Jom Haschoa

»Wiedergeburt einer Nation«

Israelische Soldaten gedenken am Jom Haschoa Foto: Flash 90

Am Mittwoch ist in Israel der Holocaust-Opfer gedacht worden. Am Jom Haschoa ertönten im ganzen Land Sirenen, das öffentliche Leben kam für eine Minute zum Erliegen. Doch an diesem offiziellen israelischen Gedenktag wächst im Land der Opfer die Kritik an der offiziellen Lesart des Nazi-Völkermords und dem vermeintlichen Missbrauch, den rechtsgerichtete Politiker mit jüdischer Geschichte treiben.

Die Bilder sind immer dramatisch: Wenn für eine Minute die Luftschutzsirenen aufheulen, halten Millionen Israelis inne und senken ihr Haupt, um der Schoa zu gedenken. Es ist einer der traurigsten Tage im israelischen Kalender und war bisher einer der wenigen Augenblicke, an dem dieses meinungsfreudige Volk geeint dastand.

Umdenken Doch das könnte nun vorbei sein. In einem gewagten Artikel forderte der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk sein Volk zum Umdenken auf. Er will den Holocaust-Gedenktag zum Freudentag erklären: »Warum feiern wir nicht die Wiedergeburt unserer Nation?«, fragte Kaniuk in der Tageszeitung Haaretz.

Noch vor wenigen Jahren hätte solch ein Tabubruch einen Skandal ausgelöst. Doch heutzutage wünschen sich selbst die Nachkommen vieler Überlebender, dass ihr Staat neue Lehren aus dem Völkermord zieht. Das offizielle Dogma lautet: »Nie wieder Opfer sein!« Premierminister Benjamin Netanjahu machte dies in seiner Festtagsrede klar: »Die Menschheit hat keine andere Wahl, als die Lehre aus dem Holocaust zu ziehen und sich existenziellen Bedrohungen entschlossen in den Weg zu stellen, bevor es zu spät ist.«

Netanjahu vergleicht oft die Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad mit den Plänen der Nazis. »Die Wahrheit ist, dass ein atomar gerüsteter Iran eine existenzielle Bedrohung für Israel darstellt«, sagte der israelische Ministerpräsident. Das zu verhindern, sei »in erster Linie Israels Verantwortung«, so der Premier. Aus Netanjahus Sicht gibt es nur einen Unterschied zwischen damals und heute: »Ich glaube, dass wir uns gegen die, die uns töten wollen, verteidigen können.«

Kontext Doch für immer mehr Israelis ist diese Interpretation der Dinge zu begrenzt: »Israels Gesellschaft ist gereift«, sagt der Historiker Tuviah Friling: »Die Schoa ist zwar ein Schatten, der uns ewig begleiten wird, sie war ein schweres Verbrechen besonders gegen Juden, aber die Meinungen zum Thema sind vielfältiger geworden. Viele Israelis wollen über dieses Thema anders lernen, als das Bildungsministerium es vorschreibt«, sagt Friling. »Sie wollen die Schoa nicht mehr als alleinstehendes Ereignis betrachten, sondern in einen historischen Kontext einreihen«, betont Friling.

»Netanjahus Interpretation führt Israel in ein gedankliches Ghetto zurück, statt es der Welt zu öffnen«, sagt Lili Haber. Ihr Vater stand auf Schindlers Liste, ihre Mutter überlebte das Vernichtungslager Auschwitz. Trotzdem ist sie über Kaniuks Vorschlag, den Schoa-Gedenktag zum Freudentag zu erklären, nicht empört: »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, so etwas zu schreiben«, sagt sie im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Der Gebrauch, den Israels Regierung vom Gedenken an die Schoa macht, erzürnt sie hingegen: »Jedes Jahr gibt der Staat 50 Millionen Euro aus, um 50.000 Jugendliche nach Auschwitz zu karren, bevor sie eingezogen werden. Was will er ihnen damit beibringen? Will er sie motivieren, Araber im Krieg noch härter zu schlagen, weil sie auch unsere Feinde sind?«, sagt die Vorsitzende der Vereins polnischer Juden.

»Wir sollten unsere Kinder lieber dazu erziehen, tolerant zu sein, statt ihnen Angst einzuflößen«, meint Haber. »Der Unterricht über die Schoa sollte aus uns nicht bessere Juden, sondern bessere Menschen machen.«

Jugendliche Genau das, sagt Dorit Novak, Leiterin der Internationalen Schule in Yad Vashem, geschehe in Israels zentraler Gedenkstätte bereits: »Wenn man die Schoa braucht, um Jugendlichen zu erklären, warum sie gute Menschen sein sollten, ist etwas falsch gelaufen. Das Verständnis der Schoa hat sich entwickelt und damit ändert sich, wie und was wir unterrichten«, sagt Novak der Jüdischen Allgemeinen.

In Yad Vashem betone man heute weniger die »spezifisch jüdischen Aspekte, auch wenn die Schoa hauptsächlich Juden betraf, sondern wir konzentrieren uns immer mehr auf die allgemeinen Lehren, die gezogen werden sollten. Die Schoa sollte nicht heilig sein – man muss Fragen stellen dürfen.« Schüler sollten in Yad Vashem hauptsächlich eine Sache lernen: »Verständnis der Schoa hilft, gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Wer die Schoa versteht, weiß, dass es die Verantwortung eines jeden ist, diesen entgegenzuwirken.«

Während Netanjahu am Holocaust-Gedenktag von der Gefahr einer neuen Schoa und Israels Wehrhaftigkeit spricht, identifiziert sich ein wachsender Teil der israelischen Bevölkerung eher mit der lebensbejahenden Botschaft in Kaniuks Artikel: »Lasst den Holocaust nicht zur politischen Waffe werden. Ehrt das Leben, wie das Judentum uns lehrt, und nicht den Tod«, schloss er.

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