Frankreich

Aktivist und Filmemacher

Freut sich, dass sich immer mehr junge Menschen politisch einmischen: Benjamin Hausser (23) Foto: Sabina Paries / Berlien-Paries

Benjamin Hausser ist ein engagierter junger Mann. Der Kampf gegen Rassismus und für Menschenrechte treibt ihn besonders an, wenn er über sein Engagement im jüdischen Studentenverband UEJF spricht. Der 23-Jährige hätte seine Ziele natürlich auch bei »SOS Racisme«, der »Ligue Internationale Contre le Racisme et l’Anti­sémitisme«, kurz Licra, oder sogar in einer politischen Partei verfolgen können.

Aber er befürchtet, man vertue in diesen Organisationen mit den inneren Reibereien zwischen Aktivisten und ihren Vorstellungen sehr viel Zeit – mehr jedenfalls als bei der UEJF, deren Mitstreiter sich durch ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde zusätzlich verbunden fühlen.

Die Union des Étudiants Juifs de France besteht seit 1944. Zunächst sorgten sich die Studenten um die soziale und universitäre Eingliederung der jungen Überlebenden der Konzentrationslager, heute sind sie die studentische Vertretung innerhalb der jüdischen Dachorganisation CRIF und sehen ihre Aufgabe darin, dem Antisemitismus an Schulen und Universitäten entgegenzutreten.

Sein nächster Film zeigt die Hinterzimmer des Europaparlaments.

»Schon meine El­tern waren stark in der Gemeinde engagiert, und ich bin früher bei den jüdischen Pfadfindern gewesen«, erzählt Benjamin Hausser. Da sei es einfach logisch gewesen, als Student der UEJF beizutreten, zumal man dort gerade in Fragen Rassismus und Menschenrechte viel erreichen könne. Das Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus will er nicht voneinander trennen: »Was Juden heute passiert, widerfährt später allen anderen.«

Sorbonne An Frankreichs Universitäten kam es in jüngster Zeit zu einigen antisemitischen Vorfällen. »An der Sorbonne in Paris wurde das Büro der UEJF mit antizionistischen Sprüchen beschmiert«, erzählt Benjamin Hausser. »Zusammen mit der Universitätsverwaltung sorgen wir dafür, dass diese Taten dokumentiert und verurteilt werden.«

An einer anderen Universität fühlte sich ein Student durch antisemitische Lästereien derart gemobbt, dass er den Studienort wechselte. »Es ist wichtig, der Banalisierung dieser Taten entgegenzutreten.«

Benjamin Hausser stammt aus dem elsässischen Straßburg. An der dortigen Universität stünden, wie er von seinen Kommilitonen weiß, »die Dinge eher gut«.

atmosphäre Das liegt wohl auch an der offenen Atmosphäre der Stadt. »Straßburg ist ein wichtiger Ort für das französische Judentum, weil hier einiges anders ist als an anderen Orten in Frankreich. Dank des Konkordats schottet man sich hier nicht ab, sondern es gibt einen Dialog zwischen den Religionen.«

Die Straßburger jüdische Gemeinde ist die zweitgrößte des Landes. Es gibt koschere Restaurants, Schulen und Synagogen – jüdisches Leben ist in der Öffentlichkeit präsent. »Die Gemeinde ist sehr gut organisiert, was vielleicht am rheinischen Geist liegt«, vermutet Benjamin Hausser. »Die Menschen sind froh, ihr Judentum in Straßburg so offen leben zu können.«

Draußen im elsässischen Umland kam es auf jüdischen Friedhöfen schon öfter zu Schändungen von Gräbern, wie im vergangenen Herbst in Herrlisheim. Aber immerhin bleiben diese Vorkommnisse nicht unbeachtet, sogar der Innenminister aus Paris erschien vor Ort.

