Israel/Gaza

Wie Israel mit der Hamas um Details des Geisel-Abkommens ringt

Gedenken in München an das Schicksal der Geiseln Foto: picture alliance/dpa

Israel und die palästinensische Terrororganisation Hamas haben sich Berichten zufolge grundsätzlich auf eine Waffenruhe im Gazastreifen geeinigt - nur letzte Detailfragen sollen noch offen sein. Bei den Vermittlungsgesprächen in Katars Hauptstadt Doha müssten noch Einzelheiten zum angestrebten Rückzug der israelischen Armee aus Gebieten im Gazastreifen geklärt werden, meldeten israelische Medien, die sich auf arabische Unterhändler beriefen.

Die Hamas habe Israel aufgefordert, Karten und einen Zeitplan für den Rückzug vorzulegen, der von den internationalen Vermittlern während der Umsetzung überwacht werden solle, sagten der Hamas nahestehende Quellen. Die Terrororganisation wirft Israel außerdem vor, keine Details zu Regelungen für den Grenzübergang in Rafah vorgelegt zu haben. Darüber hinaus behauptet die Hamas arabischen Medien zufolge, dass Israel neue Bedingungen gestellt habe.

Ein israelischer Diplomat wirft der Hamas wiederum vor, Lügen über die israelische Position zu verbreiten, um dem Deal nicht zustimmen zu müssen. »Die Hamas stellte falsche Behauptungen auf, dass Israel neue Bedingungen gestellt hätte, damit sie die Vereinbarung nicht ausführen muss«, sagte der Vertreter zur »Times of Israel«.

Regierungsvertreter in Jerusalem haben gegenüber israelischen Medien durchschimmern lassen, dass ein Deal noch heute Abend oder morgen unterzeichnet werden könnte. Das Büro von Ministerpräsident Netanjahu dementierte jedoch Berichte, dass die Hamas dem Deal endgültig zugestimmt habe.

Am späten Mittwochnachmittag dann die nächste Hürde: Aus einer anonymen Quelle will die »Times of Israel« erfahren haben, dass die Hamas in letzter Minute neue Forderungen zum Abzug aus dem Philadelphi-Korridor gestellt haben soll. Laut dem Entwurf für den Geisel-Deal soll Israel in Phase 1 des Abkommens noch die Kontrolle über den Korridor an der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen behalten.

Sollten sich die Terroristen auf die Abmachung einlassen, müsste in Israel auch noch das Sicherheitskabinett und dann das Kabinett Netanjahus zustimmen. In den darauffolgenden 48 Stunden müssen Israelis außerdem die Möglichkeit haben, beim Obersten Gerichtshof Beschwerde einzulegen. Erst danach können die ersten Geiseln freigelassen werden.

US-Außenminister Antony Blinken betonte derweil in Washington, nun sei die Hamas am Zug. »In diesem Moment, während wir hier sitzen, warten wir auf das letzte Wort der Hamas über ihre Zustimmung«, sagte Blinken. Er gehe davon aus, dass eine Einigung erreicht werde. Ob dies noch vor der Amtseinführung Donald Trumps als US-Präsident am kommenden Montag der Fall sein werde, ließ der Minister offen.

»Mörder von morgen«

Unterhändler der Palästinenser spekulierten, dass eine Einigung in dem seit mehr als 15 Monaten andauernden Krieg heute oder am Donnerstag in Form einer gemeinsamen Erklärung der USA, Katars und Ägyptens bekanntgegeben werden könnte. Die drei Länder vermitteln zwischen Israel und den Aggressoren der Hamas, da diese nicht direkt miteinander verhandeln.

Lesen Sie auch

In Tel Aviv versammelten sich unterdessen am Abend Tausende Menschen in der Hoffnung, dass die Terroristen dem Entwurf einer Vereinbarung zustimmen, die unter anderem die Freilassung von Geiseln der Hamas im Austausch gegen palästinensische Häftlinge - darunter auch etliche Terroristen - aus Israels Gefängnissen vorsieht.

In Jerusalem protestierten indes Hunderte gegen einen solchen Deal. »Ein freigelassener Terrorist ist der Mörder von morgen«, sagte einer der Teilnehmer.

Bangen um Geiseln

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beriet sich mit seinem Verhandlungsteam sowie Mitgliedern des Sicherheitsapparats. Die Verhandlungen in Doha über letzte Details würden die ganze Nacht hindurch fortgesetzt, habe sein Büro mitgeteilt. Die Familien der Geiseln würden so bald wie möglich über den neusten Stand informiert. Eine Vereinbarung müsste vom Sicherheitskabinett und der gesamten Regierung gebilligt werden.

