Nachruf

Abschied von einer starken Frau

Dita Kraus Foto: privat

Nachruf

Abschied von einer starken Frau

Die tschechische Zeitzeugin Dita Kraus ist im Alter von 96 Jahren in Jerusalem gestorben

von Barbara Bišický-Ehrlich  21.10.2025 10:53 Uhr

Nach Tagen der Sprach- und Regungslosigkeit im Krankenhausbett fragte sie plötzlich – ausgerechnet – nach Kartoffelpuffern. Sie habe Appetit auf Kartoffelpuffer. Latkes sind zugleich auch eine typisch tschechische Spezialität: Bramborák. Zwei Traditionen, in denen Dita Kraus tief verwurzelt war.

An diesem Tag sprach sie im Jerusalemer Krankenhaus auf Tschechisch von Lichtern, die sie sah, und von ihren verstorbenen Liebsten, die nun auf sie warteten. Am 17. Oktober 2025 (26. Tischri 5786), schloss Dita Kraus für immer ihre Augen – nur wenige Tage, nachdem in Israel endlich die Zeitrechnung weitergehen konnte und wir alle die gelben Schleifen ablegten: das Symbol der Hoffnung, des Lichts am Ende des Tunnels, der Befreiung der Geiseln.

Dita sang im Chor der Kinderoper »<em>Brundibár</em>«.

Geboren am 12. Juli 1929 als Edith Polachová in Prag, wurde Dita mit nur 13 Jahren gemeinsam mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert. Dort begegnete sie zum ersten Mal ihrem späteren Ehemann Ota, Erzieher im Kinderblock und Cousin meiner Oma Eva. In Theresienstadt entdeckte Dita ihre Liebe zur Kunst und zur Musik. Sie sang dort im Chor der Kinderoper Brundibár.

Doch 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Bei der Selektion durch Josef Mengele entkam sie der Gaskammer nur durch eine List über ihr Alter. Sechs Monate verbrachte sie in Auschwitz, bevor sie – gerade einmal 14-jährig – zur Zwangsarbeit nach Hamburg verschleppt wurde. Es folgten die Außenlager Neugraben und Tiefstack, bis sie schließlich im Lager Bergen-Belsen ankam. Überall lagen Leichen und sogenannte »Muselmänner« – lebende Tote, die in ihren letzten Stunden dahinvegetierten.

Dita wusste, was ihr bevorstand – sie sah es um sich herum. Doch es kam anders. Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager und mit ihm Dita sowie meine Oma Eva. Ditas Vater war in Auschwitz ermordet worden, ihre Mutter starb kurz nach der Befreiung in Bergen-Belsen.

In ihrem Buch Ein aufgeschobenes Leben schreibt Dita: »Jeder, der dies liest, wird sich fragen: Kann man so etwas erleben, ohne verrückt zu werden? Man kann. Es scheint, als hätte es die Natur so eingerichtet, dass der Mensch sich sogar vor einer solchen Hölle zu schützen vermag.«

Nach dem Krieg kehrte Dita nach Prag zurück, wo sie Ota Kraus wiedertraf und heiratete. 1949 emigrierten sie gemeinsam nach Israel. Dort lebten sie unter schwierigen Bedingungen im Kibbuz, arbeiteten und zogen ihre Kinder groß. Beide unterrichteten unter anderem Englisch im Kinder- und Jugenddorf Hadassim und waren wichtige Bezugspersonen für viele Waisenkinder.

In den letzten 25 Jahren ihres Lebens pendelte Dita zwischen Israel und Prag.

Doch auch nach dem Krieg blieb Dita vom Schicksal nicht verschont: Zwei ihrer drei Kinder starben, im Jahr 2000 auch ihr Ehemann. In den letzten 25 Jahren ihres Lebens pendelte Dita zwischen Israel und Prag, malte, schrieb und hielt unzählige Vorträge gegen das Vergessen – auch in Deutschland. Besonders eng war ihr Kontakt zur Gedenkstätte Neuengamme.

Unermüdlich sprach sie auch in Zoom-Veranstaltungen, las Zeitungen, verfolgte Nachrichten – immer hellwach, immer engagiert. Dass ihre Enkelsöhne sie in den letzten Monaten ihres Lebens noch nach Israel zurückholen konnten, war für sie ein großes Glück.

Mit ihr ist nun auch die letzte Zeitzeugin meiner Familie gegangen.
Dita war eine beeindruckend unerschütterliche Frau – mit scharfem Verstand, vielen Talenten und einem großen Herzen. Ich werde sie als kluge, mutige, gütige und unglaublich starke Frau in Erinnerung behalten.

Und Kartoffelpuffer werde ich nie wieder essen können, ohne an das Licht ihres besonderen Lebens zu denken.

Frankreich

43 Jahre nach Anschlag auf jüdisches Lokal: Verdächtiger Palästinenser ausgeliefert

Der Anschlag auf das »Chez Jo Goldenberg« in der französischen Hauptstadt am 9. August 1982 erschütterte das Land und seine jüdische Gemeinschaft schwer

 17.04.2026

New York

Die Tiger der Tora

Einst feierten jüdische Fußballclubs in der Bronx das Leben, und sogar Marilyn Monroe kickte den Ball. Schwarz-weiße Erinnerungen zur Einstimmung auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko

von Helmut Kuhn  16.04.2026

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thaidigsmann  15.04.2026

Rom

Auch die »Trump-Flüsterin« Meloni fällt in Ungnade

Eigentlich gilt Italiens Ministerpräsidentin Meloni als Politikerin mit gutem Draht zu US-Präsident Trump. Nun attackiert er sie scharf. Der Schlagabtausch könnte für Meloni jedoch von Nutzen sein

von Robert Messer  15.04.2026

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

München/Budapest

Europäische Rabbiner gratulieren Magyar zum Wahlsieg in Ungarn

»Das ungarische Volk hat eine klare Entscheidung für Demokratie, für Erneuerung und für ein zukunftsorientiertes Ungarn getroffen«, sagt Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

 15.04.2026

Polen

Rechtsradikaler Politiker schockiert mit israelischer Hakenkreuzfahne

Am Holocaustgedenktag warf Konrad Berkowicz Israel im Sejm vor, das neue Dritte Reich zu sein

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Nordmazedonien

Brandanschlag auf Synagoge in Skopje

Zwei bislang unbekannte Täter verschafften sich Zugang zum Eingangsbereich des Gotteshauses und versuchten, ihn in Brand zu setzen

von Nicole Dreyfus  14.04.2026 Aktualisiert