Ukraine

16 Stunden Menschlichkeit

Die Wiese hinterm Haus liegt voller Schnee. Es sind nur ein paar Meter von dem Bretterverhau mit dem Plumpsklo zurück ins Haus. Auf einen Stock gestützt, tastet sich Sofia Karkuch den schmalen Weg entlang. Sie leidet an grauem Star. Die zierliche 83‐Jährige hat sich ein buntes Kopftuch umgebunden, über dem geblümten Kleid trägt sie eine Strickjacke.

Die Ukrainerin ist die letzte Jüdin in ihrem Dorf. Sofia wohnt ganz am Ende der einzigen Straße von Sadki, 25 Schlagloch‐Kilometer westlich der Bezirkstadt Schitomir. Wasser gibt es auch im 21. Jahrhundert nur aus Brunnen. Katzen jagen Hühnern hinterher. Ein Pferdefuhrwerk mit einer Ladung Heu klappert vorbei. Immerhin: Seit einigen Jahren hat Sadki einen Gasanschluss. So winzig die Siedlung, so gering der Zusammenhalt unter den Verbliebenen: Viele der alten Nachbarn sind inzwischen gestorben, zu den neuen hat Sofia keinen Kontakt.

Seit 1983, als Sofias Mann starb, lebt sie alleine in ihrem Zwei‐Zimmer‐Holzhäuschen mit der taubenblauen Tür. Kinder hatte das Paar keine. Andere Verwandte? Sofia schüttelt stumm den Kopf, ihre Augen füllen sich mit Tränen: »Ein Onkel hat ausgerechnet, dass die Deutschen 147 Mitglieder unserer Familie umgebracht haben.« Sofia hat als Einzige überlebt.

Ghetto 1927 wurde sie in einem Schtetl hier in der Nähe geboren. Sie war das einzige Kind einer religiösen jüdischen Familie. 1941 besetzte die Wehrmacht ihr Dorf und erschoss alle Männer im Wald, auch Sofias Vater. Die 13‐Jährige wurde mit ihrer Mutter ins Ghetto nach Schitomir verschleppt. wo sie sich mit der Familie ihres Onkels ein Zimmer teilten. »Es gab nichts zu essen. Alle Kinder waren krank und hatten Läuse«, erzählt Sofia. Eines Tages floh ihre Mutter aus dem Ghetto, um in ihrem Dorf nach etwas Essbarem zu suchen. Während der Abwesenheit der Mutter wurden Greise, Frauen und Kinder aus dem Ghetto in eine nahe Schlucht gebracht. Als die verzweifelten Menschen gruppenweise an den Abgrund treten mussten, um erschossen zu werden, entschied sich Sofia zur Flucht: »Ich habe überlegt, was besser für mich wäre: Zu sterben, oder ohne meine Familie weiterzuleben.« Dann rannte die 13‐Jährige los. Rannte um ihr Leben. Lief in ihr Heimatdorf, um ihre Mutter zu finden – vergeblich: »Ich habe sie nie wieder gesehen.« Zweieinhalb Jahre lang versteckte sich das Mädchen in einem Dorf bei Tschechen, die ihr Arbeit im Haushalt, Essen und einen Schlafplatz gaben. So überlebte sie den Krieg.

Weil ihr das Rechnen leicht fiel, arbeitete Sofia in der Sowjetunion als Buchhalterin auf einer Kolchose. Nach 40 Arbeitsjahren bekommt sie vom ukrainischen Staat umgerechnet rund 80 Euro Rente im Monat. Ein Betrag, der kaum zum Überleben reicht. Ein Viertel davon geht allein für Strom, Gas und Wasser weg. Auch die Medikamente – gegen den hohen Blutdruck und für das kranke Herz – verschlingen immer mehr Geld.

Dass Sofia Karkuch trotz ihrer angegriffenen Gesundheit noch in ihrem Haus bleiben kann, verdankt sie der jüdischen Hilfsorganisation Hesed. Allein in der Ukraine betreuen 25 lokale Heseds rund 34.500 betagte und bedürftige Schoa‐Überlebende, mehr als 8.000 von ihnen – wie Sofia – zu Hause. Finanziert von der Entschädigungsorganisation Jewish Claims Conference (JCC), die kürzlich von einem Betrugsskandal erschüttert wurde (vgl. JA vom 18. November 2010), und vor Ort unterstützt vom American Jewish Joint Distribution Committee, gibt es in vielen Städten kleine und größere Hilfsstationen, auch in Schitomir. 80 Pflegekräfte seien allein im Umkreis der 300.000-Einwohner-Stadt eingesetzt, erzählt Sofia Saitsewa, die Chefin von »Hesed Schlomo«.

