Justiz

»Wer ist hier verrückt?«

Eigentlich drehen sich die Anklagen gegen sie um Korruption. Doch derzeit streiten zwei ehemalige israelische Regierungschefs vor einem Gericht in Tel Aviv um ihren guten Namen. Mehrfach hatte Ehud Olmert seinen Nachfolger Benjamin Netanjahu und dessen Familie als »verrückt« bezeichnet. Der will das nicht auf sich sitzen lassen und klagt auf Schmerzensgeld wegen Verleumdung.

Netanjahu beteuerte am Sonntag vor Gericht, keine psychiatrische Vorgeschichte zu haben, und nannte stattdessen Olmerts Anwalt Amir Titonovich »verrückt, aber nicht klinisch krank«. Dass der Arzt der Netanjahu-Familie, Zvi Berkovitch, aufgefordert wurde, Sara Netanjahu wegen »unkontrollierbarer Ausbrüche« zu behandeln, bestritt der derzeitige Oppositionsführer. »Es hat Momente der Spannung gegeben, und manchmal haben wir uns mit Freunden beraten. Einige Male war Doktor Berkovitch unter ihnen«, ließ Netanjahu aber durchblicken.

Fragebögen Olmert hatte beim ersten Prozesstag im Januar die Offenlegung von Gesundheitsakten der Familie gefordert. Nachdem Richter Amir Yariv dies ablehnte, schickte Olmert allen drei Netanjahus Fragebögen zu ihrer psychischen Gesundheit. Olmert war im Jahr 2008 vom Premiersamt zurückgetreten, als Korruptionsvorwürfe laut wurden. 2014 verurteilte ihn ein Gericht zu einer Gefängnisstrafe, 16 Monate saß er hinter Gittern. Netanjahu wird derzeit wegen Korruption in drei Fällen der Prozess gemacht.

Mit der jetzigen Klage will Netanjahu nicht gegen diese Vorwürfe ankämpfen, sondern rund 250.000 Euro erstreiten.

Mit der jetzigen Klage will Netanjahu aber nicht gegen diese Vorwürfe ankämpfen, sondern rund 250.000 Euro erstreiten, für, wie er sagt, »Olmerts besessene Bemühung, unserem guten Ruf in der Öffentlichkeit aus Eifersucht und tiefer Frustration zu schaden«.

Sara Netanjahu leugnete im Zeugenstand am Sonntag, jemals in eine psychiatrische Klinik in Österreich eingeliefert worden zu sein, wobei sie sich auf Gerüchte von vor einigen Jahren bezog. Stattdessen hob sie ihren Beruf als Kinderpsychologin hervor. »Ich bin nicht krank, ich helfe Menschen als Psychologin.« Israelische Medien berichteten immer wieder über angebliche heftige Wutausbrüche von ihr. Sie wurde von mehreren Angestellten wegen Schikane verklagt und auch verurteilt.

Einfluss Netanjahus erwachsener Sohn Yair ist für seine Kampagnen gegen politische Gegner in sozialen Medien bekannt, oft wird er persönlich, extrem beleidigend und ist Anhänger verschiedener Verschwörungstheorien, etwa gegen den jüdischen Philanthropen George Soros. Ehud Barak nannte er einen »wahnsinnigen Psychopathen«. Auf die Frage von Titonovich, ob Premier Naftali Bennett einen psychiatrischen Krankenhausaufenthalt benötige, sagte er: »Bennett ist ein Größenwahnsinniger.« Ob Yair bewusst ist, dass man sich durch seine eigenen Aussagen entlarven kann, ist nicht bekannt.

Um den Sprössling ging es auch, als der einstige enge Vertraute von Netanjahu und Zeuge der Anklage im Korruptionsprozess gegen ihn, Nir Hefetz, im Zeugenstand saß. Er beschrieb Yairs Einfluss auf seinen Vater als »so groß, dass er das Leben anderer Menschen beeinflusst«. Der Sohn habe »sich selbst gesagt, dass der Sieg der Likud-Partei bei den Wahlen 2015 ihm genauso gehört wie seinem Vater«. Wenn der Sohn von seinem Vater nicht in Entscheidungen einbezogen wurde, behauptete Hefetz, »hat er aufgehört zu essen«. Die Schuld daran hätte Sara Netanjahu dann ihrem Ehemann gegeben, dem damaligen Regierungschef Israels.

