligiöse Trauungen vollziehen sollen oder nicht. Marley Weiner kann sich vorstellen, nach ihrer Ausbildung auch interreligiöse Paare zu trauen. Uriarte hingegen sagt, er sei eher dagegen – eine Haltung, die, wie er zugibt, »ziemlich paradox« ist angesichts seines familiären Hintergrunds.

Sorgfalt Viele der Rabbiner sagen, ihr interreligiöser Hintergrund habe sie besser auf die Probleme vorbereitet, mit denen interkonfessionelle Ehepaare konfrontiert sind. Weiner ist überzeugt, dass ihre familiäre Herkunft sie für die Verpflichtung sensibilisiert habe, für den jüdischen wie den nichtjüdischen Partner in einer Beziehung Sorge zu tragen.

Und Woodward meint, er sei sich sehr bewusst, dass er seine Worte mit großer Sorgfalt wählen muss. »Interkonfessionelle Familien willkommen zu heißen, bedeutet ja nicht nur, sie nicht schlecht zu behandeln«, sagt Woodward, »sondern es bedeutet, deutlich zu sagen: Wir wollen euch hier haben.«

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