Konversion

Urteil mit Folgen

Rabbiner Ariel Pollak leitet die konservative Gemeinde Kehillat Sinai in Tel Aviv Foto: Mareike Enghusen

In den Worten mancher israelischer Politiker klang es, als habe der Oberste Gerichtshof des Landes das Ende des jüdischen Staates, wenn nicht des jüdischen Volkes beschlossen. »Die Entscheidung des Obersten Gerichts ist skandalös, sie wird noch eine Katastrophe über uns bringen«, schrieb Miki Zohar, Abgeordneter der rechten Likud-Partei, auf Twitter.

»Es ist klar, dass Israel bald nicht mehr jüdisch und demokratisch sein wird.« Bezalel Smotrich von der rechten Jamina-Partei zeichnete ein ähnlich dramatisches Bild. »Die verantwortungslose Entscheidung«, schrieb er, »gefährdet das israelische Volk und den jüdischen Charakter des Staates.«

Twitter In Wahrheit reichte das Urteil, das der Gerichtshof am 1. März fällte, viel weniger weit, als es in aufgeregten Twitter-Posts und Zeitungsüberschriften klang. »Juden, die eine Reform- oder konservative Konversion durchlaufen haben, müssen für das Recht auf Rückkehr anerkannt werden«, titelte etwa »Haaretz« und war mit dieser Verkürzung der Tatsachen keineswegs allein.

In vielen Reaktionen klang es so, als habe der Gerichtshof die Regierung aufgefordert, das Recht auf Rückkehr, das Juden weltweit die Einwanderung nach Israel erlaubt, erstmals auf jene auszuweiten, die in nichtorthodoxen Gemeinden rund um die Welt zum Judentum übertreten. »Jeder weltweit wird sich an einen Reformrabbiner wenden und nach 30 Tagen die Erlaubnis bekommen, nach Israel einzuwandern«, schrieb etwa Miki Zohar – und lag damit gleich zweimal falsch: Erstens dauert eine Reformkonversion oft ein Jahr oder mehr, zweitens gewährt der israelische Staat nichtorthodoxen Konvertiten aus dem Ausland das Recht auf Rückkehr bereits seit 1988 – schon damals nämlich hatte der Oberste Gerichtshof die Regierung dazu angewiesen.

RÜCKKEHRRECHT In der Realität berührt die Entscheidung vom 1. März einen viel engeren, wenngleich sensiblen Bereich. Bislang sprach Israel lediglich jenen nichtorthodoxen Konvertiten das Rückkehrrecht zu, die außerhalb Israels zum Judentum übergetreten waren. Wer jedoch innerhalb Israels in einer Reform- oder konservativen Gemeinde die Konversion durchlief, blieb davon ausgeschlossen.

Wer also in New York, Brasilia oder Kopenhagen in einer oder Reformgemeinde konvertiert war, konnte das Recht auf Rückkehr in Anspruch nehmen; wer in Jerusalem in einer konservativen Gemeinde übergetreten war, nicht.

In dem Urteil vom 1. März sprachen sich acht von neun Richtern dafür aus, diese Ungleichbehandlung zu beenden. Der neunte teilte diese Haltung ebenfalls, hätte lediglich vorgezogen, die Entscheidung erst nach der Parlamentswahl Ende März zu fällen.

Die Zahl der Menschen, die das Urteil betrifft, ist marginal.

Die Zahl der Menschen, die das Urteil betrifft, ist marginal: 30 bis 40 Personen treten in Israel nach Angaben nichtorthodoxer Rabbiner jährlich in Reform- und konservativen Gemeinden zum Judentum über. Die drastischen Reaktionen, die die Entscheidung dennoch hervorrief, sind vor allem ein Indikator für die jahrzehntelangen Spannungen zwischen verschiedenen Strömungen des Judentums im jüdischen Staat. Das ultraorthodox dominierte Oberrabbinat hat die Hoheit über Fragen wie Hochzeit, Scheidung und Begräbnis und erkennt nichtorthodoxe Gemeinden nicht als jüdisch an.

