Krieg

»Wir sind noch immer in den Tunneln«

Aviva Siegel kämpft unermüdlich für einen Geisel-Deal. Foto: Flash90

Auch nach einem Jahr in Freiheit empfindet Aviva Siegel keine Freude. Nicht einen einzigen Moment. »Gefühlt bin ich noch immer in Gaza. Mit meinem Mann Keith, den Mädchen und allen anderen Geiseln«, sagt die Israelin, die Ende November nach fast zwei Monaten Geiselhaft durch einen Deal zwischen Israel und der Hamas aus dem Gazastreifen befreit wurde.

Täglich ist Siegel unterwegs, um auf das Schicksal der noch 101 in Gaza verbleibenden Frauen, Männer und zwei Kinder aufmerksam zu machen, unermüdlich kämpft sie für einen Deal, um auch sie nach Hause zu holen. Doch das sei nicht schwer. »Das Einzige, was wirklich schwer ist, ist, wenn ich Keith in meiner Erinnerung sehe, an ihn oder die Mädchen denke.« Einige der entführten jungen Frauen wurden gemeinsam mit dem Ehepaar in Gaza gefangen gehalten.

Siegel ist sehr besorgt um die Mädchen, von denen ihr eines während der Geiselhaft anvertraute, dass einer der Hamas-Terroristen sie unsittlich berührt habe. »Ich war sehr stolz auf sie, dass sie es aussprach«, so die ehemalige Geisel. Sie ist sicher, dass es weitere Fälle von sexuellen Übergriffen gegen die Mädchen gab, die sie ihr nicht erzählten, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen.

Die Geiseln wurden gezwungen zu schweigen

Siegel weiß aus eigener Erfahrung: »Die Geiseln wurden gezwungen, so zu tun, als sei alles in Ordnung, sogar, nachdem ihre Entführer sie misshandelt hatten. Sie wurden zum Schweigen gezwungen und duften nicht miteinander sprechen. Sie wollten nur weinen und durften nicht weinen.«

Auch ihrem Mann Keith sei aufgetragen worden, so zu tun, als wäre nichts geschehen, auch nachdem seine Entführer seinen gesamten Körper rasierten, um ihn zu demütigen.

Eindringlich schildert Siegel auch, wie schwer es sei, in Gaza unter ständigen Bombardierungen durch die israelische Armee zu leben, und erzählte von einem Fall, in dem Keith zum Verhör abgeführt wurde, nur um kurz darauf mit seinen Entführern zurückzueilen, als eine Explosion den Ort erschütterte, an dem sie festgehalten wurden. »Alle Fenster des Hauses zersplitterten, und die Tür der Dusche flog aus den Angeln. Es gibt dort keine Sekunde, in der nichts passiert. Es herrscht ständige Angst und andauernde Lebensgefahr.«

»Ich hatte solche Angst, ihn anzusehen und habe inständig gehofft, dass ich zuerst sterben würde.«

Sie habe in Gaza »den Tod gefühlt«, als Keith auf einer Matratze lag, abgemagert, verletzt und um Luft ringend. »Ich hatte solche Angst, ihn anzusehen und habe inständig gehofft, dass ich zuerst sterben würde.« Siegel forderte die Entscheidungsträger auf, endlich aufzuwachen. »Die Geiseln in Gaza zu lassen, ist das Grausamste, was man ihnen, uns und unserem Land nur antun kann.«

Am 7. Oktober vergangenen Jahres wurden mehr als 1.200 Menschen getötet und 251 als Geiseln genommen, als Tausende von Terroristen unter Führung der Hamas über die Grenze zum Gazastreifen nach Israel strömten und in Dutzenden Gemeinden im Süden Blutbäder anrichteten.

