»Farhud«

Abschied für immer

Wer würde denn jemals glauben, dass im Irak früher Juden lebten? Ich kann nicht einfach weitermachen wie zuvor und meinem Sohn vorgaukeln, er sei in Finchley geboren. So tun, als kämen unsere Vorfahren aus England. Unsere Wurzeln sind im Irak, und die werden wir nie aufgeben. Ich habe noch nicht mit Bagdad abgeschlossen. Die Stadt schuldet mir etwas und ich ihr.» Mit diesen Worten leitet der heute im Norden Londons wohnende Geschäftsmann Edwin Shuker den Dokumentarfilm The Last Jews of Baghdad ein.

Ende der 30er-Jahre waren 33 Prozent der Bewohner Bagdads jüdisch. Dies war ein größerer Anteil als zur selben Zeit in Warschau oder New York – Städte, die als Zentren des Judentums galten. Erst der «Farhud», ein Pogrom im Jahr 1941, leitete den Auftakt zum Exodus der über zweieinhalbtausend Jahre alten jüdischen Gemeinde des Irak ein. Das arabische Wort Farhud bedeutet übersetzt «gewalttätige Enteignung».

zentrum Seit Beginn des 19. Jahrhunderts etablierte sich Bagdad als jüdisches Zentrum im Nahen Osten. Es lebten mehr als 6000 Juden in der Stadt, es gab zwei Synagogen, jüdische Organisationen aller Couleur und ein pulsierendes Gemeindeleben.

Bis in die 30er-Jahre lebten sie größtenteils unbehelligt und in guter Nachbarschaft mit den muslimischen Einwohnern des Landes. Dennoch war die osmanische Herrschaft eine nicht ausschließlich friedliche Zeit. Ein Großteil der sehr armen Juden lebte auf engstem Raum in Elendsvierteln, den sogenannten Mellahs.

Berichte von Reisenden, Regierungsbeamten und Journalisten unterschiedlichen Glaubens zeugen von großer Armut, unzumutbaren hygienischen Bedingungen sowie einer feindseligen Stimmung seitens der muslimischen Mehrheit. Diese mündete auch in tätliche Übergriffe, wie der französische Historiker Georges Bensoussan in seinem wegweisenden Werk Die Juden der arabischen Welt nachweist.

DHIMMI Das Millet-System machte aus Juden und anderen nichtmuslimischen Minderheiten Untertanen des Sultans. Als «Dhimmis» entrichteten sie besondere Abgaben, hatten eingeschränkte Rechte, genossen jedoch auch einen gewissen Schutz, der abhängig von Zeit, Ort und Herrscher variierte. 1492 ließen sich dank des von Sultan Bayezid II. zugesicherten Schutzes viele von der Iberischen Halbinsel vertriebene Juden im Gebiet des Osmanischen Reichs nieder. Wie auch in Europa folgten auf Zeiten der Gewalt auch jene des Aufschwungs und der relativen Sicherheit.

Bagdad galt als Zentrum des modernen irakisch-jüdischen Bürgertums.

Durch die Ideen der Aufklärung geriet die in der Dhimma, der Institution des islamischen Rechts, die den juristischen Status nichtmuslimischer Schutzbefohlener bestimmte, festgelegte Inferiorität immer mehr ins Wanken, da Juden nun als Staatsbürger gleichgestellt werden sollten. Diese Vorstellung löste großes Unbehagen seitens der muslimischen Mehrheit aus, bei der das Bild des armen, feigen und verächtlichen Juden dominierte.

So entfaltete sich das – zunächst mehrheitlich religiös begründete – Vorurteil zu einem umfassenden Weltbild, das in den Juden übermächtige Verschwörer sah. In kaum einer größeren arabischen Stadt fand im 20. Jahrhundert kein Pogrom gegen die bereits lange vor der islamischen Expansion ansässige jüdische Bevölkerung statt, schreibt Nathan Weinstock in seiner Studie Der zerrissene Faden.

MANDAT Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Großbritannien das Mandat über den heutigen Irak übertragen und Faisal I. zum ersten König des Irak ernannt. Auf den Trümmern des Osmanischen Reiches erfuhr das irakische Judentum eine kurze Blüte. Aufgrund der jahrhundertealten Beschränkungen und Betätigungsverbote waren Juden oft im Bankenwesen und im Handel tätig. Die hohe Alphabetisierungsrate befähigte sie zudem, universitäre Laufbahnen einzuschlagen. Gebildete Juden, die sich zuallererst als Iraker verstanden, spielten eine wichtige Rolle im jungen irakischen Staat. So war Iraks erster Finanzminister Sir Sassoon Eskell jüdischer Herkunft.