Krankenhäuser und medizinische Teams in Israels bereiten sich bereits auf die Behandlung der bei einer Einigung freizulassenden Geiseln vor, wie das »Wall Street Journal« berichtet. Vielen der beim Terrorüberfall auf Israel am 7. Oktober 2023 nach Gaza entführten Geiseln dürfte es körperlich wie psychisch schlecht gehen.

Ziel sei es, alle 98 Geiseln zurückzuholen, sagte ein israelischer Regierungsvertreter - auch wenn unklar ist, wie viele von ihnen noch am Leben sind. Unter den Verschleppten sind Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, darunter auch Deutsche. Vier der Geiseln wurden bereits vor dem 7. Oktober 2023 von der Hamas festgehalten.

Frauen, Kinder und Kranke

Die angestrebte Waffenruhe sei zunächst auf etwa 42 Tage beschränkt, sagte der Regierungsvertreter. Die Freilassung der Geiseln würde sich voraussichtlich über Wochen erstrecken. In einer ersten Phase sollten 33 »humanitäre Fälle« freikommen. Es gehe um Frauen, Kinder, Menschen über 50 sowie Verletzte und Kranke, erklärte der Informant. Man gehe davon aus, dass die meisten am Leben seien.

Beide Seiten hätten sich darauf geeinigt, dass die Hamas am ersten Tag drei Geiseln freilässt, berichtete der britische Sender BBC unter Berufung auf einen palästinensischen Offiziellen in Doha. Danach würde Israels Armee mit dem Rückzug ihrer Truppen aus den bewohnten Gebieten Gazas beginnen.

Sieben Tage später würde die Hamas demnach vier weitere Geiseln freilassen. Israel wiederum würde den Vertriebenen im Süden des Gazastreifens erlauben, in den Norden zurückzukehren, allerdings nur zu Fuß über die Küstenstraße, hieß es.

Gewährleistung der Sicherheit

Israel habe sich außerdem bereiterklärt, rund 1000 palästinensische Häftlinge freizulassen, darunter etwa 190, die eine Haftstrafe von 15 Jahren oder mehr verbüßt haben, berichtete die BBC. Auch nach Beginn der Waffenruhe sollen israelische Soldaten in einer Pufferzone am Rande des Gazastreifens und in weiteren Gebieten bleiben, um die Sicherheit der israelischen Grenzorte zu gewährleisten, erklärte der israelische Regierungsvertreter.

Verhandlungen über die zweite Phase sollen am 16. Tag der Umsetzung beginnen. In dieser Phase sollen die restlichen Geiseln freikommen und Israels Truppen abgezogen werden, bevor in der dritten und letzten Phase des Abkommens der Krieg endgültig beendet werden soll. Man werde Gaza nicht verlassen, bis alle Geiseln zu Hause seien, betonte der israelische Regierungsvertreter. dpa/ja

Gefahr

Israel: Iran kann kein Uran mehr anreichern

Seit 20 Tagen attackieren Israel und die USA den Iran mit schweren Luftangriffen. Dem israelischen Ministerpräsidenten zufolge hat die gemeinsame militärische Operation bereits Ergebnisse gebracht

 19.03.2026

Alltag im Krieg

Mitgehört im Bunker ...

Schlaflos in Tel Aviv: Iranische Raketen halten in den Nächten die Israelis wach

von Sabine Brandes  19.03.2026 Aktualisiert

Krieg

Araghtschi droht mit Vergeltung für Angriffe auf Infrastruktur

Irans Außenminister droht mit massiver Vergeltung, sollte Israel erneut Öl- und Gasanlagen angreifen. Araghtschi stellt auch eine weitere Bedingung für ein Kriegsende

 19.03.2026

Westjordanland

Generalstabschef Zamir: »Bevor es zu spät ist«

Zwischen Warnung und Kontrollverlust: Israels Sicherheitselite schlägt Alarm wegen ausufernder Siedlergewalt

von Sabine Brandes  19.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  19.03.2026

Nahost

Bericht: Israel setzt im Iran auf psychologischen Druck gegen Sicherheitskräfte

Drohanrufe an Angehörige der iranischen Polizei und paramilitärischer Einheiten gehören zu den Aktionen des israelischen Geheimdienstes

 19.03.2026

Israel

Raketentrümmer beschädigen Flugzeuge: Beschränkungen für Passagierflüge wieder eingeführt

El Al muss vielen gebuchten Passagieren absagen. Ausländische Airlines fliegen Israel weiterhin nicht an

 19.03.2026 Aktualisiert

Tel Aviv

Israelisches Gericht: Rasen bei Raketenalarm bleibt strafbar

Ein Autofahrer verteidigt sein Vergehen mit heulenden Sirenen bei einer Attacke. Seine Strategie scheitert

 19.03.2026

Nahost

Iranische Angriffe mit Streumunition fordern vier Tote

Bei den Opfern handelt es sich um einen Gastarbeiter sowie zwei palästinensische Frauen und ein Mädchen in Hebron

 19.03.2026