Preise

Winter im Portemonnaie

Kurz vor Feierabend wird’s billiger: Carmel-Markt in Tel Aviv Foto: Flash 90

Hüttenkäse gehört auf den israelischen Abendbrottisch. Im Sommer kostete er von einem Tag auf den anderen nicht mehr einen Euro, sondern fast zwei. In Tel Aviv, Jerusalem und Haifa brach sich darüber die Wut der Menschen Bahn und schien beinahe die Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Zuerst wurde der »BoyCottage« angezettelt, dann ging es um die horrenden Wohnungsmieten, später um gesellschaftliche Ungleichheit im Allgemeinen. »Zedek Chewrati« (soziale Gerechtigkeit), riefen Hunderttausende Israelis mit erhobenen Fäusten. Wo sind sie ein halbes Jahr danach?

Die Anführer der Protestbewegung, allen voran Daphni Leef, die als erste mit ihrem Zelt auf den Tel Aviver Rothschild-Boulevard zog, und Studentenführer Itzik Schmuly versicherten Stein und Bein, dass sie nicht nachlassen würden, gegen die überhöhten Lebenshaltungskosten vorzugehen.

Weitere Demonstrationen sollte es geben, runde Tische und Diskussionsrunden. Derzeit jedoch scheint es so, als ob sich Daphni und ihre Freunde im regnerischen Israel die Füße nicht nass machen wollen. Die Protestbewegung ist im Winterschlaf.

Auch hatten die Rufe nach günstigeren Produkten keine Auswirkungen. Einzig beim körnigen Käse gab es Erfolg. Er kostet statt neun Schekel heute um die sechs (1,20 Euro). Die anderen Produkte indes sind kein bisschen billiger geworden. Im Gegenteil: Sie kosten sogar mehr.

Wie die Bank of Israel vergangene Woche bekanntgab, verteuerten sich die meisten Dinge des täglichen Lebens mehr als die Herstellungskosten. Damit bestätigte sie, was die Israelis längst in ihren Portemonnaies spüren: Das Leben im Heiligen Land ist so teuer wie nie.

Rechnung Alisa Stein, Sozialarbeiterin und Mutter von zwei Kindern, stand den ganzen Sommer über mit Bannern in den Händen auf den Plätzen des Landes, klebte Plakate, leitete Diskussionsgruppen, schob ihr Baby auf Kinderwagendemos.

»Ich habe an eine neue Gesellschaft geglaubt«, sagt sie mit Enttäuschung in der Stimme, »jetzt merke ich, dass es nicht mehr als Schall und Rauch war.« Die Politiker machten mit den Bürgern, was sie wollten. »Und wir ziehen uns wieder zurück in unser hartes Leben, in dem uns nur noch beschäftigt, wie wir die nächste Rechnung bezahlen.«

Und die ist hoch. Die Zentralbank veröffentlichte Zahlen, die belegen, dass die meisten Waren viel mehr kosten als in anderen Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in denen ein vergleichbares Einkommensniveau herrscht. Im vergangenen Jahr war Israel der OECD bei- getreten.

Wie viel im Supermarkt für ein Schnitzel, einen Liter Milch oder ein Pfund Kaffee bezahlt werden muss, orientiert sich im Normalfall am Einkommen der Bevölkerung. Je mehr die Menschen in der Lohntüte haben, desto mehr können sie ausgeben und desto höhere Preise verlangen die Produzenten. Doch bereits 2009 warnte die Zentralbank, dass hier alles im Durchschnitt um die 15 Prozent zu viel kostet.

Ein Jahr darauf kam die Nachricht, dass Israel teurer ist als jedes andere Land der OECD. Dieses Ergebnis erscheint in noch härterem Licht, beachtet man, dass die Einkommen unter dem OECD-Durchschnitt liegen. Als Hauptgrund dafür gibt das Kreditinstitut die fehlende Konkurrenz bei bestimmten Produkten an. Ein weiteres Problem sei die einheitliche Mehrwertsteuer von 16 Prozent auf alles. In vielen anderen Staaten ist der Satz für Lebensmittel reduziert.

Für Israelis werden Erdbeeren mit Sahne somit fast schon zum Luxusvergnügen: Milchprodukte kosten 44 Prozent mehr als im OECD-Schnitt, Getränke sind fast 50 Prozent teurer. Für Hotels und Restaurants muss man ein Drittel mehr berappen, Autos sind nahezu unerschwinglich: 70 Prozent mehr stehen hier auf der Rechnung für einen Neuwagen.

Vertrauen Nach Veröffentlichung des Bankberichtes erklärte das Industrie- und Handelsministerium, es wolle ein Komitee für Lebensmittelpreise einrichten, in dem beraten werden soll, wie die galoppierende Preisentwicklung gestoppt werden kann.

Alisa Stein macht das wenig Hoffnung. Sie erfährt am eigenen Leib, was es bedeutet, wenn alles teurer wird, während die Gehälter niedrig bleiben. Sie muss mit ihrer Familie aus ihrer geräumigen Vierzimmerwohnung im Zentrum ausziehen. »Wir können es schlicht nicht mehr bezahlen«, sagt sie resigniert. Die Israelin fühlt sich alleingelassen und ausgebeutet. »Das Vertrauen in die Regierung, dass sie die Sorgen der Bevölkerung ernst nimmt, ist weg. Ganz und gar.«

7. Oktober

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