Israel

Warten auf den großen Alarm

Das Rambam-Krankenhaus in Haifa kann bei Beschuss auch Patienten unter der Erde versorgen. Foto: Copyright (c) Flash 90 2024

»Rüsten Sie sich mit einem Radio aus, das mit Batterien betrieben wird«, »Haben Sie genug Wasser und Essensvorräte für drei Tage im Haus«, »Verschieben Sie die Betten der Kinder in ein Zimmer mit möglichst wenig Außenwänden.« Die 17-seitige Broschüre, die der Bürgermeister von Jerusalem am Montag an die Bewohner seiner Stadt verschickt hat, zeigt, wie ernst die israelischen Gemeinden die Warnungen vor einer Eskalation des Krieges nehmen. Nach der Tötung von Ismail Haniyeh und Fouad Shukr haben der Iran und seine Verbündeten Rache geschworen.

Im ganzen Land stellen sich die Menschen auf etwas ein, von dem niemand weiß, was da überhaupt kommt. »Ich fühle mich zurückversetzt in den April, als wir im Bunker auf Irans Raketen warteten«, sagt Tomer, der in Jerusalem lebt. Viele hofften, dass es diesmal ähnlich glimpflich verläuft, Israels Schutzschild erneut hält.

Doch die tödlichen Drohnenattacken der letzten Wochen, sei es auf ein Wohngebäude in Tel Aviv oder einen Fußballplatz auf dem Golan, offenbaren die Löchrigkeit der israelischen Luftabwehr. Die Geschosse des Irans, aber auch seiner Proxies Hisbollah, Hamas und Huthi können das System von gleich mehreren Seiten durchbrechen.

»Es fühlt sich surreal an. Wir leben unseren Alltag, aber wissen auch, dass jeden Moment hier der Dritte Weltkrieg losbrechen kann.«

»Es fühlt sich surreal an. Wir leben unseren Alltag, aber wissen auch, dass jeden Moment hier der Dritte Weltkrieg losbrechen kann«, sagt Schlomo aus Tel Aviv, mit durchaus fatalistischen Unterton. Die Straßen und Strände seien voll. »Ich plane jeden Morgen meinen Tag, verabrede mich mit Kollegen, und füge dann hinzu: ‚Es sei denn wir sitzen dann schon alle im Bunker‘ «.

Auch Oppositionsführer Yair Lapid scheint diese Ungewissheit zu zermürben: »Ist es für Sie akzeptabel, dass seit fünf Tagen ein ganzes Land darauf wartet, bombardiert zu werden?«, fragte er Anfang der Woche im israelischen Parlament. Der führenden Koalition wirft er vor, in der brenzligen Situation weder Abschreckung nach Außen noch wirkliche Regierungsarbeit im Inneren zu leisten.

In Haifa bereitet die Klinik die Bunkeretagen vor

Während in Tel Aviv die Menschen noch am Strand liegen, ist man weiter nördlich nervöser. Die Regionalbehörden in Obergaliläa und auf den Golanhöhen sowie in Naharija haben die Bewohner angewiesen, sich in der Nähe von Notunterkünften oder Bunkern aufzuhalten und Fahrten zu minimieren.

Lesen Sie auch

In Haifa finden kaum mehr öffentliche Veranstaltungen statt, Großevents sind abgeblasen. Die lokale Presse berichtet, aus dem Industriehafen der Stadt seien gefährliche und leicht entzündliche Chemikalien abgepumpt worden, auch rund um den Flughafen laufen Sicherheitsvorkehrungen. Das Rambam Krankenhaus, immerhin die größte Klinik im israelischen Norden, ist in Alarmbereitschaft. Bereits seit dem 7. Oktober sind die drei »Bunkerstockwerke« vorbereitet: Bei Beschuss können bis zu 2200 Verwundete hier unter der Erde versorgt werden.

Viele Bewohner erinnern sich noch gut an den Sommer 2006, als die Hisbollah Haifa im zweiten Libanonkrieg mit hunderten Raketen überzog. Acht Menschen starben, als eine von ihnen in einem Eisenbahndepot landete.

Ein ähnliches Szenario scheint die israelische Armee für die nächsten Tage nicht auszuschließen. Laut der »Times of Israel« haben etlichen Stadtverwaltungen im Norden eine entsprechende schriftliche Einweisung der IDF erhalten. Im Falle eines umfänglichen Krieges mit der Hisbollah warnt die Armee darin vor tagelangen Stromausfällen, gekappter Wasserversorgung und Netzausfällen für Mobilfunk und Internet.