»Laut dem Obersten Gerichtshof ist er ein Jude«, verkündet eine fröhliche Männerstimme aus dem Off. In dem YouTube-Video, das die ultraorthodoxe Partei Vereinigtes Tora-Judentum nach dem Beschluss ins Netz stellte, erscheint dazu das Foto eines zotteligen Hundes mit Kippa und Davidstern am Halsband. Die abschließende Botschaft des halbminütigen Clips: »Nur das Vereinigte Tora-Judentum schützt dein Judentum, das deiner Kinder und das deiner Enkel.«

YOUTUBE-VIDEO Fragt man Rabbiner Ariel Pollak, was er beim Ansehen des Videos empfunden hat, muss er kurz nachdenken. »Es ist schwer, dafür die richtigen Worte zu finden«, sagt er dann. »Die Kampagne mit den Hunden hat selbst mich überrascht. Das steht wirklich im Gegensatz zu allen grundlegenden jüdischen Werten.«

Seit einem Jahr leitet der 30-Jährige, der am Abraham Geiger Kolleg in Berlin studiert hat, die konservative Kehillat Sinai im Zentrum Tel Avivs. Schon räumlich unterscheidet sich die Synagoge von ultraorthodoxen Gotteshäusern: Hier gibt es keine Mechiza, keine Absperrung zur Trennung der Geschlechter, keine Empore für die Frauen und keine aufgereihten Holzbänke. Stattdessen nehmen Männer und Frauen zum Gottesdienst nebeneinander auf Sesseln und Sofas Platz. Zur Begleitung der Gebete spielt Pollak Gitarre.

Die drastischen Reaktionen sind vor allem ein Indikator für die jahrzehntelangen Spannungen zwischen verschiedenen Strömungen des Judentums im jüdischen Staat.

Erst vor wenigen Wochen konnte die Synagoge wieder öffnen, nachdem die Regierung die Einschränkungen zur Bekämpfung des Coronavirus gelockert hatte. Um die 15 bis 20 Menschen kommen derzeit zum Kabbalat Schabbat, zum Gottesdienst am Freitagabend.

Viele von ihnen stammen aus den USA, wo Reform- und konservative Gemeinden zusammen über 50 Prozent der jüdischen Bürger vertreten, fünfmal mehr als orthodoxe Strömungen. In Israel dagegen identifizieren sich Umfragen zufolge nur fünf bis zwölf Prozent der Juden mit Reform- oder konservativen Strömungen.

Er sei oft überrascht, erzählt Pollak, welche Vorstellungen viele orthodoxe Israelis vom Reform- und konservativen Judentum hegten. »Sie glauben, dass unsere Enkel nicht mehr jüdisch sein werden, und nehmen unsere Konversionen nicht ernst«, sagt er. »Es gibt kein Bewusstsein dafür, dass der Übertritt bei uns ein bis zwei Jahre dauert.«

Für ihn und seine Gemeinde hat die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs eine wichtige Symbolwirkung. Zwar hatten nichtorthodoxe Gemeinden schon vorher Konversionskurse angeboten, doch die unklare Rechtslage hatte die Rabbiner in eine schwierige Lage gebracht. In der Vergangenheit hatten sie ausländische Anwärter, die keine permanente Aufenthaltsgenehmigung in Israel hatten, meist abweisen müssen, erzählt Pollak. »Nun können endlich Menschen, die jüdisch sein wollen, hier leben wollen und unsere Werte teilen, bei uns konvertieren, und der Staat erkennt es an«, sagt er. »Für uns als Gemeinde ist das sehr wichtig.«

STAATSBÜRGERSCHAFT Eine von ihnen ist die 27-jährige Österreicherin Kati H. Seit anderthalb Jahren lebt sie mit ihrem israelischen Partner in Tel Aviv, vor einigen Monaten entschloss sie sich zum Übertritt in der Kehillat Sinai. »Ich kann mich mit dem orthodoxen Judentum nicht identifizieren«, erklärt sie, »ich bin eher liberal, und ich finde es schön, dass es in der konservativen Strömung viel Offenheit gibt und Frau und Mann gleichgestellt sind«. Auch wenn sie selbst die israelische Staatsbürgerschaft nicht beantragen möchte, freut sie sich über die Entscheidung des Obersten Gerichts, weil sie mehr Wertschätzung für den nichtorthodoxen Übertritt verspricht. »Das fühlt sich gut an.«

Das Oberrabbinat erkennt nichtorthodoxe Gemeinden nicht als jüdisch an.