Im Namen der Verteidigung sagte auch der einstige nationale Sicherheitsberater Uzi Arad aus. In Bezug auf Sara Netanjahu sagte er: »Sie nähert sich ihnen auf bedrohliche Weise, als würde sie sich auf sie stürzen. Ich möchte nicht näher darauf eingehen oder sagen, was ich gesehen und gehört habe, aber ich möchte, dass verstanden wird, dass diese Dinge ihren Tribut vom Staat gefordert haben.«

Netanjahu beteuerte, keine psychiatrische Vorgeschichte zu haben.

Am Ende des Tages nahm Olmert selbst im Zeugenstand Platz. Er erzählte, dass der verstorbene Mossad-Direktor Meir Dagan ihm von »schwerwiegenden und beunruhigenden« Vorfällen in Bezug auf die Netanjahus berichtet hatte. Einmal habe es wegen Sara eine diplomatische Krise mit den USA während der Obama-Regierung gegeben, bei dem es zwei Monate lang keinen Kontakt zwischen Jerusalem und Washington gegeben haben soll. Zudem habe er Experten konsultiert, bevor er die Bemerkung machte, dass die Netanjahus »psychische Behandlungen benötigen«.

Steuergelder »Psychische Erkrankungen erfordern eine Behandlung, und psychisch kranke Menschen sollten nicht beleidigt werden«, führte er aus. »Ich möchte aber nicht, dass die Netanjahus das Land regieren und Entscheidungen über die schicksalhaftesten Angelegenheiten treffen.« Auf die Frage, ob er wirklich einen Psychiater konsultiert habe, bevor er die Netanjahus als »psychisch krank« bezeichnet habe, tat Olmert so, als ob er nicht verstehe, was gefragt werde.

Netanjahus Anwalt Cohen begann daraufhin, ihn anzuschreien, Olmert schimpfte zurück. An diesem Punkt intervenierte Richter Amir Yariv und sagte: »Wenn ich Fünfjährige getrennt halten wollte, wäre ich zu Hause geblieben.«

Viele Israelis rollen derweil die Augen und meinen, die beiden Ex-Premiers sollten aufhören, mit ihrer persönlichen Schlammschlacht vor Gericht Steuergelder zu verschwenden. Noch aber scheint keiner nachgeben, sondern um jeden Preis die Antwort auf die Frage finden zu wollen: »Wer ist hier verrückt?«

Tel Aviv

Sirenen und Schlagzeilen

Unsere Israel-Korrespondentin Sabine Brandes über das Arbeiten im Ausnahmezustand

von Sabine Brandes  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Luftfahrt

El Al eröffnet größte koschere Fluglinien-Küche der Welt

El-Al-Chef Levi Halevi sagt, das Projekt sei Teil einer langfristigen Strategie zur Verbesserung des Reiseerlebnisses

 07.05.2026

Jerusalem

Netanjahu: »Vollständige Koordination« mit den USA zu Iran

Israel bereite sich auf unterschiedliche Entwicklungen vor, sagt der israelische Ministerpräsident. »Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet.«

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Meinung

Liebe Politiker, habt ihr nur warme Worte im Angebot?

Das CDU-Präsidium hat einen Beschluss zum Schutz jüdischen Lebens gefasst. Er ist gut gemeint, aber nicht wirklich überzeugend

von Michael Thaidigsmann  06.05.2026

Nachrichten

Licht, Erfolg, Reise

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  06.05.2026

Wahlkampf

Alte Bekannte, neue Bündnisse

Der Kampf um die Sitze in der nächsten Knesset hat begonnen. Eine drusische Partei sorgt für besonderes Aufsehen – und für überraschende Möglichkeiten

von Sabine Brandes  06.05.2026