Auch Präsident Isaac Herzog warnte bei einer Veranstaltung zum Jahrestag der Befreiung, dass es ein bleibendes Trauma für das Land hinterlassen würde, wenn die Geiseln nicht zurückgeholt werden. Er betonte die Verantwortung des Staates. »Wir müssen verstehen und verinnerlichen, dass wir, wenn wir sie nicht nach Hause bringen, mit einer blutenden, offenen Wunde zurückbleiben, die unsere Seelen als Gesellschaft und als Nation für immer verbrennen wird«, hob Herzog hervor.

Identität und Würde der Geiseln werden jeden Tag zerstört

Danielle Aloni, die mit ihrer fünfjährigen Tochter Emilia entführt und nach 49 Tagen freigelassen wurde, sprach bei der Zeremonie »von der zunehmenden Gefahr«, der die noch immer festgehaltenen Menschen jeden Tag ausgesetzt sind. »Sie erleiden körperliche, sexuelle und psychische Misshandlungen, ihre Identität und Würde werden jeden Tag aufs Neue zerstört«.

»Die israelische Regierung brauchte etwa zwei Monate, um einen Deal zustande zu bringen, um uns herauszuholen. Warum dauert es über ein Jahr, und es gibt noch kein weiteres Abkommen, um die andern aus der Hölle zu bringen?«, fragte Aloni, deren Schwager David Cunio, sein Bruder Ariel Cunio und dessen Lebensgefährtin Arbel Yahud noch immer in Gaza sind.

Sie betonte, dass sie und die anderen Geiseln zwar vor einem Jahr ihre Freiheit erlangten, »aber wir die Tunnel noch nicht wirklich verlassen haben«. Sie bezog sich dabei auf die unterirdischen Terrortunnel der Hamas, in denen viele der Geiseln festgehalten wurden. »Das Gefühl des Erstickens, die schreckliche Feuchtigkeit, der Gestank – diese Empfindungen umhüllen uns immer noch jeden Tag«, so Aloni. »Wir sind noch immer in den Tunneln gefangen.«

Ugandische Truppen

Nahost

Ugandas Parlament billigt Truppenentsendung nach Gaza

Auf US-Anfrage soll sich ein Kontingent der ugandischen Armee der geplanten internationalen Stabilisierungstruppe anschließen. In Afrika zählt das Land zu den größten Truppenstellern für Friedensmissionen

 07.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Justiz

Israelischer Siedler wegen Tötung eines Palästinensers angeklagt

Der getötete Aktivist setzte sich gegen Siedlergewalt ein und war an dem Oscar-prämierten Film »No Other Land« beteiligt. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht

 07.08.2026

Dublin

Wegen Israel-Boykott: Irisches Regierungsflugzeug kann nicht mehr im Nebel landen

Beim Kauf der Maschine wurde bewusst auf das System »FalconEye« verzichtet, weil der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems an dem Produkt beteiligt ist

 07.08.2026

Benjamin Netanjahu

Meinung

Nicht wegen des Krieges: Warum Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wirklich zurücktreten sollte

von Roman Haller  07.08.2026

Thailand

Israelische Mutter und Tochter nach Angriff im Krankenhaus

Die Touristinnen wurden auf der Insel Koh Phangan von einem Mann attackiert, der zuvor Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisiert hatte. Eines der Opfer erlitt eine Gehirnblutung

 07.08.2026

Washington/Rom

USA: Annäherung bei Gesprächen zwischen Libanon und Israel

Man sei sich »nun deutlich näher« bei der Frage, was getan werden müsse, um die sogenannten Pilotzonen weiterzuführen und auszubauen, sagt ein Sprecher des US-Außenministeriums

 07.08.2026

Westjordanland

Mutter und Sohn entgehen Lynchversuch nach Irrfahrt in Dschenin

»Dutzende Araber versuchten, die Türen zu öffnen, warfen Steine auf uns und versuchten, uns anzuhalten«, sagt die Frau

 07.08.2026

Nahost

UNICEF-Erhebung: Kaum Mangelernährung bei Kindern in Gaza

»Im Gazastreifen herrscht keine Hungersnot«, heißt es im israelischen Außenministerium. Dies sei das eindeutige Ergebnis

 07.08.2026