Sufganiot

Viel zu fett

Unverzichtbar: Sufganiot in allen Formen und Farben Foto: Flash 90

Mit einem einzigen Satz schlachtete er die heilige Kuh von Chanukka. Der ultraorthodoxe Gesundheitsminister Yaakov Litzman von der Partei Vereinigtes Tora-Judentum möchte, dass die Israelis bewusster essen. Nachdem er vor einer Weile bereits die Fast-Food-Kette McDonald’s an den Pranger gestellt hatte, verkündete er nun auf einer Konferenz für gesunde Ernährung in Herzlija: »Sufganiot out!«

Und das, obwohl das pralle Gebäck in den Bäckereien und Konditoreien einer jeden Stadt und eines jeden Dorfes bereits seit Wochen in den Regalen duftet. Die in siedendem Fett gebackenen Süßigkeiten sind mit Marmelade oder Schokolade gefüllt, ähnlich den Krapfen oder Berlinern in Deutschland. In den vergangenen Jahren wurde die Vielfalt an Chanukka immer größer und einfallsreicher. Manche Bäckerei, etwa die Kette Roladin, bietet den Kunden sogar an, der Sufgania mit einer Spritztülle eigenhändig ein zuckersüßes Innenleben nach Wahl einzupusten.

Öl Das jüdische Lichterfest erinnert an die Zeit der Revolte der Makkabäer gegen die Griechen, die den Tempel in Jerusalem entweiht hatten. Als die Juden wieder in das Gotteshaus einzogen, fanden sie der Legende nach ein winziges Fläschchen Öl, das acht Tage lang die Menora brennen ließ – das Wunder von Chanukka. Alles dreht sich an diesem Feiertag um Öl. Es gibt kaum Büros, Schulen, Kindergärten oder Vereine, in der zu dieser Zeit nicht mindestens einmal Sufganiot herumgereicht werden.

Umso mehr sind viele Israelis über die Kritik Litzmans kurz vor dem Fest verwirrt oder gar wütend und fragen sich, warum ihnen der Minister den süßen Feiertagsspaß vermiesen will. Etwa Mosche Benchayon, der auf dem Carmelmarkt von Tel Aviv hinter Tabletts mit goldbraunen Sufganiot steht. Als das Gespräch auf den Politiker kommt, runzelt er die Stirn: »Was soll das? Warum kommt er jetzt damit um die Ecke und nicht im Sommer? Er kann damit unser Geschäft schädigen oder ganz kaputt machen.« Dass die Kundschaft weniger zugreift, hat Benchayon indes noch nicht beobachtet. Dennoch ist er sauer auf den Minister. »Hat er sich in seinem Job nicht um Wichtigeres zu kümmern, als um Sufganiot?«

Sogar in den Nachrichten und Talkshows wird das Thema heiß debattiert. Schai Stern von Kanal 10 lud Gäste in seine Sendung ein, um den »Sufgania-Skandal« mit ihm zu diskutieren. Während der Schauspieler Moni Moshonov zugab, aus Gesundheitsgründen keine Sufganiot zu essen, fand Gastgeber Stern, dass sich der Gesundheitsminister mit den »nebensächlichsten Nebensächlichkeiten« aufhält. Schließlich seien andere Speisen, die das ganze Jahr über gegessen werden, genauso ungesund.

gebot Doch Litzman scheint in die Rolle des israelischen Jamie Oliver geschlüpft zu sein, der seinen Landsleuten um jeden Preis gesundes Essen auftischen will. Dass er damit aneckt, scheint den 67-jährigen Charedi wenig zu stören. Auf den Hinweis streng religiöser Weggenossen an ihn, es sei schließlich ein Gebot, an Chanukka Sufganiot zu verputzen, konterte er trocken, man solle sich wegen Krapfen nicht so aufregen, es gebe schließlich wesentlich bedeutendere Mizwot.

Also forderte er die Israelis auf, weniger zuzugreifen, denn die Sufganiot seien vor allem eines: voller Öl. Stattdessen schlug er vor, nach gesunden Alternativen Ausschau zu halten, um das Fest zu begehen. »Wir müssen unseren Kindern keine Donuts füttern, die nicht unseren Standards der gesunden Ernährung entsprechen und sie fett machen.«

Trotzdem könne man wohl Sufganiot essen, da es zur Tradition von Chanukka gehöre, gab er sich etwas versöhnlich, »aber es dürfen keine Berge sein«. Dann erinnerte Litzman an seine McDonald’s-Schelte und die Mengen an Fast-Food, die in Israel verspeist werden: »Als ich deutlich machte, dass wir weniger bei McDonald’s essen sollen, dachten sie auch schon, ich sei verrückt geworden.«

Pfannkuchen Uri Scheft, Bäcker der Kette Lechamim, findet das Fettgebackene in dieser Jahreszeit herrlich. Er lässt es nach dem Backen einen Moment auf Küchenkrepp liegen, damit so viel Fett wie möglich abtropft. Zu der Anti-Sufganiot-Kampagne des Ministers will er nichts sagen, antwortet nur mit einem großen Biss in einen frischen Krapfen.

Kundin Avital Cohen kann auch nichts Schlimmes am Festtagsgenuss finden. »In unserer Familie essen wir an Chanukka Sufganiot, weil sie einfach zu diesem Feiertag dazugehören. Allerdings erlaube ich höchstens eine pro Person und Tag. Dafür schränken wir die Süßigkeiten in der Zeit danach drastisch ein, aber jetzt müssen es eben Sufganiot sein.«

Der israelische Comedian Avi Nussbaum indes kann die Warnung des Ministers zwar verstehen, findet sie aber unpassend. »Es gibt schließlich auch andere ungesunde Mizwot. An Pessach eine Woche lang Mazzen zu essen, ist zum Beispiel auch nicht gerade gesundheitsfördernd. Doch dazu sagt niemand etwas.«

Andererseits, gibt Nussbaum zu bedenken, habe jede Sufgania mindestens 400 Kalorien, und das sei total verrückt. »Der Tradition zufolge hat ein winziges Fläschchen Öl für acht Tage gereicht. Wir verbrauchen für Chanukka heutzutage aber in acht Stunden einen ganzen Container Öl. Alles schwimmt darin. Und das ist nicht das große Wunder, das hier geschieht – das ist pures Sodbrennen.«

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