»Nobody Wants This«

Alle wollen Esther

Bald nach ihrer Batmizwa trat Jackie Tohn bereits in »Die Nanny« neben Fran Drescher auf. Foto: picture alliance / XNY/STAR MAX/IPx

»Nobody Wants This«

Alle wollen Esther

Einer der Gründe, die Netflix-Serie zu sehen, ist Jackie Tohn. Die Schauspielerin mit dem Blick, der Stahl schmelzen kann, tanzt gern auf vielen Hochzeiten

von Sarah Thalia Pines  03.11.2025 16:46 Uhr

Esther ist so ätherisch schön wie eine Wasserpflanze, und wenn sie lächelt, geht die Sonne auf. Wenn man weniger Glück hat, zerlegt sie das seit der Pubertät mühevoll erarbeitete Selbstbild ihres Gegenübers mit einem Satz und lasert mit einem Blick, der Stahl schmelzen kann, noch ein bisschen an den Schmerzrändern herum.

Esther Roklov war als Nebenrolle angelegt in Netflixʼ unerwarteter Hitserie Nobody Wants This. Sie ist die Schwägerin von Noah Roklov (Adam Brody), einem Rabbiner, der sich in die nichtjüdische Sex-Podcasterin Joanne (Kristen Bell) verliebt, was in der jüdischen Bubble mindestens für Schnappatmung sorgt.

Esther schimpft und zankt und dominiert ihren stoffeligen Mann, als wäre es Hochleistungssport, aber all das, ohne in das Klischee der zickigen Über-Mamme zu verfallen. Nach der ersten Staffel hatte die coole, subtil herzliche Frau solch ein Following, dass die Showmacher der Fan-Gemeinde versprechen mussten, dass Esthers Rolle in Staffel zwei mehr Platz bekommt. Nun ist die Fortsetzung dieser wunderbar leichten jüdischen Romcom angelaufen, und bereits Esthers »Klärendes Gespräch«-Auftritt in Episode eins bei einer rasant in den Abgrund fahrenden Dinnerparty lässt die Herzen höherschlagen.

Jüdisch, laut und meinungsstark

Und das liegt vor allem an Jackie Tohn, die Esther spielt. Als die Schauspielerin – genauso jüdisch wie Esther und mindestens ebenso laut und meinungsstark – die Rolle vor zwei Jahren annahm, habe sie durchgesetzt, den Charakter komplexer zu gestalten, und ihm auch eine verletzliche Seite verliehen, berichtete Tohn in Interviews: zum Beispiel die Liebe und Loyalität zu ihrem Mann, ihr Verständnis für ihre Tochter, die (absolut berechtigte) Angst vor der Schwiegermutter … aber zu der später mehr.

»Esther kann zwar manchmal eine harte Nuss sein und sollte sich mal entspannen, aber ich mag sie«, sagte Tohn im Interview mit dem »Bare Magazine«. Um dann zu verraten: »Ich bin auch ganz schlecht in Entspannen.«

Besonders beliebt ist Tohns Stimme – rauchig, rau und wuchtig. Die wusste sie früh zu nutzen: Die 45-Jährige ist nicht nur Schauspielerin, sondern auch Comedienne und Sängerin. In der achten Staffel der Talentshow American Idol 2008 stand sie im Halbfinale, veröffentlichte zwei Alben mit kantiger Singer-Songwriter-Musik und überraschte mit wunderbar quirligen Videos dazu. Ihr größter Hit war und ist allerdings »Do, Re & Mi«, der Titelsong der gleichnamigen Kinderserie, aber auch »What is Love« ist im Gedächtnis geblieben.

Als junge Fran Drescher angefangen

Ihre erste Rolle bekam Tohn mit zwölf Jahren – da war sie gerade mit ihrer Mutter nach Los Angeles gezogen –, und das gleich in der Kultserie Die Nanny. Sie spielte Fran Dreschers kleine Cousine Tiffany und später, als es um Frans Jugendzeit ging, auch deren jüngere Version. Das Publikum war so begeistert, dass Ladenbesitzer in Tohns Heimatort Oceanside in Long Island Bilder von ihr ins Schaufenster hängten. Offensichtlich war sich Tohns Familie der Karrierepläne der Tochter früh sicher: Die Batmizwa fand unter dem Motto »Hollywood« statt, und die Tische waren in »Regisseure«, »Drehbuchautoren« und »Lichttechnik« aufgeteilt – eine »prätentiöse Idee«, schämte sich Tohn später einmal.

Fragt man die New Yorkerin nach Vorbildern, nennt sie als Erstes den Namen ihrer Mutter Bella, vor allem was Humor und Witz angehe, so Tohn. Zusammen gingen sie oft in Secondhand-Shops einkaufen. Manchmal trage sie aber auch ein T-Shirt mit dem Namen ihres Vaters Alan Tohn, der nicht nur Sportlehrer, sondern auch Briefmarkensammler ist, wie Klatschseiten zu berichten wissen. Und dann ist da noch ihr Hund Glen, ein kaffeebrauner Mischling, den sie 2015 adoptierte und vergöttert.