In der Handelskammer Bagdads zeugen Protokolle davon, dass zehn von 19 Mitgliedern jüdisch waren. Auch in Kunst, Literatur und Musik wirkten irakische Juden mit. Bagdad galt als Zentrum dieses modernen irakisch-jüdischen Bürgertums. Doch die Kränkung über die Emanzipation der ehemaligen Knechte sowie die enttäuschten Hoffnungen auf einen unabhängigen Staat überwogen. Juden galten als die eigentlichen Kolonisatoren, und der neu gegründete Staat wurde von vielen Irakern abgelehnt. Die Frage nach nationaler Unabhängigkeit war auf verhängnisvolle Weise mit dem virulenten Antisemitismus verquickt.

Nach der irakischen Unabhängigkeit von Großbritannien 1932 trat das Königreich Irak dem Völkerbund bei. Dennoch behielt Großbritannien weiterhin einen wichtigen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluss. Viele Iraker, insbesondere aus der Armee, waren antibritisch eingestellt. So kam es bereits 1936 zum ersten Militärputsch, dem bis 1941 vier weitere folgten. Das Militär wurde zum destabilisierenden Faktor und etablierte sich als Staat im Staate.

GROSSMUFTI Am 1. April 1941 putschten arabische Nationalisten unter der Führung von Raschid Ali al-Gailani mit Unterstützung der Achsenmächte gegen die Briten. Der zum Islam konvertierte Diplomat Fritz Grobba ebnete den Weg für die Militärmission «Sonderstab F». Sie beinhaltete Messerschmitt-Jagdflugzeuge, Waffen und Propagandaunterstützung des Deutschen Reiches für die irakischen Nationalisten.

Auch der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, hielt sich seit 1939 im Irak auf und übte einen immensen Einfluss auf die irakischen Nationalisten aus. Shaul Menashe erinnert sich in The Last Jews of Baghdad an seine Kindheit in Basra: «Es gab ein bekanntes Sprichwort: Allah über uns im Himmel und Hitler bei uns auf Erden.»

Der Mob bestand aus demoralisierten irakischen Soldaten, Polizisten und nationalistischen Jugendlichen, aufgehetzt durch Propaganda.

Der Großmufti fungierte als wichtiger Kontaktmann für das Deutsche Reich, indem er eine Briefkorrespondenz mit Adolf Hitler pflegte. Während des Putsches verkündete Hitler, dass die arabischen Unabhängigkeitsbewegungen die natürlichen Verbündeten des Deutschen Reichs gegen Großbritannien seien. Die Kampfhandlungen endeten erst mit der irakischen Kapitulation am 31. Mai 1941 in Bagdad.

Während des Zweiten Weltkriegs war die Kontrolle über den Maghreb und die Levante von enormer strategischer Bedeutung für den Sieg der Alliierten. Auch war die geplante Vernichtung der Juden keineswegs auf Europa beschränkt. Es ist überliefert, dass der Großmufti von Jerusalem die NS-Führung gar dazu anregte, den Nahen Osten sowie Nordafrika in die Pläne zur «Endlösung» einzubeziehen. Nach der irakischen Niederlage kam es am 1. und 2. Juni 1941 zu einem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung Bagdads, bei dem 150 Juden ermordet und etwa 500 verwundet wurden.

SCHAWUOT Am 1. Juni wagten sich aus Anlass des Wochenfestes das erste Mal seit dem Putsch einzelne Gruppen von Juden auf die Straßen von Bagdad. Der zuvor durch die Kampfhandlungen vertriebene König Faisal II. kehrte an diesem Tag zurück in die Hauptstadt und wurde von den verängstigten Juden mit großer Erleichterung begrüßt. Noch am selben Tag fing eine größere Menschenmenge an, in Bagdad zu wüten und die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. Der aufgebrachte Mob plünderte 1500 Häuser und Läden, verletzte und verstümmelte Hunderte von Juden, tötete mindestens 150 Menschen, egal ob Greise oder Säuglinge, und vergewaltigte zahlreiche Frauen.

Die israelische Historikerin Esther Meir-Glitzenstein geht davon aus, dass ungefähr 2500 Menschen, also 15 Prozent der Bagdader Juden, entweder in physischer oder in materieller Weise von dem Pogrom betroffen waren. Zahlreiche muslimische Passanten wurden bei dem Versuch getötet, die Gewalt einzudämmen und jüdische Bekannte, Geschäftspartner oder Freunde zu beschützen. Der Mob bestand aus demoralisierten irakischen Soldaten, Polizisten und nationalistischen Jugendlichen, die durch die antibritische und antisemitische Propaganda aufgehetzt wurden. Sogar einige Beduinen aus den benachbarten Regionen strömten in die Stadt, um sich ebenfalls an den Plünderungen zu beteiligen.

Esperance Ben-Moshe, die heute in Tel Aviv lebt, beschreibt eindrücklich: «Mein Großvater war einkaufen und wurde dabei zusammengeschlagen. Sie beschimpften ihn als Juden und Engländer. Sie schlugen ihn, und er blutete überall. In Todesangst harrten wir die ganze Nacht auf dem Dach aus, warteten auf die Katastrophe. Unten schlugen sie gegen die Türen, brachen sie auf, Geschrei überall, weinende Menschen.»

