Kampagne

Wahlkämpfer ohne Partei

Gehen von Haustür zu Haustür: Freiwillige von V15 Foto: Flash 90

Die Sticker in Blau-Weiß sind nicht mehr zu übersehen. »V15« prangt an Häuserwänden, Laternenstangen, Treppengeländern und Ladentüren in fast allen Städten des Landes. Mittlerweile wissen viele Israelis, was sich hinter dem Slogan »V 15 – Erfolg« verbirgt. »V« steht für Victory, »15« für das Jahr. Die basisdemokratische Organisation will die Wahlen am 17. März in Israel gewinnen. Doch nicht etwa als Partei. Sie fordert einen politischen Wandel und propagiert das lautstark. Im Volksmund ist V15 besser als »die Anti-Bibi-Kampagne« bekannt. Dass Regierungschef Benjamin Netanjahu auf die Gruppe nicht gut zu sprechen ist, versteht sich von selbst.

Gegründet wurde V15 von jungen Israelis, als bekannt wurde, dass es Neuwahlen geben wird. Einer postete auf Facebook, er wolle eine echte Wende, und immer mehr machten mit. Im Dezember 2014 war V15 geboren. »Wir sind einfach Leute, die sagen: ›Bis hierhin und nicht weiter‹. Wir lieben unser Land und spüren die Dringlichkeit, die bedrückende Realität zu ändern«, definiert sich die Gruppe selbst.

Nimrod Dweck ist der Vorsitzende der Organisation, die bis heute fast 100.000 freiwillige Helfer im ganzen Land rekrutiert hat. »Wir haben uns gefragt, wo wir die Links- und Mittewähler finden«, erläutert er, »und dann überlegt, wie wir aktiv werden sollten.« Sie entschieden sich für eine Kampagne, wie sie bereits bei der Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama Erfolg zeigte. Mit Tausenden von Freiwilligen, die nachmittags und abends von Haustür zu Haustür ziehen, den Leuten erklären, worum es geht, die Flyer und Aufkleber verteilen sowie Aktionen veranstalten.

Spender In den USA hatte ein junger Mann namens Jeremy Bird die Kampagne geleitet, die Obama die Präsidentschaft sicherte. Der hält sich dieser Tage nicht in Amerika auf, sondern in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa. Denn V15 hat »Strategies« engagiert, Jeremy Birds Beraterfirma. Daraufhin warf der Likud der Gruppe vor, ausländische Spenden zu benutzen, um Israels Wahlen zu manipulieren, und wollte V15 verbieten lassen. Die Gruppe konterte, das entsprechende Gesetz gelte lediglich für Parteien. Doch man sei keine Partei. Zu einem Verbot kam es nicht.

Dweck beharrt darauf, dass V15 keinerlei Verbindungen zu einer bestimmten Partei hat und ihre Aktivitäten nicht mit einer oder mehreren politischen Parteien koordiniert. Dass sie die Rechts-Regierung gerne durch eine Mitte-Links-Regierung ersetzt sehen würden, geben die Mitglieder indes ohne Umschweife zu. Ebenso machen sie aus ihren ausländischen Geldgebern kein Hehl. Offen geben sie in Pressekonferenzen darüber Auskunft, wer die Plakatkampagnen, die Aufkleber und Werbespots bezahlt. Auf ihrer Website v15.org.il sind die Spender namentlich aufgelistet.

Einer von ihnen ist der amerikanisch-jüdische Milliardär S. Daniel Abraham. Im israelischen Fernsehen erklärte er, warum er V15 unterstützt: »Ich helfe dem jüdischen Volk mit allem, was ich habe. Weil ich will, dass Israel jüdisch, demokratisch, stolz und unabhängig bleibt. Ich will nicht halb-jüdisch und halb-arabisch. Ich unterstütze Israel dabei, den besten Premierminister zu bekommen, den es kriegen kann.«

ehrenamtlich »Lasst uns die Regierung austauschen«, heißt es auf der Website von V15. »Wir wollen die Hoffnung auf einen Neuanfang auffrischen. Netanjahu hat viele Chancen gehabt, es besser zu machen und Israel voranzubringen. Er hat sie alle verpasst. Im sozialen Bereich und auch bei der Sicherheit. Wir sind hier nicht sicher. Es ist Zeit für eine neue Führung.«

Das findet auch Schachar. Der ehrenamtliche Helfer für V15 zieht seit einigen Tagen zweimal in der Woche am Abend von Haustür zu Haustür und erklärt, was die Gruppe vorhat. Er betont immer wieder, dass V15 keine Partei ist. »Aber ihr seid Linke, das ist doch klar«, bohrt ein Mann nach, der nach zweimaligem Klingeln aufgemacht hat. Schachar erklärt geduldig, dass man das so nicht sagen könne, doch man würde natürlich eine Mitte-Links-Regierung der jetzigen vorziehen. »Denk’ drüber nach«, ruft er dem Mann auf dem Treppenabsatz noch einmal zu.

Seinen vollen Namen will Schachar nicht nennen, weil er nicht weiß, ob er autorisiert ist, etwas »Offizielles« zu sagen. Doch darüber, warum er sich persönlich für V15 einsetzt, erzählt Schachar gern. »Ich war drei Jahre lang in der Armee in einer Kampfeinheit. Ich war im Krieg und musste ansehen, wie ein Freund von mir schwer verletzt wurde. Leider muss ich auch sehen, wie die meisten von uns ihr Leben hier kaum finanzieren können, nachdem wir unseren Dienst beendet haben. Zwei, drei Leuten aus meiner Einheit geht es finanziell gut, der Rest kommt kaum über die Runden. Ich frage mich jeden Monat, ob ich am nächsten Ersten meine Miete zahlen kann. Diese Regierung muss endlich weg. Sie tut nichts Gutes für das Land und die Leute, sondern schert sich nur um sich selbst. Deshalb mache ich mit beim Wandel.«

Diplomatisch Schlomit Israeli kommt aus einer anderen Ecke der Stadt als der Student Schachar, der sie auf der Allenby-Straße in Tel Aviv fragt, ob sie Bibi gern loswerden würde. »Ja«, ruft die Mutter von drei erwachsenen Kindern und lacht. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, jetzt im Alter geht sie putzen, weil die Rente nicht reicht. »Ich habe schon von euch gehört«, sagt sie und fuchtelt mit ihrem Zeigefinger vor Schachars Nase herum. Wen sie denn statt Netanjahu wählen solle, will sie wissen.

Eine konkrete Wahlempfehlung möchte Schachar aber nicht abgeben. »Jeder muss das selbst wissen«, erklärt er diplomatisch und drückt der Passantin einen Aufkleber in die Hand. »Wichtig ist, dass man überhaupt wählen geht und für etwas stimmt, das wirklich den Wandel bringen kann.« Ob sie das tun wolle?, hakt Schachar nach. »Das mache ich«, sagt Schlomit Israeli zwinkernd und steckt den Aufkleber in ihre Handtasche. »Ganz bestimmt!«

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