Datenschutz

Verraten und verkauft

Ermöglichte es, persönliche Informationen über Israelis kommerziell zu nutzen: Software-Programm »Agron 2006« Foto: Frank Albinus

Für Deutsche ist ein Szenario dieser Art der größte anzunehmende Unfall. Alle persönlichen Daten der Einwohner inklusive Namen, Alter, Personenstand, Adresse, Telefonnummer, Details zu Kindern und anderes stehen im Internet. Für jeden einsehbar: In Israel ist der Albtraum Wirklichkeit geworden. Die Daten von neun Millionen Menschen wurden gestohlen und komplett ins World Wide Web eingestellt. Jetzt wurden die Verursacher dingfest gemacht – fünf Jahre nach der Tat.

Der Aufschrei im Heiligen Land war damals wie heute verhalten. Keine Datenschützer, die zum Sturm auf den Obersten Gerichtshof riefen, keine Internetexperten, die das gesamte Netz abschalten wollten. Die Israelis nahmen es gelassen, sofern sie überhaupt etwas davon gehört hatten. Denn auch die Medien hatten äußerst zurückhaltend berichtet.

standesregister Dabei war das, was im Jahr 2006 geschehen ist, das ultimative Horrorszenario für jeden Datenschützer. Ein Angestellter des Ministeriums für Soziales, der, wie alle Beschäftigte im öffentlichen Dienst, Zugang zum Standesregister hatte, kopierte den gesamten Informationsbestand. Sogar als ihm gekündigt wurde, konnte er noch weiter auf die aktualisierten Daten seines Ex‐Arbeitgebers zugreifen.

Nach einer Weile gab er die Kopie an Mitglieder der ultraorthodoxen Gemeinde Jerusalems weiter. Dort wanderte sie durch mehrere Hände – heute ist nicht mehr nachvollziehbar, wer sie dabei vervielfältigte. Schließlich landete sie bei einem illegalen Sammler von Datenbanken. Dieser entwickelte für deren kommerzielle Nutzung ein Software‐Programm namens »Agron 2006«, bevor er sie verkaufte. Aber nach wenigen Monaten wurde sie dechiffriert und im Internet komplett veröffentlicht.

Unter den gestohlenen vertraulichen Informationen befinden sich auch sämtliche Daten, die mit Adoptionsverfahren zu tun haben. Die Namen von adoptierten Kindern und ihren Familien in Tel Aviv und Jerusalem standen unverschlüsselt im Netz. Rechtsanwalt Joram Cohen, verantwortlich für die Bereiche Justiz, Technologie und Information im Justizministerium, ist der Meinung, dass «die Verbreitung der Standesregister und besonders der Akte mit den Details zu Adoptionen, den Bürgern Israels den Schlaf rauben müsste«.

Staatsgeheimnis Und das, umso mehr, weil Israelis, durch Gewalt und Feindseligkeit geprägt, oft Geheimniskrämer sind. So wurde die Identität des jeweiligen Geheimdienst‐Chefs lange als Staatsgeheimnis behandelt. Schabtai Schawit etwa, von 1989 bis 1996 Generaldirektor des Mossad, war nur als »S« bekannt. Erst seit etwa zehn Jahren werden die Namen veröffentlicht. Die innere Gliederung des Mossad indes ist nach wie vor weitgehend unbekannt.

Die sechs Festgenommenen in der Datenklau‐Affäre beteuern derweil ihre Unschuld. Sie sagen, sie hätten nicht gewusst, dass es illegal ist, eine Kopie der Daten zu besitzen, da diese ohnehin weit verbreitet seien. In der Tat kommt das Tehudat Sehut mit seiner neunstelligen Nummer in allen nur erdenklichen Bereichen des täglichen Lebens zum Einsatz. Die israelische Variante des deutschen Personalausweises muss nicht nur beim Innenministerium für An‐ und Ummeldungen vorgelegt werden, sondern auch beim Bezahlen mit der Kreditkarte übers Internet oder per Telefon. Sogar im Supermarkt fragen die Kassiererinnen danach. In den neun Ziffern sind sämtliche persönlichen Daten gespeichert.

Das Justizministerium erklärte, die Software »Agron 2006« erlaube, über jeden Bürger detaillierte Nachforschungen anzustellen: etwa über Identitätsnummern oder Anzahl der Familienmitglieder. Die Möglichkeiten des Missbrauchs seien enorm, Erpressung und illegalem Handel würden Tür und Tor geöffnet. Das Ministerium fügte hinzu, dass die nun frei zugänglichen Nummern auch Zugang zu Passwörtern für E‐Mails, private Computer und Bankkonten erlaubten. Seit Jahren bereits sind Beamte damit beschäftigt, sämtliche Daten aus den Wirren des Internets zu löschen.

Missbrauch Für Rechtsanwalt Avner Pinchuk, Leiter der Abteilung Datenschutz und Information des Verbandes der Zivilrechte in Israel, liegt das Problem darin, »dass diese Software es ermöglicht, alle für eine Person relevanten Daten und Informationen leicht und schnell zu recherchieren. Die Sicherheit eines jeden Bürgers in Israel ist gefährdet. Das kann zum Missbrauch durch alle denkbaren kommerziellen wie kriminellen, aber auch terroristischen Gruppen führen, die frei über Passfotos aller israelischen Bürger, Geheimdienste und Sicherheitsbehörden verfügen können.«

Der Datenklau nimmt Israels Debatte um die Schaffung eines neuen biometrischen Personenstand‐Registers wieder auf, in dem digital die charakteristischen Gesichtszüge und Fingerabdrücke aller Bürger erfasst werden sollen. Das im Juni überarbeitete Gesetz ist als zweijähriges Pilotprojekt angelegt. Die Teilnahme ist freiwillig. Der Leiter des Parlamentsausschusses, Meir Schitrit, betont, dass es biometrische Personenstand‐Register bereits in zahlreichen Ländern gibt. Er befürwortet den Gesetzesentwurf: »Man muss aufhören, der Bevölkerung damit Angst einzujagen.«

Für Zivilrechtler Pinchuk ist die Gefahr des Datenmissbrauches dagegen real. »Das, was 2006 geschehen ist, ist eine Warnung an alle. Persönliche Daten wie Adresse Telefonnummer können ausgetauscht werden, der persönliche Fingerabdruck aber nicht.« Auch in den USA seien bereits vertrauliche Daten verbreitet worden. »Ein System ist niemals perfekt und unfehlbar. Ich finde es fraglich, ob man ein solches Risiko wirklich eingehen sollte.«

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