Israel-Diaspora-Beziehungen

»Vernunft und Maß halten«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Marco Limberg / Zentralrat der Juden in Deutschland

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hat dazu aufgerufen, angesichts der Amtseinführung der neuen, rechtsgerichteten Regierung in Israel nicht in »rein gefühlsmäßige Bewertungen« zu verfallen und Israel reflexartig abzulehnen, sondern »Vernunft und Maß« zu halten – so, wie das unter demokratischen Staaten üblich sei.

In einem am Dienstag in der Online-Ausgabe des »Tagesspiegel« veröffentlichten Gastbeitrag schreibt Josef Schuster: »Es darf keine reflexartige Abkehr von Israel geben.« Dem Land und seinen Menschen gehöre »auch in diesen Zeiten unsere Solidarität«, schrieb der Zentralratspräsident.

WERTE Dennoch sei es wichtig, »klar zu benennen, was gegen die tradierten freiheitlichen Werte Israels verstößt.« Es gehe nicht spurlos an den jüdischen Gemeinschaften der Diaspora vorbei, was in Israel passiere, insbesondere dann nicht, »wenn Minister dieser Regierung sich in rassistischer, diskriminierender und verstörender Weise äußern.«

Einige der von Ministern der neuen Regierung von Benjamin Netanjahu vertretenen Positionen seien innerhalb der jüdischen Welt »nicht mehrheitsfähig«, betonte Josef Schuster. »In ihr gelten Menschlichkeit, demokratische Werte und der Wille zum Frieden.«

»Es geht nicht spurlos an den jüdischen Gemeinschaften der Diaspora vorüber – nicht, wenn Minister dieser Regierung sich in rassistischer, diskriminierender und verstörender Weise äußern.«

Josef Schuster

Weiter schrieb er in seinem Gastbeitrag: »Ich lehne vieles in der neuen israelischen Regierung ab, und es wird notwendig sein, sich weiterhin kritisch mit ihr und ihrer Arbeit auseinanderzusetzen. Einschlägig vorbestrafte Rechtsextreme im Kabinett oder Gesetzesänderungen, damit korrupte Politiker Minister werden können, sind ein Tiefpunkt der israelischen Politikgeschichte. Auch für viele Likud-Abgeordnete muss die Vereidigung dieser rechts-religiösen Regierung ein mulmiger Moment gewesen sein.«

Auch weite Teile der israelischen Bevölkerung lehnten den Kurs der neuen Regierung ab – das belegten Umfragen und die öffentlichen Proteste im Land, so Schuster. »Die Mehrheit der Menschen haben Angst und Sorge um ihr Land. In demokratischen Gesellschaften kann dies kein dauerhafter Zustand sein, darauf müssen wir vertrauen – umso mehr, wenn die neue Regierung ankündigt, in Trump-Manier an der Unabhängigkeit der Gerichte zu schrauben.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Auch auf den Besuch des neuen Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf dem Tempelberg ging der Zentralratspräsident ein. Diese Visite sei »eine Provokation« gewesen. Schuster fügte jedoch hinzu: »Eine Provokation allerdings, die den geltenden Status Quo dieses Ortes nicht verletzte. Das stellte in seiner Kritik an dem Besuch auch der Oppositionsführer und ehemalige Ministerpräsident Yair Lapid fest. Er hatte die Autorität dies zu tun und die Botschaft, die er sendete, war klar und wichtig.«

URSACHE Der Lärm, der um den Besuch Ben-Gvirs in der westlichen Welt gemacht werde, spiele am Ende nur der nationalistischen Politik der rechten Politiker in die Karten, schrieb Schuster weiter. Dagegen sei die Bekräftigung Netanjahus, dass keine Änderung des Status Quo auf dem Tempelberg beabsichtigt sei, in der allgemeinen Empörung ebenso untergegangen wie »die auffällig bedachte Reaktion der arabischen Welt, die mehrheitlich auf eine Fortführung von Netanjahus Politik des Abraham-Abkommens setzt.«

»Demokratie und Rechtsstaatlichkeit haben in Israel jahrzehntelang Kriege und Krisen überstanden«, betont Schuster.

Schon häufig in der israelischen Geschichte seien neue Regierungen mit Untergangsszenarien überzogen worden, betonte der 1954 in Haifa geborene Schuster. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hätten in Israel dennoch immer die Oberhand behalten, und das trotz großer äußerer Herausforderungen.

Die neue Regierungsmehrheit bedeutet für den Zentralratspräsidenten auch nicht, dass eine Mehrheit der Israelis rechtsextrem oder theokratisch denke. Sie sei vielmehr, schrieb Schuster, »ein Produkt der Ausweglosigkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts. Wir sollten den Mut haben, dies anzusprechen.« ja

Aschkelon

Charedi-Extremisten stürmen Haus des Chefs der Militärpolizei

Gegner der Wehrpflicht auch für Ultraorthodoxe haben die Familie des IDF-Offiziers bedroht. Eine gefährliche »rote Linie« sei überschritten, sagt die Armee

 29.04.2026

Jerusalem

Haben die Raketenlieferungen nach Deutschland Israel gefährdet?

In Israel ist eine Diskussion über die Frage entbrannt, ob es richtig war, inmitten iranischer Raketenangriffe Arrow-Abfangraketen zu exportieren

 29.04.2026

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026

Israel

Herzog setzt sich für Deal in Netanjahu-Prozess ein

US-Präsident Trump drängt darauf, dass der in einem Korruptionsverfahren angeklagte israelische Regierungschef Netanjahu begnadigt wird. Israels Präsident Herzog strebt eine Einigung an.

 28.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  28.04.2026 Aktualisiert

Israel

Gefängnis fürs Grillen

Mehr Strafen für Verstöße gegen »religiöse Disziplin«

von Sabine Brandes  28.04.2026

Nahost

Sa’ar: Israel hat »keine territorialen Ambitionen im Libanon«

Israels rechtsextremer Finanzminister Smotrich hat kürzlich gefordert, Israels neue Grenze im Norden müsse ein Fluss im Libanon sein. Israels Außenminister widerspricht.

 28.04.2026

Kommentar

Antisemitismus und Israelfeindlichkeit werden die SPD nicht retten

Die Sozialdemokraten sollten sich nicht an Zohran Mamdani oder Pedro Sánchez orientieren, sondern an einer alten Wahrheit von Bill Clinton

von Stefan Laurin  28.04.2026

Diplomatischer Konflikt

Streit um russisches Schiff in Haifa: Ukraine bestellt Israels Botschafter ein

Der ukrainische Außenminister Sybiha beschwert sich über »illegalen Handel mit gestohlenem ukrainischem Getreide«. Sein israelischer Kollege Sa’ar weist dies zurück, kündigt aber eine Prüfung an

 28.04.2026