Nahost

»Vorsichtiger Optimismus«

Joel Parker schrieb seine Doktorarbeit über die moderne Geschichte Syriens.

Nahost

»Vorsichtiger Optimismus«

Geht von Damaskus eine unmittelbare Bedrohung für Israel aus? Der Syrien-Experte Joel Parker im großen Interview

von Sabine Brandes  19.12.2024 12:17 Uhr


Herr Parker, das Regime von Diktator Bashar al-Assad in Syrien ist gefallen. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu betonte, einer der Hauptgründe dafür sei die Zerstörung der Terrororganisation Hisbollah im Libanon durch Israel. Stimmt das?
Das Assad-Regime ist lange Zeit von einem Team aus Hisbollah und Iran unterstützt worden. Auch die Russen mischten mit, kochten aber eher ihr eigenes Süppchen dort. Währenddessen nahmen die Rebellen seit einigen Jahren zunehmend ländliche Gegenden ein und bedrohten das Regime in Damaskus. Als Antwort darauf orderte Teheran Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon nach Syrien. Israel versuchte, dies durch die Zerstörung von Waffenlieferungen zu stoppen. Im Endeffekt verstand der Iran wohl, dass Assad weniger hilfreich war als zunächst angenommen. Denn der Diktator wurde zusehends passiver und tat wenig gegen Israels Angriffe auf iranische Anlagen in seinem Land. Und tatsächlich: Nachdem die Hisbollah durch Israel sehr geschwächt war, traf der Iran eine folgenschwere Entscheidung: Er überließ Assad seinem Schicksal und zog ab.

Die Hisbollah war der Eckpfeiler für Irans imperialistische Bestrebungen in Nahost. Bricht jetzt das gesamte Konstrukt Teherans zusammen?
Der Teil des iranischen Projektes, der vorsieht, Israel durch Stellvertreter herauszufordern, ist damit gescheitert. Der Iran kann nicht wie geplant Israel in seiner Existenz bedrohen. Er hat zwar noch die Huthi im Jemen, aber viel verloren.

Sie erwähnten, dass auch die Russen lange eine Rolle in Syrien spielten. Kurz nach dem Durchmarsch der Rebellen suchten sie das Weite. Ist der russische Einfluss in Nahost damit vorbei?
In den ersten Tagen beschossen russische Soldaten Rebellenstellungen in Idlib, doch in der Tat waren sie schnell weg. Vielleicht dachten sie: »Wieso sollen wir hier allein kämpfen?« Die Marinebasis in Tartus war der einzige Zugang, den Russland zum Mittelmeer hatte. Sie aufzugeben, war sicher keine leichte Entscheidung, und doch taten sie es. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Fronten in der Ukraine zu viele Ressourcen verbrauchen. Russland ist global betrachtet in einer schwierigen
Position.

In Syrien herrscht dieser Tage viel Ungewissheit. Auch in Israel tut man sich schwer, die Lage einzuschätzen. Wie verlässlich sind die Aussagen des syrischen Rebellenführers Ahmed al-Sharaa, alias Abu Mohammed al-Jolani, dass er »keine Konfrontation mit Israel« suche?
Bis jetzt haben sich al-Jolanis Worte als überwiegend wahr herausgestellt. Mehr wird man nach einer gewissen Zeit, in sechs Monaten oder einem Jahr, wissen. Doch wenn wir annehmen, dass er die Macht halten kann, wird er wohl eine Art Verfassung für Syrien entwickeln, die vieles regelt, unter anderem die Belange der Minderheiten. Vor allem für die Kurden und Alawiten, die Minderheit, aus der das Assad-Regime stammt, müssen Lösungen gefunden werden.

Die Alawiten stellen 12 bis 13 Prozent der syrischen Bevölkerung. Müssen sie alle um ihr Leben fürchten?
Viele Syrer verlangen jetzt Gerechtigkeit. Sie wollen, dass die Schlächter und Folterer des diktatorischen Regimes bestraft werden. Angeblich denkt al-Jolani dafür an Gerichtsverfahren nach Art der Nürnberger Prozesse in Deutschland. Das wäre von Vorteil, denn so könnte man die wirklich Verantwortlichen vor Gericht stellen und die anderen in Ruhe lassen.