An fünf Tagen die Woche, insgesamt 16 Stunden, schickt das örtliche Hesed Pflegerin Vera Kuchuk (65) zu Sofia. Vera wohnt im Nachbardorf, war früher Hausmeisterin in einer Schule. Sie kontrolliert den Blutdruck, sorgt dafür, dass Sofia ihre Medikamente nimmt. Sie kauft ein und kocht, schöpft Wasser und hilft bei der Körperpflege, putzt und macht die Wäsche. Und sie ist einfach da. Montags bis freitags. Für Menschen wie Sofia ist diese Unterstützung lebenswichtig. Im vorigen Jahr hatte sie einen komplizierten Beckenbruch. Hesed übernahm die Kosten für die Operation. Nach dem Eingriff musste die alte Frau sechs Monate im Bett bleiben, ihre Pflegerin war der einzige Kontakt zur Außenwelt. Hesed leistet buchstäblich Hilfe zum Überleben. Die Lebenserwartung der Hesed‐Klienten liegt bei 77 Jahren, die anderer ukrainischer Senioren bei 68.

familienersatz Im zweistöckigen Hesed‐Tageszentrum in Schitomir sind am gleichen Vormittag alle Räume belegt. Schon im Morgengrauen bringen Kleinbusse die mobileren Alten aus den Vororten. Nach einem gemeinsamen Frühstück sind die Tage bis zum Nachmittag mit Programm ausgefüllt: Es wird gemeinsam gesungen und getanzt, Schach gespielt, gestrickt oder gemalt. Es gibt Vorträge und Lesezirkel. Viele nutzen die Möglichkeit, warm zu duschen. Ein paar Rentner reparieren kostenlos Radios, Telefone und Kühlschränke für die Besucher. Auch eine Wäscherei bietet ihre Dienste an. Das Wichtigste aber ist das Miteinander. »Für die meisten sind wir Familienersatz«, weiß Hesed‐Leiterin Saitsewa.

Doch nicht alle betagten Überlebenden sind gesundheitlich noch dazu in der Lage, eines der Zentren aufzusuchen. Oder sie wohnen einfach zu weit entfernt und können nicht regelmäßig abgeholt werden. Für sie sind die Hausbesuche der Sozialarbeiter die einzige Verbindung zur Außenwelt. Der Bedarf an häuslicher Pflege werde aus demografischen Gründen bis 2014 nochmals stark ansteigen, bevor er nach 2020 unaufhaltsam zurückgehe, schätzt Greg Schneider, Geschäftsführer der Claims Conference in New York. In Kiew traf er sich vor einigen Wochen mit deutschen Bundestagsabgeordneten, um diese für die Belange betagter Schoa‐Überlebender in den ehemaligen GUS‐Staaten zu sensibilisieren.

Knapp elf Millionen Dollar hat die JCC im Jahr 2009 für Wohlfahrtsprogramme in der Ukraine aufgewendet. Noch mal 3,6 Millionen Dollar steuerte die deutsche Bundesregierung bei. Davon werden nicht nur über 2,1 Millionen Arbeitsstunden von Hauspflegekräften bezahlt, sondern auch Lebensmittelgutscheine, Essen auf Rädern, Medikamente und Winterhilfsprogramme. Doch die Kosten steigen, da immer mehr Schoa‐Überlebende in ein Alter kommen, in dem sie Pflege benötigen.

»Vor uns klafft ein immer größeres Loch in unserem Budget«, klagt JCC‐Geschäftsführer Schneider. Allein für die Überlebenden in den GUS‐Staaten fehlten im vergangenen Jahr rund 77 Millionen Dollar. Schneider appellierte an die deutschen Parlamentarier, in der Unterstützung für die NS‐Opfer in der ehemaligen Sowjetunion jetzt nicht nachzulassen. »Es ist der letzte Dienst, den wir dieser Generation noch erweisen können«, so Schneider. Im Übrigen hält er es für folgerichtig, dass auch osteuropäische Regierungen Entschädigungsfonds einrichten, aus denen Überlebende in ihren Ländern und weltweit versorgt werden. Doch dazu fehlen politischer Wille und gesellschaftliches Bewusstsein.

Erinnerungen 16 Stunden Hilfe und Menschlichkeit pro Woche bedeuten für Sofia auch 152 Stunden Einsamkeit. 9.120 zähe Minuten, die die alte Frau allein in ihrer nur mäßig geheizten Stube verbringt. Allein mit ihren Erinnerungen. »Meine Mutter war eine schöne Frau«, stößt sie einmal hervor, und ein kurzes Lächeln huscht über ihr zerfurchtes Gesicht. Die Zeit wirkt eingefroren – wie die roten Plastikrosen in der Vase auf dem Wachstischtuch. Hinter den Fenstern schwärzt sich der Himmel. Die Wolken werden noch mehr Schnee bringen. Was das Schwierigste ist in ihrer Lage? Sofia überlegt lange. »Zu leben«, sagt sie leise, »jeder Tag ist schwierig.«

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