Erntehelfer

Urlaub im Moschaw

Um 6.30 Uhr morgens dringt der Gesang von Arik Einstein durch das kleine Holzhaus. »Tozeret HaAretz«, schallt es aus einem der Handywecker: »Hergestellt in Israel«. Zehn Freiwillige wühlen sich aus Schlafsäcken und Decken, beim gemeinsamen Zähneputzen summen die Ersten schon mit – mehr aus Spaß, sagt die 22-jährige Li’el und grinst mit Zahnbürste im Mund. Genau dieses Landleben, das der Sänger besingt, den frühen Wecker, selbst gepflücktes Obst und harte Arbeit, wollen sie in dieser Woche selbst erleben.

Das Quartier in Pri Gan, nur wenige Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt, ist schlicht: drei Schlafzimmer, zwei Bäder und eine Küche, in der sich Kisten voller Karotten und Tomaten aus der Nachbarschaft stapeln. Kibbuzim wie Nir Yitzhak und Nir Oz sind nicht weit weg, der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 hat sich in diese Gegend eingeschnitten wie eine Wunde. Die Region lebt von der Landwirtschaft, doch seit Kriegsbeginn fehlen Helfer. Viele thailändische Ernte­arbeiter verließen nach den Massakern das Land – einige ihrer Landsleute waren ebenfalls ermordet und entführt worden. Und junge Israelis, Reservisten wie Soldaten, werden an der Front gebraucht.

Studierende, Schulabgängerinnen und frisch Entlassene aus der Armee

Darum springen jetzt Studierende, Schulabgängerinnen und frisch Entlassene aus der Armee ein, so auch diese zehn in Pri Gan. Seit Kriegsbeginn vermittelt das Landwirtschaftsministerium zusammen mit Hilfsorganisationen jeden Monat Hunderte Freiwillige; ihre Arbeit hat den Bauern nach offiziellen Angaben schon im ersten Kriegsjahr mehr als 50 Millionen Dollar an Lohnkosten erspart. Für die jungen Leute lautet der Deal umgekehrt: Sie erhalten Unterkunft, drei Mahlzeiten am Tag und ein Gemeinschaftsgefühl, das sie in der Großstadt kaum finden.

Li’el bestreicht Brötchen mit Hummus, während die anderen in staubtaugliche Kleidung schlüpfen. »Ich liebe es, die Mama der Gruppe zu sein«, sagt sie und packt Sandwiches, Gurken, Datteln und Äpfel zu prallen Lunch-Paketen. Schon in der Armee und bei Sommercamps habe sie gern Verantwortung übernommen. »Seit ich aus dem Dienst bin, will ich weiter etwas bewirken. Wenn man nicht in der Reserve ist, fühlt man sich schnell nutzlos«, erklärt sie. Ihre Freundin Shachav nickt zustimmend.

Viele kommen auch hierher, um Freunde und Gemeinschaft zu finden.

Um sieben Uhr versammeln sich alle in weißen T-Shirts vor der Tür. »Lev Echad« steht in roten Buchstaben darauf – ein Herz. So heißt das Netzwerk, zu dem sie über die Woche hinweg gehören. Sie haben sich in Facebook-Gruppen oder über die Website von »Lev Echad« in eines der Häuser einteilen lassen. Die Freiwilligen springen auf die Ladefläche eines holprigen Pick-up-Trucks und lassen sich zu den Feldern fahren. Staub wirbelt auf, als der Truck sich zwischen Ackerflächen und Gewächshäusern hindurchschlängelt.

Alltagsflucht und ein Ort, an dem man neue Freundschaften schließt

Der Fahrer erklärt, dass in Pri Gan vor allem junge Freiwillige eingesetzt werden, in einigen anderen Moschawim oder Kibbuzim Helfer mittleren Alters oder Senioren. »Die Leute kommen immer wieder hierher, neulich habe ich jemanden zum vierten Mal hier gesehen«, sagt er. »Für viele ist es Alltagsflucht, Gemeinschaft und ein Ort, an dem man neue Freundschaften schließt, die über die Woche hinaus halten«, sagt er. Der Fahrer selbst stammt aus der Umgebung. »Für uns Anfang 20 ist es auch cool, wenn hier plötzlich viele im gleichen Alter sind.«

Im Gewächshaus schnippeln Li’el und die anderen die überschüssigen Blätter von Tomatenpflanzen ab und befestigen Seile, an denen die Ranken emporwachsen. Rücken an Rücken arbeitet sich jeder Reihe um Reihe voran. Erst am Vorabend haben sie einander kennengelernt, jetzt erzählen sie sich von ihren Zukunftsplänen, darüber, was ihnen an der Armeezeit fehlt – und was nicht.

»Ich habe vor allem im Büro gearbeitet und Mails geschrieben«, berichtet Shachav. »Ein bisschen den Körper spüren, macht auch mal Spaß.« Barfuß stehen die Freiwilligen knöcheltief in der feuchten Erde, die T-Shirts beschmiert. Ofir, eigentlich Panzerfahrer, nutzt seinen Fronturlaub für die Erntearbeit. Für eine Woche tauscht er Panzer gegen Tomaten – herumsitzen, sagt er, könne er nicht, da drehe er durch.

Starker Mokka in einer Feldkanne

Um zehn Uhr brüht der braun gelockte Soldat starken Mokka in einer Feldkanne auf. »Will jemand?«, fragt er, und alle scharen sich um ihn. Li’el verteilt Hummusbrote, und bis zum Ende der Pause spielen zwei Freunde aus Jerusalem Schubkarren-Wettrennen. Dann geht es weiter: schneiden, binden, schleppen. Die Mittagssonne brennt, der Schweiß tropft, die Handys bleiben in den Hosentaschen.

Nach sieben Stunden Arbeit kehrt die Gruppe völlig verstaubt zurück.

Nach sieben Stunden Arbeit kehrt die Gruppe völlig verstaubt zurück. Wer nicht gleich duschen geht, erklärt sich bereit zu kochen. Die Freiwilligen panieren Hähnchenschnitzel, würfeln Karotten aus den Nachbarorten, bereiten den Backofen vor. Schließlich tragen sie das Essen auf dem einzigen großen Blech nach draußen; Reste bleiben kaum übrig. Die jungen Leute stoßen mit Leitungswasser und Bier in Plastikbechern an, als wäre es Champagner.

Eigentlich soll es in der Nähe noch ein Grillfest geben, zu dem andere Freiwillige aus der Gegend kommen. Aber die Mitglieder der Gruppe von Pri Gan sitzen schon um neun Uhr auf ihren Matratzen, spielen Karten und diskutieren, ob sie am nächsten Tag auch in die Orangenplantage gehen sollen. »Direkt vom Baum naschen, das müssen wir hier unbedingt noch machen«, sagt Ofir.

Zu erschöpft für Instagram und YouTube fallen sie kurz vor elf Uhr in die Betten. »So früh bin ich lange nicht mehr schlafen gegangen«, flüstert Li’el, bevor auch sie sich hinlegt. Noch ehe jemand das Licht löscht, schnarcht bereits die Hälfte der Gruppe.

7. Oktober

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