Erdgas

»Vergiftet uns nicht!«

Sie tragen schwarze T-Shirts mit Totenköpfen und gekreuzten Knochen darauf. »Vergiftet uns nicht!«, steht in fetten Lettern darunter. Manche haben Surfbretter unter dem Arm oder tragen den Badeanzug darunter. Die Demonstranten gegen die geplante Gasplattform für die Förderung des Erdgases aus dem Leviathan-Feld im Meer vor Israels Küste werden immer zahlreicher. Vor Kurzem veranstalteten sie auf dem Tel Aviver Rabinplatz den wahrscheinlich größten Umweltprotest, den Israel je gesehen hat.

Unter dem Motto »Stoppt die Katastrophe« wollten die Tausenden von Protestierenden auf die drohende Gefahr aufmerksam machen, die ihrer Meinung nach von der Plattform vor Israels Küste am Strand Dor ausgehen wird. Dor gilt als einer der schönsten Strände des Landes mit einer Naturbucht und feinem Sand. Die Demo war von der Umweltschutzorganisation Shomrei Habayit gemeinsam mit anderen Gruppen organisiert worden. Shomrei Habayit setzt sich vor allem für die Erhaltung der Natur im Norden des Landes ein, wo auch Dor liegt.

Unfall Die Plattform soll lediglich zehn Kilometer von der Küste entfernt im Meer aufgebaut werden. Die Kritiker meinen, dass dieser Abstand nicht ausreichend ist, um Natur und Menschen zu schützen, und verlangen von Premierminister Benjamin Netanjahu sowie Energieminister Yuval Steinitz, dass die Anlage in einem Mindestabstand von 120 Kilometern zum Strand und zudem direkt über dem eigentlichen Gasreservoir liegen müsste. Andernfalls wäre bei einem Unfall die Gesundheit von Millionen von Menschen in Gefahr, argumentiert Shomrei Habayit. Denn nicht nur kleinere Gemeinden liegen an der Küste, sondern auch Großstädte wie Haifa, Netanja und Tel Aviv.

Nach Angaben der Organisation produziere die schon laufende Produktionsanlage des kleineren Feldes Tamar 30-mal so viel toxische Materialien wie vorher angenommen. Zudem habe das Unternehmen Noble Energy aus dem amerikanischen Houston, das die Plattform betreiben wird, eine »schreckliche Bilanz«, was Umweltverschmutzung angeht.

Einer der Aktivisten ist der Surfer Oren Babaiov. »Seit 2010 werden fast alle Plattformen zur Erdgasförderung als im tiefen Wasser schwimmende Anlagen über den Gasfeldern errichtet. Es hat sich erwiesen, dass dies eine viel sicherere Technologie ist.« Babaiov sorgt sich, dass bei einem Unfall oder einem Gasleck riesige Mengen von Kondensat, dem Beiprodukt der Gasproduktion, austreten könnten. »Wenn die Plattform so nah an der Küste liegt, ist ein Erreichen des Strandes innerhalb kürzester Zeit nicht aufzuhalten und würde die Natur für Generationen schädigen oder sogar zerstören.«

Leck Maya Jacobs, die Leiterin der Umweltorganisation Zalul, die sich vor allem für den Schutz von Gewässern einsetzt, erklärt dazu: »Bei der Plattform Deepwater Horizon von BP im Golf von Mexiko gab es 2010 durch Bohrungen eine Explosion und ein Ölleck, das bis heute als größte Umweltkatastrophe im Meer gilt. Das ausgelaufene Öl bedeckte eine Fläche, die größer war als der Staat Israel. Und unser Energieministerium bohrt selbst auf gefährliche und umweltschädliche Weise.« Jacobs beklagt, dass die Öffentlichkeit nicht in Diskussionen über die Förderung einbezogen wird und Israel zu wenig Erfahrung mit der Gasproduktion hat. »Israel ist überhaupt nicht in der Lage, mit Lecks umzugehen. So kann man diese gefährliche und verschmutzende Industrie nicht betreiben.«

experten Während sich Experten einig sind, dass die Gefahr durch Umweltschäden bei der Produktion von Erdgas unter dem Meeresgrund geringer ist als bei der Förderung von Erdöl, gibt es Unstimmigkeit, wie schädlich das Beiprodukt, ein Gemisch aus flüssigen Kohlenwasserstoffen, ist. Einige, vor allem die Produktionsfirmen, meinen, es sei recht harmlos und verdunste von allein, andere halten vor allem das enthaltene krebserregende Benzol für einen Anlass zu großer Sorge.

Die Internationale Energieagentur schätzt, dass die Förderung in der Tiefsee (ab 400 Metern unter der Meeresoberfläche) in den kommenden Jahren deutlich steigen wird, weil viele Reservoirs auf dem Land geleert sind. Im Jahr 2009 wurden etwa fünf Millionen Barrel pro Tag in der Tiefsee gefördert, 2035 werden es geschätzte neun sein.

Kampagne Die am Leviathan-Feld beteiligten Unternehmen veröffentlichten nach der Demonstration in Tel Aviv eine Stellungnahme. Sie erklärten: »Der Bau der Leviathan-Plattform wird in den kommenden Monaten beginnen. Und dies geschieht in exakter Übereinstimmung mit der Entscheidung der Regierung und entsprechend den Empfehlungen des Sicherheits-Establishments. Alle planenden, regulierenden und rechtlichen Behörden waren involviert und haben zugestimmt.« Die Proteste bezeichnen die Partner als »Angstmach-Kampagne«. Ihrer Meinung nach werde die Plattform Luft und Wasser nicht verpesten. Darüber herrsche bei den Experten Übereinstimmung, wozu auch Umweltverbände gehörten, betonen sie. »Das Leviathan-Projekt ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Dank des Gasfeldes kann Israel von der schmutzigen Kohle befreit werden, die die Gesundheit seiner Einwohner gefährdet.« Die Plattform soll bereits im Dezember dieses Jahres geliefert werden.

Doch es sind nicht nur Badefreunde und Surfer, die Einwände gegen die relative Nähe zum Strand erheben. Auch Mediziner haben sich zu Wort gemeldet. 120 Ärzte schlossen sich der Kampagne »Fünf vor zwölf« an, die aus Bürgerinitiativen, Naturschutzgruppen und Akademikern besteht. Sie halten es für unstrittig, dass bei einer derartigen Nähe zum Ufer Gefahr für die Bevölkerung besteht. Der Kardiologe Ariel Rogin aus Hadera erklärte in einem Bericht des Fernsehkanals 10, dass es ausreichend Beweise gebe, die zeigten, dass bei Noble Energy immer wieder Unfälle geschehen, wie bei anderen derartigen Firmen auch. »Und jeder davon endet in einer Naturkatastrophe.«

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