Krieg um Bergkarabach

Warum Israel Aserbaidschan unterstützt

Israel hat bei der Modernisierung der aserbaidschanischen Armee geholfen. Foto: picture alliance / AA

Alexander Lapschin ist aufgewühlt. In seinem russischsprachigen Telegram-Kanal veröffentlicht der aus Jekaterinburg stammende, 47-jährige, israelisch-russische Blogger täglich mehrere Texte, in denen die dramatischen Ereignisse in der südkaukasischen Region Bergkarabach reflektiert werden.

Seit mehr als 30 Jahren ist Bergkarabach der Brennpunkt des Konflikts zwischen den früheren Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan. Überwiegend von Armeniern bewohnt, hat sich die Region im Zuge des Zerfalls der UdSSR 1991 von Aserbaidschan abgespalten und konnte sich im anschließenden armenisch-aserbaidschanisch Krieg 1992 bis 1994 behaupten.

Während die aserbaidschanische Minderheit aus Bergkarabach vertrieben wurde, entstand dort die international nicht anerkannte armenische Republik Arzach. Mehr als 25 Jahre war der Konflikt eingefroren, wobei russische Friedenstruppen eine erneute militärische Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan verhindern sollten.

VOLLE KONTROLLE Doch im Herbst 2020 brach der zweite Bergkarabach-Krieg aus, der mit einem aserbaidschanischen Sieg endete. Im September 2023 nutzte Baku Moskaus Schwäche, um die vollständige Kontrolle über Bergkarabach wiederherzustellen. Die aserbaidschanische Militäroperation dauerte lediglich zwei Tage und führte zu einem Exodus der Armenier aus der Region.

Das Thema Bergkarabach verschwand indes nach und nach aus dem Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit. Israel stellte dabei keine Ausnahme dar. Im Gegensatz zur EU und zu den USA, die Aserbaidschans Vorgehen gegen die Republik Arzach immerhin scharf kritisiert haben, hat das israelische Außenministerium bewusst von einer Stellungnahme abgesehen.

Alexander Lapschin will dies nicht hinnehmen, denn er steht fest auf der armenischen Seite. In seinen Beiträgen vergleicht er das Schicksal der Bergkarabach-Armenier mit dem Schicksal der europäischen Juden im Holocaust. Dem autoritären Regime in Baku, das sich vor allem an der Türkei orientiert, wirft er entsetzliche Gräueltaten in nationalsozialistischer Manier vor. Der Blogger macht keinen Hehl aus seinem persönlichen tiefen Hass gegen die aserbaidschanische Diktatur.

In den postsowjetischen Staaten von Belarus bis nach Tadschikistan vor allem als erfolgreicher Reiseblogger bekannt, kam Lapschin in den frühen 2010er-Jahren nach Bergkarabach und publizierte anschließend mehrere Armenien-freundliche und Aserbaidschan-kritische Texte, welche die Regierung in Baku wütend machten. Ende 2016 wurde der Staatsbürger Israels und Russlands Lapschin in Belarus im Auftrag Aserbaidschans verhaftet und – trotz russischer Proteste – nach Aserbaidschan abgeschoben.

Dort wurde er wegen seiner illegalen Karabach-Reisen vor Gericht gestellt und 2017 zu drei Jahren Haft verurteilt. Kurze Zeit später jedoch begnadigte der aserbaidschanische Staatspräsident Ilham Alijew den Reiseblogger auf Bitten der israelischen Regierung und ließ Lapschin nach Israel zurückkehren. Denn der aserbaidschanische Autokrat wollte die Beziehungen zu Jerusalem nicht beschädigen.

PHILOSEMITISCHER DIKTATOR Seit Jahren arbeiten Israel und Aserbaidschan eng zusammen. Die wirtschaftliche Kooperation blüht. Die schiitisch-muslimische Aserbaidschanische Republik hat inzwischen eine Botschaft in Tel Aviv eröffnet. Mehr als 80.000 aus Aserbaidschan stammende Juden leben in Israel und treiben die Kontakte zwischen den beiden Staaten voran. Weitere etwa 15.000 jüdisch-stämmige Menschen leben in Aserbaidschan.

Ähnlich wie sein 2003 verstorbener Vater Heidar präsentiert sich der amtierende Staatschef Ilham Alijew offen philosemitisch und setzt sich für die Entwicklung jüdischen Lebens in Aserbaidschan ein. Der Antisemitismus ist in diesem Land wenig verbreitet und wird von der Obrigkeit nicht geduldet.

Die Tatsache, dass Israel bei der Modernisierung der aserbaidschanischen Armee in den 2010er-Jahren mitgewirkt und somit einen Beitrag zu Bakus Sieg im Kampf um Bergkarabach geleistet hatte, verbesserte das aserbaidschanisch-israelische Verhältnis nachhaltig.

ANTISEMITISMUS IN ARMENIEN Während Israel in Aserbaidschan einen guten Ruf genießt und die jüdische Bevölkerung sich insgesamt sicher fühlt, ist die Situation in Armenien angespannt. Jerusalem und Jerewan pflegen zwar diplomatische Beziehungen, sind jedoch keine Freunde geworden. Israels Engagement in Aserbaidschan wird in Armenien als Belastung empfunden. Die antisemitische Stimmung in Armenien verstärkt sich in diesem Land kontinuierlich; antiisraelische, judenfeindlich gefärbte Hetze ist inzwischen in armenischen sozialen Netzwerken omnipräsent.

Der bekannte armenische Publizist Wadimir Pogosjan fabuliert sogar von einer jüdischen Weltherrschaft und von aus Aserbaidschan stammenden Bergjuden, die in Russland und in der Türkei schalten und walten würden. Den »Juden« bzw. dem Staat Israel wird außerdem unterstellt, den Holocaust zu politischen Zwecken instrumentalisiert und dabei aus Rücksicht vor der Türkei den Völkermord an den Armenieren im Osmanischen Reich nicht einmal offiziell anerkannt zu haben.

Der erbitterte Propagandakrieg zwischen Jerewan und Baku hat also eine jüdische Dimension. So wird Armenien von Aserbaidschan häufig explizit als antisemitischer Staat dargestellt, während armenische Juden – und das sind lediglich etwa 100 Personen – angesichts möglicher Gewaltübergriffe zur Übersiedlung ins Nachbarland eingeladen werden.

Antisemitische Gewaltübergriffe sind bisher in Armenien ausgeblieben, aber ihre Gefahr wird auch vom israelischen Diasporaministerium intern in einem analytischen Bericht hervorgehoben, der aserbaidschanischen Medien zugespielt und in der antiarmenischen Propaganda verwendet wurde. Israel steht also weiterhin auf der Seite Aserbaidschans.

Der Autor ist Historiker und Experte für sowjetische Zeitgeschichte sowie für die Geschichte der Juden in Osteuropa.

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