Proteste

Vater von Geisel mit Eiern beworfen

Eli Albag, Vater von Liri, macht seiner großen Wut Luft. Foto: Flash90

Das Herz von Eli Elbag ist gebrochen. »Liri, Liri, Liri«, schrie er letzten Samstag bei der Kundgebung zur Befreiung der Geiseln in den Abendhimmel über Tel Aviv. »Liri, ich habe dich seit fast einem Jahr nicht umarmen können. Ich vermisse dich so… Liri, bitte vergib uns, dass wir dich noch nicht befreit haben.« Es gab kaum jemanden, der bei diesen Rufen des verzweifelten Vaters nicht in Tränen ausbrach. Liri, seine Tochter, ist am 7. Oktober von Terroristen der Hamas verschleppt worden und noch immer im Gazastreifen.

Seit fast zwölf Monaten sind Elbag und seine Frau Shira in dauerhaftem Ausnahmezustand, bangen um das Leben ihres Kindes. Die junge Späherin der IDF war aus der Militärkaserne Nahal Oz an der Grenze zum Gazastreifen entführt worden, als die Hamas ihr Massaker in den südlichen Gemeinden verübte. Die damals 19-Jährige hatte gerade erst ihren Militärdienst begonnen. Alles, was die Elbags wollen, alles, wofür sie sich einsetzen, ist die Befreiung ihrer Tochter.  

Dafür reisen sie um die Welt, um bei ausländischen Regierungen um Hilfe zu bitten, protestieren samstags und an vielen anderen Tagen auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv und nehmen jede Gelegenheit wahr, um einen Deal zur Befreiung der Geiseln zu erreichen.

Elbag protestierte vor Likud-Veranstaltung

Um das zu fordern, war Eli Elbag am Mittwoch mit einer Gruppe von Unterstützern zu einer Veranstaltung der Likudpartei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in der Küstenstadt Netanya gereist. Der Premier persönlich, Minister und Abgeordnete waren anwesend. Wie immer trug der Vater ein T-Shirt mit dem Foto seiner 20-jährigen Tochter, wie immer hatte er ein Megafon dabei und rief nach einem Abkommen zur Befreiung aller Geiseln aus Gaza.  

Plötzlich seien von Likud-Aktivisten Eier geworfen worden, die Elbag und einen Polizisten trafen. Als Elbag auf die Männer zuging, um sie zur Rede zu stellen, wurde er von einem angebrüllt: »Du hast genug Lärm gemacht, sei endlich ruhig!«

Ein anderer bezeichnete ihn dabei als »Krebsgeschwür für Israel« und »äußerte die ungeheuerliche Anschuldigung, dass (Hamas-Anführer Yahya) Sinwar die Angehörigen der Geiseln für ihre Proteste bezahlt.« Er bekomme »regelmäßig Drohbriefe, werde beschimpft und sogar geschlagen, weil ich für die Freiheit meiner Tochter kämpfe«, sagte er im Anschluss an die Attacke im öffentlich-rechtlichen Sender Kan. »Es ist eine Sache, mich mit Eiern zu bewerfen, ich bin schon daran gewöhnt. Aber warum auf die Polizisten? Das hat mich mehr gestört.«

»Es ist eine Sache, mich mit Eiern zu bewerfen, ich bin schon daran gewöhnt. Aber warum auf die Polizisten? Das hat mich mehr gestört.«

Präsident Isaac Herzog habe, als er davon hörte, den Likud-Abgeordneten Eli Dallal angerufen und ihn gebeten, rauszugehen und mit Elbag zu sprechen. Als er das tat, wurde auch Dallal mit Eiern beworfen. Später drückte sich Dallal vage aus und erklärte, »ich verurteile Gewalt, egal, von welcher Seite sie kommt«. Miki Zohar vom Likud kommentierte die Aggression gegen den Vater der Geisel auf X: »Dies ist nicht unser Weg und auch nicht der Weg, den wir gehen wollen«. Oppositionsführer Yair Lapid forderte Netanjahu auf, »die Verantwortlichen anzuprangern, aus der Partei auszuschließen und sich bei Eli Elbag zu entschuldigen.«

Liris Vater ist nicht der einzige Angehörige, der regelmäßig angegriffen und beleidigt wird, weil er sich für die Befreiung der Geiseln einsetzt. Auch Einav Zangauker, Mutter der Geisel Matan Zangauker, und andere wurden bereits öffentlich beschimpft, als »Verbündete der Hamas« und »Staatsfeinde« verunglimpft. Zangauker wurde Anfang des Monats von einem Mann mit einem Messer bedroht. Als er festgenommen wurde, schrie er: »Ich werde dich noch kriegen.«

Im Dezember wurde ein Zeltlager von Angehörigen, das vor der Knesset aufgebaut war, um auf das grausame Schicksal ihrer Liebsten aufmerksam machen, angegriffen. Ein Mann aus der Stadt Kiriat Gat versuchte, Zelte in Brand zu stecken, während die Menschen darin schliefen. Es wurde niemand dabei verletzt, doch der Schock bei den Familien saß tief.

Rechtsgerichtete Aktivisten wollen Angehörige mundtot machen

Kritik gegen die Proteste der Familien hat es seit Beginn des Krieges gegen die Hamas gegeben. Doch am Rand der Kundgebungen für die Geiselbefreiung, die jeden Samstagabend in Tel Aviv, Jerusalem und anderen Orten im ganzen Land stattfinden, stehen immer mehr und immer gewalttätigere Aktivisten, die die Angehörigen aggressiv beschimpfen und versuchen, sie mundtot zu machen.

Mehrere Angehörige haben auch der Polizei vorgeworfen, sie sei zu brutal im Umgang mit Demonstranten, nachdem mehrere Fälle exzessiver Gewaltanwendung dokumentiert wurden, von denen einige Ermittlungen auslösten. Einav Zangauker berichtete, dass sie und die Freundin ihres Sohnes Matan, Ilana Gritzewsky – die 55 Tage Geisel der Hamas war und im November durch einen Deal freikam – bei einem Protest von Wasserwerfern der Polizei getroffen wurden. Die Polizei ist derzeit unter der Kontrolle des rechtsextremen Ministers Itamar Ben Gvir von der Partei Otzma Jehudit (Jüdische Macht), die sich kategorisch gegen jeglichen Geiseldeal ausspricht.

Seit Monaten bereits finden jede Woche Proteste statt, bei denen ein Geiselabkommen gefordert wird. Eli Elbag und Einav Zangauker sind immer dabei. »Auch wenn andere uns beschimpfen werde ich jedes Mal hier sein und nach Liri rufen, machte Elbag am letzten Samstag klar, «denn das ist das einzige, was ich tun kann».

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