Holon

Wachgeküsst

Vor etwas mehr als zehn Jahren noch öde Schlafstadt und uninteressantes Anhängsel des pulsierenden Tel Aviv, heute Zentrum von Kunst und Kultur. Wie das geht? Man nehme einen charismatischen Menschen, setze ihn auf den Bürgermeisterstuhl und lasse ihn schalten und walten. So geschehen in Holon. Innerhalb von einigen Jahren hat Motti Sasson seiner Stadt ein völlig neues Gesicht verpasst – und ist jetzt von der britischen Zeitschrift »Monocle« zu einem der zehn besten Bürgermeis-
ter der Welt erklärt worden. »Sie«, so das Blatt, seien die »frischsten Macher in urbaner Politik weltweit«.

In diesem Jahr begeht Holon seinen 70. Geburtstag. Mehr noch feiern die 180.000 Einwohner wohl die soziale und kulturelle Renaissance, die in den vergangenen anderthalb Dekaden auf ihren Straßen und Plätzen stattgefunden hat. Heute ist die Stadt das Zuhause verschiedener international anerkannter Kulturzentren und Museen, darunter das jüngst eröffnete Designmuseum, das 24 Millionen Euro gekostet hat und Besucher aus aller Welt anzieht. Es war einer der Gründe von »Monocle«, die über internationale Angelegenheiten, Wirtschaft und Design berichtet, Sasson auszuzeichnen. Neben Bürgermeistern von Metropolen wie Madrid, Stockholm und Houston. »Es ist ihm gelungen, einer mittelgroßen Stadt einen Platz auf der kulturellen Landkarte der Welt zu verschaffen.

Bürgermeister Der 63-jährige Work-aholic hat fünf neue Museen nach Holon gebracht und dabei einen Zustrom von jungen Leuten erzeugt. Er hat aus dem Nichts ein besonderes urbanes Markenzeichen geschaffen.« Der richtige Bürgermeister könne eine Stadt neu erfinden und verjüngen, Infrastruktur aufbauen, Integration beschleunigen und die Künste fördern, fasst das Magazin zusammen.

Sassons Motto lautet: »Obwohl und trotzdem«, sein persönliches Werkzeug ist die Willenskraft. Damit schafft er, was andere wohl nie für möglich gehalten hatten. Eine ernsthafte Konkurrenz zu Jerusalem und Tel Aviv zu kreieren. Er ist stolz auf die internationale Anerkennung, keine Frage, dennoch wundert er sich, warum gerade er gewählt wurde. »Die Auszeichnung gehört uns allen hier in der Stadtverwaltung.« Das Mittel für seine Verjüngungskur ist eindeutig die Kultur. Wer von sich behauptet, er sei kulturbeflissen, macht sich nicht erst dieser Tage auf nach Holon. Denn neben dem Design-Museum locken schon eine Weile das Digital-Art-Zentrum, die herausragende Cinemateque, das vor drei Jahren eröffnete und im Land einzigartige Cartoon-Museum sowie das Kinder-Museum mit seinen besonderen Aktivitäten.

Verjüngung Als Sasson 1993 zum Bürgermeister gewählt wurde, bot die Stadt ein trauriges Bild: steigende Kriminalität und in Richtung Tel Aviv fliehende junge Familien. Gemeinsam mit einem dynamischen Team fackelte der Neugewählte nicht lange. Prompt dehnte er die Dienste seiner Verwaltung um ein Vielfaches aus und erstellte einen Plan zur Verjüngung der Stadt. Der Ort, aus dem die jungen Leute wegliefen, sollte zur »Kinderstadt« werden. »Wir haben entschieden, uns auf die Kinder zu konzentrieren. Denn sie sind die zukünftigen Führungspersönlichkeiten unserer Stadt, unseres Landes«, erklärt Sasson. »Wir wollten ihnen so viele Chancen geben wie nur möglich, damit sie nicht nur hervorragend ausgebildete Menschen werden, sondern auch warmherzige, geduldige, gute Bürger.« Ziel sei gewesen, die Kinder kulturell zu füttern. »Weil es ohne Kultur keine Seele gibt.«

Kinderstadt Mittlerweile ist das Projekt »Kinder« in Holons Alltag integraler Bestandteil: Das Kinder-Museum gilt als eines der besten weltweit und ist einzigartig im Nahen Osten. Es bietet neben der Dauerausstellung die Führungen »Dialog im Dunkeln« sowie »Einladung zur Stille«, damit Mädchen und Jungen selbst erleben, wie es ist, blind oder taub zu sein und sich besser in Menschen mit Behinderungen hineinfühlen können. Auch an großem Spaß mangelt es nicht: Der Wasserpark Yamit lockt mit Riesenrutschen und Attraktionen, regelmäßig werden Festivals veranstaltet. Über die ganze Stadt verstreut sind zudem 13 öffentliche Parks mit Motiven aus Gedichten und Kinderliteratur. Die Statuen sind Teil eines ökologischen Projekts. »Die Kombination zwischen den Geschichten, der Poesie und der plastischen Kunst haben als Ziel ein höheres Bewusstsein und Kenntnis der Kinderliteratur für die Einwohner. Gleichzeitig wollten wir grüne Lungen in unserer Stadt schaffen.« Damit nicht genug: Mit mehr als 120 Hektar gehört Holon zu den grünsten Städten des Landes, erhielt 15 Mal in Folge die höchste Bewertung des Rates für die »Schöne Stadt«.

Sasson hat seine eigene Kindheit nicht vergessen: »Vor vielen Jahren, bevor jemand noch vom Internet träumen konnte, spielten mein Freund und ich, beide Kinder aus Holon, stundenlang draußen. Barfuß rannten wir im Sand, liebten Verstecken und Fußball. Euer Holon von heute ist ein ganz anderes als das meiner Kindheit. Ihr lebt in einer großen, lebendigen Stadt, der führenden Kinderstadt Israels«, schreibt der Bürgermeister an die Jüngsten. »Neben Internet empfehle ich, dass ihr nicht aufhört, samstags im Park spazieren zu gehen, unser besonderes Kindermuseum zu besuchen, ein gutes Buch zu lesen. Ein Theaterstück in der Mediatheque anzuschauen und natürlich nicht, eure guten Freunde auf dem Spielplatz neben dem Haus zu treffen.«

Pläne Auch nach 17 Jahren im Rathaus sind Sasson die Ideen nicht ausgegangen. Pläne hat er noch genug. Bald soll es in Holon ein ganzes Viertel in umweltfreundlicher Bauweise geben, mit sogenannten »grünen Türmen«, um Wasser aufzubereiten und Strom zu sparen. Außerdem ist ein Denkmal für die in der Schoa getöteten Kinder geplant, bei dem Holons Mädchen und Jungen mitwirken. Und überhaupt solle seine Stadt nicht irgendeine israelische Stadt sein, meint der Bürgermeister, »sondern das kulturelle Zentrum des Nahen Ostens«.

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