Sukkot

Wohin mit dem Etrog?

Qualitätskontrolle: Nur einwandfreie Früchte gehören in den Feststrauß. Foto: Flash 90

Manchmal brauchen die Kontrolleure nur ihre Nase. Duftet es plötzlich besonders zitronig, tippen die Angestellten vom Zoll auf dem Ben-Gurion-Flughafen dieser Tage meist nicht auf das Parfum einer schicken Dame, sondern auf einen außergewöhnlichen Kofferinhalt. Rechtzeitig zum Laubhüttenfest Sukkot haben Etrogim-Schmuggler Hochkonjunktur.

Die Zitrusfrucht gehört neben den Palm-, Myrten- und Weidenzweigen zu den vier Bestandteilen des Feststraußes, der traditionell in der Sukka seinen Platz hat. Eine Schönheit ist die buckelige Frucht, die zur Art der Zitronatzitrone gehört, nicht unbedingt.

Doch auf speziellen Märkten der israelischen Städte, die vor dem Fest überall wie Pilze aus dem Boden schießen, inspizieren Männer die grüngelben Etrogim, als wären es lupenreine Edelsteine, fragen ihre Rabbiner, ob dieser oder jener ganz sicher koscher ist. Für besonders unversehrte Exemplare werden manches Mal bis zu 500 Schekel, umgerechnet 100 Euro, über die Verkaufstheke gereicht.

schmuggel 228 Etrogim »bester Qualität« sind nicht mehr auf diese Märkte gelangt. Vor wenigen Tagen wurden sie auf dem Flughafen beschlagnahmt. Ein Mann aus Frankreich hatte mit zwei Koffern voll duftender Ware versucht, durch den Ausgang zu huschen. Offenbar hatte er nicht mit den geschulten Nasen der Zöllner gerechnet.

Das Landwirtschaftsministerium fürchtet bei der illegalen Einfuhr weniger den Verkauf ausländischer Früchte, betont ein Sprecher, als vielmehr das Einschleppen von Seuchen, die ganze Bestände von Flora vernichten könnten. In einer Erklärung machte das Ministerium klar: »Einreisende dürfen vor den Feiertagen pro Person einen Etrog einführen. Sie müssen die Frucht bei der Ankunft einem unserer Vertreter vorzeigen, damit sie auf Krankheiten untersucht werden kann.«

Eine Woche lang verströmen die Etrogim in jeder Sukka Israels zitronigen Geruch. Doch nach dem Ende der Feiertage wissen viele nicht, wohin mit der fruchtigen Kostbarkeit. Die meisten lassen sie liegen, bis sie vertrocknet ist. Einige verzieren sie mit getrockneten Nelken und nutzen sie dann für die Hawdala-Zeremonie am Schabbatausgang. Viele Israelis aber wollen sie über den Duft hinaus genießen.

Schoschana Ben hat dafür ihre eigenen Rezepte erfunden. Jedes Jahr stellt die Hobbyköchin aus Jerusalem aus der einen Hälfte Marmelade her, aus der anderen eine spezielle Süßigkeit. »Meine Familie freut sich schon vor den Feiertagen auf kandierte Etrogschale, es ist ein unvergleichlicher Genuss.« Der Etrog sei nicht mit einer Zitrone zu vergleichen, erklärt Ben. Das Innere sei ebenso aromatisch wie die äußere Schale und daher perfekt geeignet für diese Arten der Zubereitung. Allerdings müsse die geschnittene Frucht mindestens zwölf Stunden in Wasser eingeweicht werden, bevor sie weiterverarbeitet wird, um ihr die Bitterkeit zu entziehen.

»Marmelade und kandierte Fruchtstücke halten sich wochenlang, so haben wir noch lange etwas vom außerordentlichen Geschmack dieser Festtagsfrucht«, freut sie sich. »Das ist so, als könnten wir die wundervolle Stimmung von Sukkot noch ein wenig beibehalten.«

Eigener Anbau Die meisten Etrogim in Israel kommen heute aus dem eigenen Anbau. Auf etwa 100 Hektar Fläche werden jährlich eine Million Früchte geerntet, von denen der Großteil im Land bleibt. 30 Prozent werden in jüdische Gemeinden in aller Welt exportiert. Einige wenige kommen zudem aus dem italienischen Kalabrien und aus Marokko.

David Cohen ist es egal, woher die Etrogim stammen. Hauptsache, sie kommen nach den Feiertagen bei ihm an. Der Inhaber der kleinen Privatbrauerei »Dancing Camel« in Tel Aviv hat ein Faible für besondere Genüsse – in flüssiger Form. »When you are done shaking them, we start baking them«, hat er als Motto für seine neueste Kreation, das Etrogbier, parat. Was soviel heißt wie: »Wenn ihr sie fertig geschüttelt habt, verarbeiten wir sie.« Cohen spielt damit auf das zeremonielle Schütteln der vier Arten zum Feiertag Sukkot an.

Der Bierbrauer bittet Freunde und Bekannte, ihm das Obst nach den Feiertagen vorbeizubringen. Außerdem hat er einen lokalen Bauern überzeugt, ihm seine »unbrauchbaren«, weil nicht perfekten Früchte zu überlassen. »Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm die Last abnehme und er meinte, ›Gern, wenn ich dafür ein paar Flaschen bekomme.‹ Also hatten wir einen Deal.«

Was bei deutschen Bierliebhabern wohl Kopfschütteln hervorrufen würde, kommt in Israel gut an. Cohen hat für jeden jüdischen Feiertag den passenden Gerstensaft parat: Zu Rosch Haschana braut er Ale mit Granatapfelgeschmack, Chanukka gibt es in seinem Pub Starkbier mit Kirsch-Vanille-Aroma, das flüssige Pendant zu den traditionellen Krapfen Sufganiot. Und nach Sukkot können Gäste in diesem Jahr im »Dancing Camel« zum ersten Mal mit einem Gebräu aus der legendären Zitrusfrucht anstoßen. »Lechaim!«

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