Tel Aviv

Wallende Stoffe und zu kurze Hosen

Auch in Tel Aviv ist die »front row« heiß begehrt. Man hat seine schicksten Stücke aus dem Schrank geholt, begrüßt sich mit Küsschen rechts, Küsschen links und stakst auf hohen Hacken zu den Sitzen. Es ist Modewoche in Tel Aviv. Zum fünften Mal wurde in dieser Woche die Fashion Week veranstaltet. In diesem Jahr fand sie in der alten Bahnstation »Tachana« im Süden von Tel Aviv statt.

Bei den Gala-Events gaben sich israelische Celebritys und bekannte Mode- und Schmuckdesigner wie Pandora, Dorin Frankfurt, Gideon und Karen Oberson ein Stelldichein. An jedem der drei Tage war zudem eine Modenschau von aufstrebenden Jungdesignern für die Öffentlichkeit zugänglich. Fließende Stoffe, schwingende Kleider und Wohlfühlmode sowie jede Menge Asymmetrie und zu kurze Hosenbeine für den Mann waren überall zu sehen.

Botschaft Dana Cohen zeigte Mäntel, Kleider, wogende Röcke, oft mit großflächigen farbigen Elementen. »Ich habe ein ökologisches Material aus Fasern entwickelt, die es bereits gibt.« Grundmaterialien werden nicht neu hergestellt, sondern wiederverwertet. Cohen will vor allem »Frauen anziehen, die qualitativ hochwertige Kleidung suchen, die zudem eine umweltfreundliche Botschaft hat«. Ihre Inspiration holt sich die junge Designerin von Luftbildern. »Darauf ist genau zu sehen, wie sich unsere Städte über der Natur ausdehnen.«

Herrendesigner Errant alias Eran Shani zeigte vor allem locker sitzende Kleidung mit langen Westen und kantigen Jacken, von denen einige über dem Hosenbund enden. Festlicher ging es bei seinen Entwürfen von Hosen und Sakkos mit Brokatmustern zu. Um das schimmernde Schuhwerk sichtbar zu machen, setzt der Designer auf Hochwasser: kaum eine Hose, die unterhalb des Knöchels endet.

»Ich versuche, eine Balance zu finden, spiele mit Funktionalität und Fantasie und ignoriere zu strenge Definitionen von Maskulinität, Feminität, Eleganz und Casual«, sagt er. Abweichungen von der Norm sind sein Credo, die er in einem Mix aus Stilen, Kulturen und Materialien zusammenbringt. »Dabei suche ich immer die unerwarteten Verbindungen.« Anziehen will er vor allem Männer, »die in gesunder Weise narzisstisch veranlagt sind«. Obwohl Fashion-Designer, wünscht er sich, dass es weniger Kleidung in der Welt gibt – und dass die, die es gibt, »wundervoll und weniger zerstörerisch für die Umwelt ist«.

Minimalismus Ariel Bassans männliche Models schritten vorwiegend mit Hemden und Sakkos in Schwarz, Weiß und Grau über den Laufsteg, bei denen eine Seite länger ist als die andere. Für mutige Modeliebhaber mit eigenem Stil schneidert er Overalls, Shorts mit Plisseefalten und lange Kaftane. Nach eigener Aussage designt er »modernen Minimalismus in klaren Linien mit Detailverliebtheit«. Eine Agenda hat er auch: »Gleichheit der Geschlechter und Toleranz«.

Mit Sonnenbrille, Bleistiftrock in Knallrot und schwindelerregenden Hacken stolziert Avital Levin über das Kopfsteinpflaster der Tachana. »Ich bin Fashionista durch und durch. Klamotten und Styling sind meine absolute Leidenschaft, seit ich denken kann.« Die 25-Jährige studiert Design an der Bezalel-Hochschule in Jerusalem und will nur eines im Leben: »Fashion machen«. Muss man als modebewusste Person jeden Trend mitmachen? »Auf gar keinen Fall. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, sollte man die Finger davon lassen. Für mich geht es hauptsächlich darum, ich selbst zu sein und meine Stimmungen durch Kleidung auszudrücken.«

Einheimische Mode findet Levin zumeist aufregend neu und mutig. Nur leider kaufen ihrer Meinung nach viel zu viele Israelis Billigware von der Stange der großen Ketten, statt die hiesige Modeindustrie zu unterstützen und auf besondere Stücke von israelischen Designern zu setzen. »Denn davon gibt es so viele. Man muss nur etwas suchen.«

Kunst Besonders waren die Kreationen von Shahar Avnet allemal. Während ihre Kolleginnen und Kollegen vorwiegend auf Naturtöne und gedeckte Farben setzten, sah es bei ihrem Auftritt aus, als wäre eine ganze Lkw-Ladung Tüll explodiert. Ihre fröhlichen Kleider in Neongelb, Knallpink und Grasgrün leuchteten sogar im Dunkeln. Auch bei den Models setzte Avnet auf Vielfalt: Frauen jedes Alters und jeder Konfektionsgröße schritten stolz über den Catwalk. Botschaft ihres »Aufeinandertreffens von Kunst und Mode«, wie sie es beschreibt: »dass jeder sich selbst und alle anderen liebt«.

Der Veranstalter der Tel Aviv Fashion Week, Motty Reif, hob den Abschied von den standardisierten Schönheitsidealen hervor: »Zum ersten Mal sehen wir in diesem Jahr hier in Tel Aviv und überall auf der Welt bei den Shows Models aller Altersgruppen, aller Größen, Hautfarben und Religionen. Ich bin mir sicher, dass wir uns am Beginn einer echten Wende befinden.« Neben der Vielfalt jener, die die Mode präsentierten, dominierten klare Schnitte, natürliche Farben und angenehme Stoffe in der Metropole am Mittelmeer. Überzogen war wenig, tragbar fast alles. Und vielleicht hat sich das Hochwasser bis zur nächsten Saison ja wieder verzogen.

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