»Meine Verbindung zu anderen basiert darauf, ob wir zusammen lachen können oder nicht.«

Jackie Tohn

Nach Die Nanny machte Tohn weiterhin vor allem Fernsehen. Sie war in Erfolgsserien wie den Sopranos zu sehen, in Veronica Mars, in CSI: New York, in Angel und in The Boys, hatte aber auch einen kleinen, jedoch viel beachteten Filmauftritt als jüdische 70er-Jahre-Kultkomikerin Gilda Radner in A Futile and Stupid Gesture. Ihren Durchbruch erlebte sie ab 2017 mit der Frauen-Wrestling-Serie Glow.

Darin spielte Tohn die Limousine-fahrende, Party-süchtige Wrestlerin MelRose und hatte ihre schauspielerische und gleichzeitig autobiografische Schlüsselszene, die vom Online-Magazin »Hey Alma« zu einer der besten jüdischen Filmszenen überhaupt erklärt wurde: Bei einem Seder erzählte Tohns MelRose spontan und außerhalb aller Drehbuchvorgaben von ihrer Tante Pressel und deren acht Kindern, die einst in Treblinka ermordet wurden. Tohn selbst ist Enkelin von Holocaust-Überlebenden, und die Cousine ihrer Mutter, Bracha, ist eine der letzten noch lebenden.

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»Meine Verbindung zu anderen Menschen basiert hauptsächlich darauf, ob wir zusammen lachen können oder nicht«, so Tohn. »Meine Eltern sind unglaublich witzig. Meine Großeltern waren trotz großer Widrigkeiten sehr humorvolle Menschen. Sie haben einfach über alles gelacht, und diese ›Witzigkeit‹ wurde an mich weitergegeben.« Tohn ist stolz auf ihre Herkunft und liebt alles Jüdische. Zu Hause sprächen sie und ihre Mutter auch Jiddisch.

Eine ihrer liebsten Anekdoten geht so: »Als ich Kinderdarstellerin war, hatte ich ein Vorsprechen und wollte auch noch zur Geburtstagsparty einer Freundin gehen. Und meine Mutter sagte: ›Mit ine tuchas, ken men nit tantzen oyf tzwai chasones.‹ Das bedeutet: Mit einem Hintern kann man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen.« In Interviews lässt Tohn immer wieder gern jiddische oder auch hebräische Wörter fallen – ihr liebstes Wort sei übrigens Neshama, Seele.

Und schließlich verbrachte sie als Kind die großen Ferien jedes Jahr im jüdischen Sommercamp »Lokanda« in den Catskills in Upstate New York, das es bis heute gibt.

»Wenn man es fühlt, dann fühlt man es einfach«

Als weiteres Vorbild nennt Tohn die Broadway-Schauspielerin Tovah Feldshuh, die in Nobody Wants This ihre, milde ausgedrückt, schwierige Schwiegermutter Bina spielt, die Mutter des »hot rabbi«, die verhindern will, dass ihr Sohn eine Schickse heiratet, und die so klein wie mächtig ist. Feldshuhs Biografie Lily­ville sei ein Lieblingsbuch ihrer Mutter, verriet Tohn im Interview mit »Kveller«.

Fast alle von Tohns TV-, Streaming- und Filmrollen sind explizit »jüdisch«, und an ihr entzünden sich gelegentlich auch identitätspolitische Debatten in Hinblick auf das Thema »kulturelle Aneignung«. Wie angemessen und notwendig ist es, dass jüdische Rollen von jüdischen Darstellern besetzt werden – was ebenso für sexuelle Minderheiten wie auch für »People of Color« gelte? Tohn hat dazu eine klare Meinung: Wenn Darsteller sehr jüdisch geprägt seien, mache es durchaus Sinn, dass sie auch jüdische Rollen übernehmen. Ansonsten aber sei es egal, insbesondere, wenn die zu spielende Rolle eine nichtjüdische sei.

Tohn ist reformiert aufgewachsen, und hat »höchstens die Hohen Feiertage« gefeiert. Trotzdem oder gerade deswegen postete sie einmal auf Instagram: »Ich bin so stolz, Jüdin zu sein. Ich fühle es einfach so tief in mir.« Und da sind sich Jackie Tohn und Esther Roklov wieder ganz nah: »Für Esther ist Jüdischsein ein Gefühl«, sagte Tohn gerade im Interview zur zweiten Staffel von Nobody Wants This mit dem Frauenmagazin »Elle«. »Diese Vorstellung gefällt mir. Ich finde es gut, dass (die Serie) das nicht zum schweren Thema macht, dass es keine Frage von ›Bin ich es oder bin ich es nicht?‹ ist. Wenn man es fühlt, dann fühlt man es einfach.«

Für die Rolle der Esther war Jackie Tohn einfach die beste Wahl!

Die zweite Staffel von »Nobody Wants This« ist jetzt auf Netflix zu sehen.

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