Euro 2012

Acht Stadien, eine Sorge

Wenige Schritte neben der größten Fan-Zone der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine, direkt an der Partymeile »Arena City« in Kiew, liegt das kleine Scholem-Alejchem-Museum. »Wir freuen uns auf die EURO und hoffen, dass einige der Besucher auch bei uns vorbeischauen«, sagt Museumsleiterin Irina Klimowa. Der Schriftsteller Scholem Alejchem, der oft als »der jüdische Mark Twain« bezeichnet wird, lebte während seiner Kiewer Zeit Ende des 19. Jahrhunderts in der heutigen Krasnoarmesjkaja 5, dort, wo jetzt das Museum an ihn und sein Werk erinnert.

Anatoli Schengait, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kiew, ist da oft anzutreffen. Er schaut regelmäßig vorbei, wenn er ein paar Straßen weiter in der Synagoge etwas zu erledigen hat. Schengait interessiert sich zwar auch für Fußball, aber er ist momentan mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Er bereitet die Pilgerfahrt zum Grab von Rabbi Nachman nach Uman vor. Wie jeden Herbst kommen auch dieses Jahr Mitte September Zehntausende Juden aus aller Welt in die Ukraine, um am Grab des großen Rebben Rosch Haschana zu begehen. Aber jetzt, das weiß auch Anatoli Schengait, ist erst einmal Fußball angesagt.

hooligans Schengait trägt seine Kippa unter einer Baseballkappe. Wenn er von Fußball erzählt, schlägt er die Augen nach unten. Die Szenen, die sich vor ein paar Jahren während der EM ereigneten, sind ihm noch deutlich in Erinnerung. Er hofft, dass sie sich ja nicht wiederholen. Damals hatte eine Gruppe die Synagoge in der Rustavelli-Schota-Straße angegriffen.

Das Bethaus liegt in der Nähe des Kiewer Olympiastadions. »Bis heute ist unklar, ob es wirklich Fußballfans waren oder sich die Täter nur so angezogen haben«, sagt Schengait. Auf die Frage, ob er dem Sicherheitskonzept der EM-Veranstalter nicht vertraut, zieht er die Schultern hoch und sagt: »Man kann leider nichts ausschließen.«

Wie in deutschen Großstädten werden auch in Kiew und andernorts in der Ukraine jüdische Einrichtungen rund um die Uhr von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten bewacht. Obwohl laut offizieller Statistik die registrierten Gewalttaten mit antisemitischem Hintergrund in der Ukraine rückläufig sind, existiert eine weitverbreitete Ablehnung gegen Juden. Viele Prominente aus dem Geschäftsleben, der Politik oder dem Showbusiness verschweigen ihre jüdische Herkunft. Manche gehen sogar so weit und tragen in der Öffentlichkeit ein Kreuz als Kettenanhänger.

»Eine Reihe großer Fußballvereine hat jüdische Besitzer«, sagt Peter Dickinson. Der Engländer ist Chefredakteur des Fernsehsenders Jewish News One (JN1). Die Geschäftsmänner Igor Kolomoiski und Vadim Rabinowitsch haben den Kanal vergangenes Jahr gegründet. Beide investieren auch in den Fußball. Kolomoiski ist Besitzer des Erstligisten Dnipro Dnipropetrowsk, Rabinowitsch gehört Arsenal Kiew.

Diese Saison schlossen ihre Teams mit dem vierten und dem fünften Tabellenplatz in der ukrainischen Spitzenliga ab. Dass eine Reihe von erfolgreichen Fußballvereinen in den Händen jüdischer Oligarchen ist, betrachten viele in der Ukraine mit Argwohn. Zahlreiche Fans sind rechtsradikal. Sie fiebern nur für Vereine mit nichtjüdischen Besitzern.

Maccabi Ähnlich wie in vielen anderen Ländern kann man auch in der Ukraine unter dem Dach der jüdischen Gemeinde Fußball spielen. Von den Kindern und Jugendlichen, die bei Maccabi Kiew trainieren, träumen einige von Profifußball. Viele fangen bei Maccabi an, und wenn sie gut sind, gehen sie zur Jugendmannschaft von Arsenal oder Dynamo Kiew. Vor allem der ukrainische Meister Dynamo gilt in der Hauptstadt als Kultclub. Besitzer Igor Surkis und sein Bruder Grigorij, Chef des ukrainischen Fußballverbandes, haben einen Anteil daran, dass die Ukraine in diesem Jahr zum Austragungsort der EM wurde.