Auf die Gewalt folgte innerhalb der jüdischen Gemeinschaft der Wunsch, das Land auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Einige Hundert flohen in den Iran, andere gingen nach Beirut, und Einzelne bekamen ein Visum in Indien. Da jedoch die meisten Visa nur für einen begrenzten Zeitraum gültig waren, kehrte ein Großteil der Flüchtlinge zurück nach Bagdad, zumal sich abzeichnete, dass die britische Kolonialmacht die Kontrolle zurückerlangte.

UN-TEILUNGSPLAN Auch die wirtschaftliche Situation erholte sich, sodass die geschädigten jüdischen Gemeinden bald wiederaufgebaut werden konnten. Dennoch hinterließ der Farhud eine existenzielle Unsicherheit, da die irakischen Juden im Ernstfall weder auf die Unterstützung der Briten hoffen noch sicher sein konnten, ob sich der Mob nicht erneut gegen sie wenden würde.

Cynthia Kaplan Shamash beschreibt die erschreckende Untätigkeit der Briten in ihrem autobiografischen Werk The Strangers We Became: Lessons in Exile from One of Iraq’s Last Jews: «Die Briten hatten gerade einen pro-nazistischen nationalistischen Aufstand niedergeschlagen, aber aus irgendeinem Grund drang ihre siegreiche Armee nicht in Bagdad ein, um zu versuchen, das Massaker zu beenden. Es war fast so, als hätten die Briten beschlossen, die Mörder weitermachen zu lassen, bis die Erschöpfung ihre Wut stoppte, oder vielleicht war es ihnen einfach egal.»

Die geplante Vernichtung der Juden war keineswegs auf Europa beschränkt.

Die bereits vor der israelischen Staatsgründung nicht selten in Gewalt mündende Ablehnung eines jüdischen Staates führte dazu, dass der irakische Premierminister Nuri al-Said britischen Diplomaten damit drohte, dass bei einem unbefriedigenden Ausgang des UN-Teilungsplans Maßnahmen gegen alle Juden in den Ländern der 1945 gegründeten Arabischen Liga unternommen würden.

Der irakische Außenminister Muhammad Fadhel al-Jamali klagte in einer Rede vor der UN-Generalversammlung am 29. November 1947, dass die «aufgezwungene Teilung» die bestehende, friedliche Koexistenz der Religionen im Nahen Osten zerstören würde. In allen arabischen Ländern seien daher antisemitische Ausschreitungen zu erwarten – und insbesondere die Juden im Irak bekämen dies schmerzlich zu spüren.

Die israelische Staatsgründung führte im Irak zu unmittelbaren antijüdischen Gesetzen, Enteignungen und zahlreichen Verhaftungen sowie Hinrichtungen von «zionistischen Agenten». Um diesem Schicksal zu entgehen, schmuggelte die zionistische Untergrundbewegung zahlreiche Juden außer Landes. Seit 1951 wurde im Rahmen der «Operation Ezra und Nehemia» der systematische Exodus organisiert, nachdem Juden seit 1950 ausgebürgert und zur Auswanderung gedrängt wurden.

EXIL Zwischen 1948 und 1952 verließen über 120.000 Juden das Land. In anderen arabischen Staaten sah das Schicksal der Juden ähnlich aus. Seit der israelischen Staatsgründung wurden 900.000 Juden aus arabischen Ländern vertrieben. Im Gegensatz zu zwei Dritteln der russischen Juden, die trotz der Pogrome im Zarenreich verblieben, verließen über 99 Prozent der arabischen Juden ihre Heimat, obwohl deren Präsenz in der Region weit vor die Entstehung des Islams zurückreicht.

Der irakisch-israelische Schriftsteller Samir Naqqash erinnert sich an seine letzten Momente im Irak: «Und ich erinnere mich, wie ich meine Augen an dem Anblick des Flusses weidete. Die Lichter der Straßenlaternen spiegelten sich im Wasser. Dieses Abschiedsbild von Bagdad ist bis heute in meinem Gedächtnis lebendig und eingebettet. Auch wenn ich noch jung war, ist es tief in meinem Herzen. All diese Liebe wird mich nie verlassen.»

Auch Cynthia Kaplan Shamash, die heute in New York lebt, beschreibt in ihren Memoiren, wie die Erfahrung des Exils sie trotz der großen Entfernung zu ihrer Heimat nie losließ: «Mein neues Ich war sich nicht ganz sicher, worauf es stolz sein sollte. Auf die alte oder die neue? Cynthia Shamash? Sintia Shamash? Chava Shamash? Oder Cynthia Kaplan? Wer bin ich, jetzt, wo ich in Amerika lebe, verheiratet mit einem Mann, der nicht meine Muttersprache spricht, 6000 Meilen von meinem Geburtsort entfernt?»

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