Geht momentan von Syrien für Israel eine unmittelbare Bedrohung aus?
Wenn al-Jolani seine HTS-Kämpfer in Richtung israelische Grenze auf die Golanhöhen schickte, könnte es gefährlich werden. Vielleicht würde er damit zeigen wollen, dass Israel derzeit seine Macht missbraucht und zu weit geht. In den vergangenen Tagen haben israelische Offiziere in Dörfern auf syrischer Seite Waffen eingesammelt und andere Maßnahmen durchgesetzt. Das passt den Rebellen gar nicht.

Einige Koalitionsmitglieder in Jerusalem fordern, dass Israel den Moment nutzen und die syrischen Golanhöhen einnehmen soll. Ist der Einzug der israelischen Armee in die Pufferzone eine notwendige Schutzmaßnahme oder der Beginn einer Annexion?
Eine Annexion wäre extrem problematisch. Die israelische Armee versteht das sehr wohl, aber in der Regierung gibt es einige, die übers Ziel hinausschießen wollen. Bereits die Erwähnung einer Annexion löst Spannungen aus und könnte für die gesamte drusische Bevölkerung in Syrien ein Problem darstellen, weil sie allesamt als Verräter angesehen werden könnten, selbst wenn nur ein kleiner Teil von ihnen erklärte, sie wollen von Israel annektiert werden. Langfristig sollte Israel mit einer neuen syrischen Regierung ein Abkommen schließen.

Wie geht das Regime in Teheran mit alle-dem um? Bröckelt die Macht der Mullahs jetzt doch noch?
Durch das Quasi-Ausschalten der Hisbol­lah hat Israel eindeutig gezeigt, dass die Terrororganisation viel schwächer war als ursprünglich angenommen. Und so ist es auch mit dem Iran. Er hat zwar gute Angriffsmöglichkeiten, jedoch keine gute Verteidigung. Israel aber hat beides. Das Regime in Teheran ist auf jeden Fall geschwächt. Militärisch ist es von Israel schwer getroffen, wirtschaftlich sehr angeschlagen, und dazu kommt, dass Ayatollah Khamenei alt ist. Es gibt definitiv Zeichen, dass die Tage des Regimes in Teheran gezählt sind.

Netanjahu sagte, er habe mit dem eingehenden US-Präsidenten Donald Trump über die »Notwendigkeit eines Sieges gegen den Iran« gesprochen. Bedeutet dies, dass Israel die Atomanlagen angreifen wird?
Ich gehe nicht davon aus, dass Israel das allein tun würde. Meiner Meinung nach wäre der einzige Weg eine Kooperation mit den USA. Vielleicht versucht Israel, durch Angriffe die Atomforschung Teherans um einige Jahre zurückzuwerfen, aber ganz sicher will man nicht für eine atomare Katastrophe irgendwo auf der Welt verantwortlich sein.

Könnten diese massiven Umwälzungen noch mehr Chaos und Krieg bringen oder im Endeffekt vielleicht sogar Frieden für Nahost?
Anders als viele meiner Kollegen bin ich eher optimistisch. Allerdings müsste dafür zunächst eine Lösung für die Kurden gefunden werden, die sowohl von Damaskus als auch von Ankara militärisch bedroht sind. Für Israel sind sie Verbündete. Es wäre wünschenswert, wenn al-Jolani dies friedlich lösen und zu einer Übereinkunft mit der Türkei kommen könnte. Bislang hat er Blutvergießen größtenteils vermieden. Wenn Syrien seine internen Probleme lösen kann, besteht die Chance, dass die Nachbarn Israel und Syrien eines Tages Frieden – oder zumindest einen Nichtangriffspakt – schließen. Es gibt also Grund für vorsichtigen Optimismus in Nahost.


Mit dem Zeithistoriker am Moshe-Dayan-Center und außerordentlichen Professor im Masterprogramm für Konflikt­lösung an der Universität Tel Aviv sprach Sabine Brandes.

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