Während des Turniers veranstaltet Maccabi Kiew sein traditionelles Sommerferienlager. Für die Kinder und Jugendlichen wird es dann eine Art Mini-Public-Viewing geben. Die wichtigsten Spiele aus Polen und der Ukraine will man sich gemeinsam im Fernsehen anschauen.

Und in der Gemeinde selbst? »Nein, Public Viewing wird es bei uns nicht geben«, sagt Gemeindevorsitzender Schengait und schüttelt den Kopf. »Doch alle, die während der EM eine der drei Kiewer Stadtsynagogen besuchen möchten, sind bei uns willkommen – sei es zum Beten oder zur Besichtigung. Nina Jeglinski, Kiew

Die jüdischen Gemeinden und Gesellschaften in Polen sehen der Europameisterschaft mit Vorfreude, aber auch mit Sorgen entgegen. »Wir haben viele Befürchtungen, die mit der Organisation der EM zusammenhängen. Diese haben aber nicht unbedingt mit Antisemitismus zu tun«, sagt Piotr Kadlcik, Vorsitzender des Verbands der jüdischen Konfessionsgemeinden in Polen, auf Anfrage dieser Zeitung.

Antisemitische Vorfälle seien bislang bei Spielen der polnischen Liga vorgekommen, Nationalmannschaftsspiele hätten da einen anderen Charakter, so Kadlcik. Aus Sicht der Warschauer Gemeinde ist es eher ein Problem, dass die Synagoge und der Sitz der Gemeinde im Zentrum der Stadt angesiedelt sind – nur wenige Hundert Meter von der Fan-Zone entfernt. »Wir haben uns deshalb an die Polizei gewandt mit der Bitte, den Schutz der Synagoge während der EM zu verstärken«, so Kadlcik weiter. Hintergrund sei dabei weniger die Angst vor antisemitischen Exzessen, als die Tatsache, dass die Synagoge so nah an der Fanzone stehe.

rassismus Eigene Veranstaltungen zur EM, etwa ein Public Viewing, plant die Konfessionsgemeinde nicht. Auch die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen (TSKZ) veranstaltet nichts dergleichen. »Wir haben meist ältere Mitglieder, für die wäre so etwas zu anstrengend«, sagt Artur Hofman, Vorsitzender der TSKZ.

Die Gefahr antisemitischer Ausschreitungen sieht auch Hofman nicht. Die Redaktion der von TSKZ herausgegebenen Zeitschrift »Slowo Zydowskie« (Jüdisches Wort) arbeitet aber seit längerer Zeit mit der Stiftung »Nigdy Wiecej« (Niemals wieder) zusammen. Die Stiftung widmet sich der Aufklärungsarbeit in Sachen Rassismus und organisiert unter anderem in Fußballstadien Aktionen gegen rassistische Tendenzen. »Wenn es irgendwelche Vorfälle gibt, die uns die Stiftung meldet, dann schreiben wir in unserer Zeitschrift darüber«, sagt Hofman. Allerdings erwartet er für die EM keine solchen Vorfälle.

Vor einiger Zeit war TSKZ einmal Partei in einer Gerichtsverhandlung nach einem antisemitischen Vorfall bei einem Ligaspiel zwischen den verfeindeten Vereinen Cracovia und Wisla Krakau. Das Gericht hatte seinerzeit die Täter jedoch nicht identifizieren können, erzählt Hofman.

Den Besuch einer Delegation des Deutschen Fußball-Bundes vergangene Woche in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sehen sowohl die Konfessionsgemeinde als auch die TSKZ positiv. Es sei generell zu begrüßen, dass Deutsche die Gedenkstätte besuchten – auch Spieler der Nationalmannschaft, sagt Kadlcik. »Es ist wichtig, dass sie am Vorabend eines großen Sportturniers den Willen gezeigt haben, diese Reise zu unternehmen.«

fernsehen Einen jüdischen Sportverein findet man in Polen derzeit nicht. Doch bestünden Pläne, ihn wieder ins Leben zu rufen oder die internationalen Makkabi-Spiele im Land auszutragen, berichtet Hofman. Gleichwohl gäbe es in Polen nur wenige junge Menschen, die an so etwas teilnehmen könnten. Für die meisten polnischen Juden sei der Sport eine Privatangelegenheit.

Hofman, der sich selbst als Fußballfan bezeichnet, will die EM vor dem eigenen Fernseher verfolgen. Eine Mitarbeiterin der jüdischen Gemeinde sagt: »Wir freuen uns auf die EM und drücken unserer Mannschaft die Daumen.« Und dann hat sie noch einen ganz praktischen Wunsch: »Hoffentlich kann ich an den Spieltagen in Warschau überhaupt zur Arbeit kommen, und es sind nicht alle Straßen verstopft.« Jan Opielka, Warschau

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