In Straßburg richten sich die Sorgen auf die Zunahme des Extremismus. »Es gibt in Straßburg die gewaltbereite Rechte, und es kam hier im Dezember zu einem islamistisch motivierten Anschlag mit fünf Toten«, bilanziert Hausser. »Beides ist zwar nicht direkt gegen Juden gerichtet, aber wir sehen: Was Juden beunruhigt, betrifft bald alle.«

Kommilitonen Persönlich hat der Student noch keine direkte Begegnung mit Antisemitismus erlebt, aber einige seiner Freunde und andere Mitglieder des Verbands. Meist verkleiden sich die Beleidigungen in humorig dargebotenen Anspielungen auf Stereotype, die oft von extrem rechts, extrem links oder islamistisch geprägten Kommilitonen geäußert würden.

Zusammen mit Organisationen wie SOS Racisme und Licra sorgt die UEJF dafür, dass diese Vorkommnisse nicht im jüdischen Milieu verbleiben. »Vor einigen Wochen gab es einen Tag des Kampfes gegen den Antisemitismus und Rassismus an den Universitäten. Unsere Teilnahme an den Veranstaltungen hat Einfluss auf die Debatte.«

In Straßburg sind acht aktive Mitglieder im UEJF tätig, die rund 300 Studenten vertreten. Aber nicht nur die Aufklärungsarbeit unter den Kommilitonen durch Aufrufe und Debatten ist ihnen wichtig. Der Kampf gegen den Antisemitismus fordert den Einsatz bereits in den Schulen. So hat der Verband das Programm »coexister« ins Leben gerufen.

stereotypen Die Aktivisten gehen in Klassen und versuchen, mit Kindern und Jugendlichen über die Bildung von Stereotypen zu sprechen. Was ruft bei ihnen das Wort Jude hervor? Folgt vielleicht gleich der Begriff Geld? Oder was verbinden sie mit dem Wort Araber? Darüber wird mit den Schülern diskutiert, um auf diese Weise ihre Vorprägungen infrage zu stellen.

Darüber hinaus gibt es eine weitere Aufgabe, die sich die Straßburger Studenten zu eigen gemacht haben und die ebenfalls an die Toleranz appelliert: »Die jüdische Gemeinde ist sehr divers, Aschkenasen, Sefarden, säkulare Juden und sehr reli­giöse – alle leben nebeneinander. Die UEJF will dafür sorgen, dass alle Richtungen in den Dialog treten und die Menschen nicht nur innerhalb ihrer eigenen Gruppe bleiben«, sagt Hausser. Die Studenten organisieren Konferenzen, bei denen man sich austauschen kann – »damit sich ein Klima des Zusammenhalts bildet«.

»Ohne Ideal oder Idee gedeiht nur die Gewalt«, sagt Benjamin Hausser.

Seit einiger Zeit studiert Benjamin Hausser in Paris Dokumentarfilm und ist im UEJF Vertreter für die Region Grand-Est. »Als ich vor drei, vier Jahren mit meiner Arbeit begann, hatte ich den Eindruck, nur wenige tun das Gleiche. Aber inzwischen bemerke ich, dass sich die jungen Leute wieder engagieren, und nicht nur unter den Juden.«

Früher hätten viele gesagt, sie hätten keine Zeit – doch heute übernehmen sie wieder Verantwortung. Egal, ob sie sich kulturell, politisch oder sozial einbringen, sie merken, wie wichtig ihr Engagement ist.

fridays for future Nicht erst seit den »Fridays for Future«-Demonstrationen wachse die Erkenntnis, dass man sich in die Politik einmischen muss. »Ohne Ideal oder Idee gedeiht nur die Gewalt. Deshalb sind soziale Projekte sowie der Kampf für die Umwelt und für Menschenrechte Anliegen, die dem gesellschaftlichen Leben wieder einen Sinn verleihen.«

Dass dieser Kampf im Alltag nicht einfach ist und nicht ohne Reibereien verläuft, weiß auch Benjamin Hausser, aber ihn durchzustehen fällt vielleicht eben doch leichter, wenn man ihn mit der Hilfe einer gefestigten Gemeinschaft führt. In seinem nächsten Dokumentarfilm will er sich dann aber doch den Reibereien und Konflikten in den Hinterzimmern der großen politischen Bühne aussetzen. In seiner Heimatstadt möchte er nämlich die tägliche Arbeit der elsässischen Abgeordneten im Straßburger Europaparlament verfolgen.

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