Geiseln in Gaza

»Wir waren zehn, jetzt sind wir nur noch vier«

Die Angehörigen der Geiseln Rimon Kirsht-Buchshtab und Yegev Buchshtab Foto: Sabine Brandes

Geiseln in Gaza

»Wir waren zehn, jetzt sind wir nur noch vier«

Die Familien der drei Frauen aus dem jüngsten Propagandavideo der Hamas äußern sich

von Sabine Brandes  31.10.2023 09:46 Uhr

Als er das Video sah, bekam er fast einen Herzinfarkt. »Ich konnte es nicht glauben. Zum einen dachte ich, ‚wie furchtbar, sie so zu sehen‘, zum anderen war ich so erleichtert, dass sie lebt.« Dreieinhalb Wochen hatte Ramos Aloni nichts von seiner Tochter Danielle gehört, »kein einziges Lebenszeichen, gar nichts«. Dann, am Montagabend, veröffentlichte die Hamas ein Propagandavideo.

Danielle, die Frau in der Mitte, wurde gemeinsam mit ihrer fünfjährigen Tochter Emilia gekidnappt. Es sind komplette Familien, die die Hamas-Terroristen verschleppten und jetzt wahrscheinlich in Tunneln in Gaza gefangen halten. Die israelische Regierung spricht mittlerweile von 238 Geiseln. Doch niemand weiß, wie viele von ihnen noch am Leben sind.

In dem Video drängen die Frauen Premierminister Benjamin Netanjahu, ihre Freilassung zu erwirken, und werfen ihm vor, es versäumt zu haben, den brutalen Angriff der Terrorgruppe am 7. Oktober zu verhindern. Es war unklar, wann und wo das Video der Frauen gedreht wurde. Die Aussagen wurden mit ziemlicher Sicherheit von ihren Entführern diktiert.

Premier wirft der Hamas Kriegsverbrechen vor

Das Büro des Premierministers kritisierte die »grausame psychologische Propaganda« der Hamas und warf der Terrorgruppe Kriegsverbrechen vor. »Unser Herz ist bei Ihnen und allen anderen Geiseln«, sagte er, an die Entführten gewandt. »Wir tun alles, was wir können, um Sie alle nach Hause zu bringen.«

Am Montagabend wurde auch bekannt, dass eine 19-jährige israelische Soldatin von der IDF während der Bodenoffensive in Gaza befreit wurde. Ori Megidish sei bei »guter Gesundheit und mit ihrer Familie vereint«, gab die Armee an.

»Das Rote Kreuz darf nicht tatenlos zuzusehen, sondern muss die Initiative ergreifen und fordern, alle unsere Geiseln zu sehen.«

ramos aloni

Danielle Aloni hatte am Ende des jüdischen Feiertages Sukkot ihre Schwester und deren Familie im Kibbutz Nir Oz besucht, als die Mörder und Entführer der Hamas kamen und sie brutal aus dem Leben rissen. Gemeinsam mit der 44-Jährigen wurden ihre Schwester Sharon Kunio-Aloni, ihr Schwager David Kunio sowie deren dreijährige Zwillingstöchter Emma und Yuli ebenfalls als Geiseln nach Gaza gebracht. »Wir waren in unserer Familie zehn – jetzt sind wir nur noch vier«, sagte der Vater von Danielle und Sharon, als er versuchte, die Tränen zurückzuhalten. »Wir möchten sie alle so gern umarmen.«

Ramos Aloni forderte das Rote Kreuz auf, »nicht tatenlos zuzusehen, sondern die Initiative zu ergreifen und zu fordern, alle unsere Geiseln zu sehen«. Seine Töchter würden beide regelmäßig Medikamente benötigen. »Und wenn sie die nicht bekommen, kann das ihre physische Gesundheit ernsthaft gefährden. Zusätzlich zu den seelischen Schäden.«

Als Vater und Großvater appellierte er auch an Katar, Ägypten und andere Länder, »die die Macht haben, dem ein Ende zu setzen und jetzt zu handeln. «Kinder, Frauen und ältere Menschen und ganz allgemein Geiseln zu halten, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.»

Unterstützung der israelischen Gemeinschaft wichtig

Aloni bat auch die israelische Gemeinschaft, sie nicht allein zu lassen. «Wir werden von Freunden und dem gesamten Volk umarmt. Ihre Unterstützung ist so bewegend und sehr wichtig.» Direkt an seine Töchter gewandt, sagte er: «Danielle und Sharon, wir sehen euch, wir hören euch, wir lieben euch! Wir denken jede Sekunde an euch – und wir bringen euch zurück.»

Für Rimon Kirsht-Buchshtab, die im Video links zu sehen ist, sprach ihre Mutter, Avital Kirsht. Sie mache sich große Sorgen, weil ihre Tochter auf dem Video keine Brille trägt. «Sie kann nichts sehen, ohne Brille. 24 Tage lang kann sie nicht sehen. Es muss dringend medizinische Hilfe geleistet werden, bringen Sie ihnen sofort die Grundbedürfnisse», flehte sie. «Alle Geiseln müssen jetzt nach Hause gebracht werden. Wir fordern den Premierminister und den Verteidigungsminister auf, umgehend zu handeln, um dieser schrecklichen Katastrophe ein Ende zu setzen. Lassen Sie uns nicht im Stich.»

Ihre Tochter wurde zusammen mit ihrem Mann Yegev Buchshtab aus dem Kibbutz Nirim entführt. Seitdem sei das Leben für Avital Kirsht wie für alle Angehörigen unerträglich geworden. «Ich glaube nicht, dass es in Katar oder auf der Welt eine Person gibt, die der Meinung ist, dass unschuldige Zivilisten im Untergrund festgehalten werden sollten.»

Interview

»Die meisten arabischen Staaten wollen, dass Israel gewinnt«

Dan Schueftan gilt als wichtigster israelischer Sicherheitsexperte. Er sieht Jerusalem so stark wie nie zuvor – und Europa auf einem ideologischen Irrweg

von Detlef David Kauschke  03.09.2026

Umfrage

Umfrage: Netanjahu-Lager holt auf, beide Blöcke bei 53 Mandaten

Noch vor einer Woche hatte dieselbe Umfrage ein deutlich anderes Bild ergeben. Damals lag die Opposition mit 57 Sitzen vorn

 03.09.2026

Missbrauch

Razzia gegen Kinderehen

Die Polizei ermittelt gegen eine strengreligiöse sektenähnliche Gruppe wegen illegaler Hochzeiten von Minderjährigen

von Sabine Brandes  03.09.2026

Jerusalem

Die Gewalt hat am Schabbat gesiegt

Wegen ultraorthodoxer Randalierer: Das Café Besimta der Bewegung »Juden für Jesus« öffnet samstags nicht mehr

von Sabine Brandes  03.09.2026

Gesellschaft

Rafael schlägt David

Die beliebtesten Kindernamen der Erstklässler in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen von Jerusalem

von Sabine Brandes  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Jerusalem

Netanjahu sagt, Sicherheitschefs hätten ihn am 7. Oktober absichtlich nicht geweckt

Neu ist vor allem die Behauptung, die Sicherheitsführung habe ihn nicht lediglich aus einer Fehleinschätzung heraus nicht informiert, sondern sich bewusst dagegen entschieden

 03.09.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 03.09.2026

Jerusalem

Katz: Israel ist bereit, die freiwillige Ausreise aus Gaza zu ermöglichen

Die Hintergründe

 03.09.2026