Der Krieg könnte eine Massenevakuierung bedeuten

Laut dem Dokument könnte der Krieg eine Massenevakuierung auslösen: Die Binnenflüchtlinge aus Akko, Haifa oder sogar Tel Aviv sollen dann zunächst in Hotels und Schulen im Raum Jerusalem untergebracht werden. Weiter im Süden sind Zeltstädte geplant, unter anderem in Timna nördlich von Eilat und im Eshkol-Park im Negev.

Auch das erinnert an den Libanonkrieg von 2006, als eine halbe Million Bürger aus dem Norden unter anderem in Zelten zwischen den südlichen Mittelmeerstädten Aschdod und Aschkelon Zuflucht fanden.

Doch die Zeiten sind andere, und jene Orte in der Nähe des Gazastreifens fühlen sich seit dem 7. Oktober für viele Israelis nicht mehr sicher an. Und auch dort laufen die Sicherheitsvorkehrungen für einen möglichen Angriff auf Hochtouren: »Aschdod befindet sich seit Tagen in einem angespannten Notfallmodus«, sagt Miki Zaidel, kommunaler Sicherheitsoffizier der Stadt. »Wir sind bereit für Entwicklungen, die wir ‚von Null auf 100‘ nennen.«

Aschdod bereitet sich auf Stromausfälle vor

Auch in Aschdod wurde eine Informationsbroschüre für den richtigen Umgang mit Notfällen an die Bewohner verteilt. Darüber hinaus habe man Vorbereitungen getroffen, was im Fall von Stromausfällen aufgrund von Schäden an Kraftwerken geschehen soll, berichtet Zaidel. »Stadt in der Dunkelheit« heißt das Programm. »Man informiert die Bewohner, wo sie eine Notunterkunft finden können oder ein Mobiltelefon aufladen.«

Kürzlich haben in Israel die Sommerferien begonnen, doch die meisten Flüge nach Europa sind gecancelt. Viele Familien zieht es in den wenig bewohnten Südosten, ans Tote Meer oder gleich nach Eilat: Laut dem israelischen Tourismusministerium sind die Hotels dort beinahe ausgebucht, obgleich kaum ausländische Touristen im Land sind. Seit Monaten harren dort die Evakuierten aus den bereits attackierten Kibbutzim und Grenzregionen aus – zu ihnen stoßen nun alle, die freiwillig flüchten. Und hoffen, dass die Kinder einen Sommer ohne Sirenen verbringen können.

Holocaust

»Unsere Rache an den Nazis ist, dass wir den Staat Israel haben«

Der Schoa-Überlebende Yehuda Widawski ist mit 107 Jahren gestorben. Jahrzehntelang suchte und restaurierte er jüdische Gräber in Polen

von Sabine Brandes  14.09.2026

Reaktionen

»Ritualmordlegende« - »Pflicht, Fragen zu stellen«: Israel streitet über »Naza«

Während Rechte den Film über den Gaza-Krieg als Verleumdung verurteilen, verteidigen Linke das Recht auf Kritik. Armee weist zentrale Vorwürfe zurück

von Sabine Brandes  14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  14.09.2026

Dokumentarfilm

IDF übt scharfe Kritik an »Naza« und weist Vorwurf zum angeblich genehmigten Angriff auf 500 Zivilisten zurück

»Die IDF haben niemals einen Angriff geplant, genehmigt oder durchgeführt, bei dem erwartet wurde, dass 500 Zivilisten oder auch nur annähernd so viele getötet werden«, heißt es von der Armee

 14.09.2026

Offener Brief

Javier Bardem und ich

Ich habe dich als neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor dir kennengelernt. Wenn du über Israel sprichst, erkenne ich dich nicht wieder – und sehe nur noch blindwütigen Hass

von Gabriella Meros  13.09.2026

Meinung

Wie London die Verweigerungshaltung der Palästinenser belohnt

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  13.09.2026 Aktualisiert

Syrien

Grossi: Von Israel zerstörter Reaktor hätte atomwaffenfähiges Material produzieren können

2007 zerstörte Israel den Atomreaktor Deir ez-Zor. 19 Jahre später bestätigt Atom-Aufseher Rafael Grossi, dass die Anlage atomwaffenfähiges Material hätte produzieren können

 11.09.2026

Rosch Haschana

Israel wächst – doch immer mehr Menschen verlassen das Land

Zum jüdischen Neujahr veröffentlicht das Statistikamt neue Zahlen. Die Geburtenrate ist mehr als doppelt so hoch wie in der OECD

von Sabine Brandes  11.09.2026

Sachsen-Anhalt

Empörung über AfD-Spitzenmann Siegmund wegen Rüstungsaussage 

Siegmund: »Weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen«

 11.09.2026