Italien

1000 Tote und 20.000 geraubte Bücher

Der Konservatorenpalast in Rom Foto: picture alliance / imageBROKER

In den frühen Morgenstunden des 16. Oktober 1943 umstellten SS-Einheiten das Ghetto in Rom. Kurz darauf wurden dessen Bewohner aus ihren Häusern gezerrt, viele noch im Nachthemd, und in Viehwaggons gepfercht. Weder Kinder noch Alte noch schwangere Frauen blieben verschont. Sie wurden direkt nach Auschwitz verschleppt. Nur 16 von mehr als 1000 Menschen kamen zurück. 80 Jahre später erinnert eine Kuratorenausstellung des Jüdischen Museums von Rom an die Razzia und den Weg hin zum Verlust jeder Menschlichkeit.

In den ersten Räumen im Konservatorenpalast berichten Tafeln von der Geschichte der Juden in Rom und ihrer Ausgrenzung durch die Faschisten in den 30er-Jahren. 1938 führte der Diktator Benito Mussolini antisemitische Gesetze ein. Juden mussten sich als solche deklarieren und wurden von wichtigen Berufen sowie dem Großteil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen. Die Deportationen begannen nach der Absetzung Mussolinis und dem Waffenstillstand von 1943. Die Wehrmacht marschierte in Rom ein, nachdem die italie­nische Regierung und der König in den Süden Italiens geflohen waren.

Zunächst erpressten die Nazis von der jüdischen Gemeinde 50 Kilogramm Gold. Andernfalls würden 200 Juden deportiert. Die Gemeinde brachte das Gold auf. Im Anschluss raubten die Besatzer rund 20.000 wertvolle Bücher aus den Bibliotheken des Rabbinerseminars und der Gemeinde, unter tatkräftiger Mithilfe »qualifizierter« Professoren aus Deutschland. Bis heute sind die Bücher verschwunden. Am 16. Oktober 1943 schließlich wurden mehr als 1000 Juden in den Tod geschickt.

Papst Pius XII.

In der Ausstellung zeugen Originaldokumente – von Ausweispapieren über Zeitungen bis zu Fotografien, Gemälden und persönlichen Briefen – vom Abbruch ihrer Leben. Zu sehen sind Zeugnisse des Alltags, aber auch der Angst und Orientierungslosigkeit sowie der bürokratischen Kälte, mit der die Verhaftungen und die Deportation organisiert und durchgeführt wurden. Die umstrittene Frage, wie sich die katholische Kirche und insbesondere ihr damaliges Oberhaupt, Papst Pius XII., zu diesen Deportationen verhielten, bleibt allerdings unbeantwortet.

Die kritischen Thesen unter anderem des katholischen Theologen Klaus Kühlwein, der Pius XII. Zögerlichkeit trotz seines Wissens über die Lebensgefahr für Tausende direkt unter seinem Fenster lebende Juden attestiert hat, werden weder erwähnt noch widerlegt. Im Ausstellungskatalog wird dagegen auf angebliche Hilfeleistungen hingewiesen, die die jüdische Gemeinde von Katholiken und offenbar auch dem Vatikan erfuhr.

So habe der Vatikan angeboten, etwas zu den von den Nazis geforderten 50 Kilogramm Gold beizusteuern, die die Gemeindemitglieder und einzelne Katholiken dann aber selbst aufbrachten. Auch hätten Katholiken bei der Rettung von Wertgegenständen der Gemeinde geholfen und sich damit in Lebensgefahr gebracht.

1961 zahlte die deutsche Bundesregierung der jüdischen Gemeinde von Rom 2,5 Millionen D-Mark als Schadensersatz für die von den Nazis abgepressten 50 Kilogramm Gold. Die geraubten Bücher sind bisher kein Thema.

Ein kürzlich vorgestelltes Projekt des Leo-Baeck-Instituts Jerusalem, gefördert von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ), könnte einen Weg aufzeigen, wie auch diese Bücher wiedergefunden werden könnten: Interessierte können auf der Website bei der Suche nach geraubten Büchern helfen. Bisher ist das Projekt auf verschollene Bücher der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin begrenzt. Es ließe sich aber sicherlich erweitern auf die Suche nach Büchern, die aus anderen Bibliotheken geraubt wurden.

Am 22. November 2023 wurde in Berlin eine Vereinbarung zwischen Italien und Deutschland unterzeichnet, wonach die kulturelle Zusammenarbeit verstärkt werden soll. Auch die könnte einen Rahmen bilden für ein gemeinsames Projekt zur Wiederauffindung des geraubten Bücherschatzes.

Die Ausstellung »I sommersi. Roma 16 ottobre 1943« ist noch bis zum 18. Februar im Konservatorenpalast zu sehen. Der Katalog hat 174 Seiten und kostet 24 Euro.

New York

Resiliente Einhörner

Während Bürgermeister Zohran Mamdani gegen Premier Benjamin Netanjahu wettert, bekommen israelische Start-ups ein neues Zuhause

von Sophie Albers Ben Chamo  29.07.2026

Toronto

Solidarität nach Angriffen: Lange Schlangen vor jüdischen Bagel-Läden

Nach Angriffen auf zwei Filialen der jüdischen Bäckereikette Kiva’s Bagel Bar kaufen Bewohner dort ein. Zeitgleich feuerte ein Unbekannter Schüsse auf das US-Konsulat ab

 29.07.2026

Jerusalem

Frühere Staatschefinnen fordern Strafen für israelische Siedler

Die frühere Präsidentin Irlands, Mary Robinson, und die frühere Premierministerin Neuseelands, Helen Clark, forderten unter anderem ein Verbot des Handels mit Waren illegaler Siedlungen

 29.07.2026

Judenhass

Antisemitismus weltweit auf Höchststand

Die Untersuchung erfasst die sieben Länder mit den größten jüdischen Bevölkerungen außerhalb Israels, darunter Deutschland

 29.07.2026

Griechenland

Israelische Touristen auf Kreta von israelfeindlichem Mob attackiert

Auf der Insel Kreta soll eine Gruppe israelischer Touristen mit Flaschen und einem Luftgewehr angegriffen worden sein

 28.07.2026

USA

Comedy mit Kriegsbemalung

In ihrer Heimat ist das Stand-up-Naturtalent Iliza Shlesinger gerade auf Tour. Für den Rest gibt es Netflix

von Sarah Thalia Pines  28.07.2026

Toronto

Schüsse auf jüdische Bäckerei – Polizei ermittelt wegen möglicher Hasskriminalität

Innerhalb von 20 Minuten werden in der kanadischen Metropole zwei Anschläge auf die Bäckereikette Kiva’s Bagel verübt

 27.07.2026

Großbritannien

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Die jüdische Gemeinschaft sieht den neuen Premier Andy Burnham kritisch – er will die Nahostpolitik des Landes ändern

von Rudolf Hönnige  23.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026