Manche hatten auf das Urteil 16 Jahre warten müssen: Im Jahr 2005 hatten zwölf Personen, die in Israel nichtorthodoxe Konversionen durchlaufen hatten, Klage eingereicht dagegen, dass der Staat ihnen das Recht auf Rückkehr verweigerte. In ihrer Urteilsbegründung machten die Richter deutlich, dass es die Aufgabe der Regierung gewesen wäre, über diese Frage zu entscheiden.

Tatsächlich waren in den vergangenen Jahren unter wechselnden Koalitionen zu diesem Zweck diverse Komitees gebildet worden, die sich jedoch allesamt ergebnislos auflösten. Für Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, seit 2009 durchgängig im Amt, gibt es in dieser Frage keine gute Lösung: Eine Anerkennung nichtorthodoxer Konversionen innerhalb Israels würden die beiden ultraorthodoxen Parteien, die zu seinen verlässlichsten Koalitionspartnern zählen, nie mittragen.

AFFRONT Nichtorthodoxe Konvertiten jedoch per Gesetz vom Recht auf Rückkehr auszuschließen, würde einen Affront gegenüber den mitgliedsstärksten jüdischen Strömungen in den USA bedeuten, den er sich schwerlich leisten kann. Mit seinem Urteil hat der Oberste Gerichtshof der Politik eine schwierige Entscheidung abgenommen – zugleich jedoch jene Stimmen gestärkt, die dem Gericht ohnehin schon übermäßige Einmischung vorwerfen und seine Macht beschneiden möchten.

Ironischerweise zählt dazu auch die Likud-Partei Netanjahus, die eine Entscheidung in dieser sensiblen Frage lange vermieden hat. Das Urteil »gefährdet das Recht auf Rückkehr«, hieß es in einer Mitteilung der Partei, die Netanjahu auf seinem Twitter-Account teilte. »Nur eine Stimme für den Likud wird eine stabile rechte Regierung sichern, die der Bevölkerung und dem Parlament Souveränität zurückgibt« – eine kaum verhüllte Drohung gegen das Gericht.

Die Politik hat die Verantwortung in dieser Frage lange vermieden.

Innenminister Arie Deri von der ultraorthodoxen Schas-Partei wiederum versprach, dafür zu sorgen, dass der Staat Israel bald nur noch orthodoxe Konversionen anerkennen werde. Seine Partei hatte nach dem Urteil ein Foto afrikanischer Asylbewerber veröffentlicht, überschrieben mit der Warnung: »Gefahr! Tausende Eindringlinge und ausländische Arbeiter werden mit der Reformkonversion zu Juden!«

Auch das ultraorthodoxe Oberrabbinat verurteilte die Entscheidung. »Wer durch eine Reformkonversion oder etwas Ähnliches jüdisch wird, ist nicht jüdisch«, verkündete der aschkenasische Oberrabbiner David Lau.
Parteien links der Mitte wie Meretz und Avoda sowie dezidiert säkulare Parteien wie Jesch Atid und Israel Beiteinu begrüßten das Urteil dagegen. Die Meinungen teilen sich entlang der vertrauten Bruchlinien der israelischen Gesellschaft: zwischen rechts und links, zwischen orthodox und säkular.

ZUVERSICHT Die komplexe politische Gemengelage und die heftigen Reaktionen auf das Urteil bereiten dem konservativen Rabbiner Ariel Pollak Sorgen: Er fürchtet, eine zukünftige Regierung könnte die Macht des Gerichts beschränken – und womöglich dem Urteil seine Wirkung rauben. Was die Zukunft der nichtorthodoxen Gemeinden im jüdischen Staat betrifft, erlaubt er sich dennoch vorsichtige Zuversicht.

»Ich glaube, dass trotz allem die israelische Gesellschaft zu großen Teilen die Gleichberechtigung zwischen den verschiedenen Strömungen befürwortet, ebenso wie Religionsfreiheit und die Freiheit von Religion«, sagt er. »Und das ist ein Grund zu Optimismus.«

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