Terror

Unter Beschuss

Zahal patrouillierte am Dienstag an der Grenze zum Gazastreifen. Foto: Flash 90

Terroristen im Gazastreifen haben seit Dienstagmorgen Dutzende Geschosse auf Israel abgefeuert. Israel reagiert und griff bislang 65 Terrorziele an. So angespannt wie derzeit war die Lage am Gazastreifen seit 2014 nicht mehr.

Die gute Nachricht: Israels Raketenabfangschirm »Eiserne Kuppel« hat in den vergangenen vier Jahren hinzugelernt. War er anfangs dafür konzipiert, hauptsächlich Raketen am Himmel abzufangen und zu zerstören, kann er mittlerweile sogar Mörsergranaten, die nur knappe 15 Sekunden in der Luft sind, aufhalten. Zwar wird noch am System getüftelt, und die Gefahr ist nicht gänzlich gebannt, doch am Dienstag wurden bereits mindestens 25 Geschosse abgefangen, meldete die Armee. Für die Menschen in den Kibbuzim und Moschawim in der Nähe des Gazastreifens ein Fortschritt, wenn auch keine Erleichterung.

Alarm Rund 160 Mal ging bis zum frühen Mittwochmorgen in den Ortschaften entlang des Gazastreifens der »Rote Alarm« an: keine Sirene, sondern eine Stimme, die »Zewa Adom« ausruft und den Menschen nur wenige Sekunden lässt, um Schutz in den Bunkern zu suchen. Allein bis 20 Uhr am Dienstagabend meldete die Armee den Abschuss von rund 70 Mörsergeschützen und Raketen auf Israel, einige davon auch aus iranischer Produktion. In der Nacht wurden weitere Geschosse auf Israel abgefeuert, wobei nach Armeeangaben auch einige Male falscher Alarm gemeldet wurde.

Am Dienstag wurden drei Soldaten leicht verletzt, laut Zeitungsberichten am Mittwochmorgen ein weiterer. Der Hof eines Kindergartens, der zu dem Zeitpunkt noch nicht besucht war, wurde bereits am frühen Dienstagmorgen getroffen, Mittwochfrüh wurde ein Wohnhaus beschädigt; verletzt wurde niemand. Die Terroristen trafen auch ein Kraftwerk in Grenznähe, das die Menschen im Gazastreifen nun vorerst nicht mehr mit Strom versorgen wird. Laut Energieminister Yuval Steinitz könnten die Reparaturarbeiten mehrere Tage dauern. Damit solle aber erst begonnen werden, wenn sich die Lage beruhigt.

Tunnel Die Lage ist so angespannt wie seit dem vergangenen Krieg 2014 nicht mehr. Verkehrs‐ und Geheimdienstminister Israel Katz warnte bereits im Armeeradio, Israel sei einem Krieg näher als jemals zuvor seit 2014. »Weder wir noch sie wollen einen Krieg, aber wir haben unsere roten Linien«, so Katz. So flog Israel nach Armeeangaben 65 Angriffe auf militärische Ziele im Gazastreifen, darunter Raketen‐ und Munitionsfabriken, Trainingsgelände und Lagerräume. Auch ein Tunnel wurde zerstört, der zehnte seit Oktober, doch diesmal handelte es sich um ein besonders Exemplar: Der Tunnel führte u‐förmig vom Gazastreifen aus durch Ägypten und von da nach Israel. Die Terroristen wollen so wohl vermeiden, bei den Grabungen von der israelischen Armee entdeckt zu werden.

Dabei war es in den vergangenen knapp zwei Wochen rund um den Gazastreifen wieder ruhiger geworden. Nach den blutigen Protesten am Tag des US‐Botschaftsumzugs und zum »Nakba‐Tag«, bei denen mindestens 60 Palästinenser getötet wurden, flaute die Gewalt ab. »Die Hamas hatte versucht, das Narrativ des Volksaufstandes gegen Israel aufrechtzuerhalten«, analysiert Amos Harel, Militärexperte der Tageszeitung »Haaretz«. Auch deshalb wurde zunächst auf Raketenbeschuss verzichtet. Allerdings versuchten vereinzelte Terroristen, den Grenzzaun zu durchbrechen, Sprengkörper entlang des Zauns zu platzieren und Armeestellungen in Brand zu stecken. Anfang der Woche dann reagierte Israels Armee mit Panzerbeschuss und tötete am Montag zwei Mitglieder des »Islamischen Dschihad« – die Terrororganisation kündigte sogleich Vergeltungsschläge an und führte diese dann am Dienstag auch aus.

Iran Israel allerdings macht auch die Hamas, die den Küstenstreifen regiert, für die Angriffe verantwortlich. Laut Amos Harel muss es zumindest eine Art stille Übereinkunft zwischen der Hamas und dem Islamischen Dschihad über die Angriffe gegeben haben. »Denn die Hamas hat in den vergangenen zwei Monaten deutlich gemacht, dass sie im Gazastreifen das Sagen hat.« Sie habe die Gruppen bislang diszipliniert und von Angriffen abgehalten.

Nach einem neuen Krieg sah es am Mittwochmorgen aber noch nicht aus. Laut der Tageszeitung Haaretz sprach die Hamas bereits von einem Waffenstillstand, der von Ägypten vermittelt worden sei. Auch der UN‐Sicherheitsrat wollte sich Berichten zufolge am Mittwochnachmittag auf Bitten der USA in einer Sondersitzung mit den Raketenangriffen auf Israel befassen.

Israel hingegen weiß von keiner Einigung über eine Waffenruhe. »Es gibt keinen Waffenstillstand«, teilte Verkehrs‐ und Geheimdienstminister Israel Katz am Mittwochvormittag mit. Israel werde keine Angriffe dulden. »Wir sehen die Fingerabdrücke des Iran bei der Hamas und der Hisbollah. Das ist eine Eskalation, und wir werden nicht zulassen, dass weiter auf uns geschossen wird«, so Katz. Doch er machte auch deutlich, dass Israel seine Reaktion vom Verhalten der Gegenseite abhängig macht: »Alles hängt von der Hamas ab. Wenn sie weitermacht, kann ich nicht sagen, was ihr Schicksal sein wird.« Wie es bei Redaktionsschluss aussah, will Israels Armee die derzeitige Ruhe beibehalten, sofern auch die Hamas die Angriffe unterlässt.

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