Grass

Unsinn mal zwei

»Sauerkraut« gehört noch zu den milderen Bezeichnungen für Grass. Foto: dpa

Zu Pessach war er noch in aller Munde. Doch nach mehr als einer Woche reicht es. Wie von den trockenen Mazzen haben die Israelis nun auch von Günter Grass und seinen Anti‐Israel‐Tiraden genug. Berichte in israelischen Medien, dass er mit Herzproblemen in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, sucht man anders als in Deutschland vergeblich. Eine Meinung aber hat sich jeder gebildet zu Grass’ infamen Zeilen, Israel bedrohe den Weltfrieden und wolle das iranische Volk auslöschen. Vom Mann auf der Straße bis zu Schriftstellerkollegen.

Debatte »Wir haben Wichtigeres in unserer Region zu tun, als uns Gedanken über einen Deutschen zu machen«, meint Schimi Ben‐Chur, Angestellter aus Petach Tikwa, als er seinem Magenknurren in der Mittagspause mit einem Falafel ein Ende bereitet. Gehört habe er von dem Gedicht »Was gesagt werden muss«, auch von der Debatte im Anschluss. »Seine Zeilen waren totaler Blödsinn, keine Frage. Dass er sich als Ex‐Nazi anmaßt, die Verteidigung Israels zu kritisieren, ist ungeheuerlich. Was weiß er in Deutschland schon über unsere Sorgen, umgeben von Feinden, die uns permanent nach dem Leben trachten?«

»Ich finde aber auch, dieses endlose Gerede hat Grass die Aufmerksamkeit gegeben, die er wollte. Und das ist eigentlich schade.« Dass die Worte des Schriftstellers die deutsch‐israelische Freundschaft belasten könnten, glaubt Ben‐Chur nicht. »Soweit ich gehört habe, reagierten doch sehr viele mit Entsetzen auf diesen Quatsch.«

Ähnlich drückt es die Soziologin Chamoutal Gatt aus. In Ländern mit Meinungsfreiheit komme schließlich auch so etwas zutage. »Und selbst wenn es der größte Unfug ist, darf man es nicht verbieten.« Entscheidend sei, so Gatt, wie die Gesellschaft in Deutschland damit umgeht. »Und es ist beruhigend zu sehen, dass die laute Kritik schnell und von allen Seiten in der Politik kam.«

überzogen Dass Grass sich allerdings als Opfer darstellt, nachdem der israelische Innenminister Eli Yishai ihn zur persona non grata erklärt hat, stößt vielen übel auf. Der Vergleich des Schriftstellers zwischen Israel und der DDR sowie Birma wurde in den Tageszeitungen veröffentlicht und von wütenden Lesern kommentiert. »Alter bitterer Sauerkraut« gehörte noch zu den milderen Beschreibungen.

Dabei gehen mitnichten alle mit der Entscheidung Yishais, Grass dürfe nicht mehr einreisen, konform. Vor allem in Literatenkreisen hält man diese Reaktion für überzogen und schlichtweg falsch. Etgar Keret, dessen Kurzgeschichten in Dutzende von Sprachen übersetzt worden sind, ist alles andere als angetan von Grass’ Poesie, findet allerdings, dass niemand eines Gedichtes wegen aus Israel verbannt werden dürfe. »Es ist gefährlich, wenn ein Politiker so etwas entscheiden kann.« Es gebe sicher vieles, so Keret, das er selbst geschrieben habe, was Yishai nicht behagt. »Und ich möchte nicht Gefahr laufen, dass ich nach der nächsten Reise nicht mehr nach Hause darf.«

Tatsächlich kann niemandem wegen eines noch so schlechten literarischen Ergusses die Einreise ins Land verweigert werden. Der Minister bezog sich in seiner Begründung daher darauf, dass Grass in jungen Jahren eine Nazi‐Uniform getragen habe.

Reinwaschen Das ist auch der Grund, glaubt der Dramatiker Joschua Sobol, warum der Autor der Blechtrommel sich auf diese Weise ausdrückte. Er habe offenbar ein psychisches Bedürfnis, Israels Intentionen maßlos zu übertreiben, um sich selbst von der Last seiner Nazi‐Vergangenheit reinzuwaschen, schrieb Sobol in der Tageszeitung »Israel Hayom«. »Sein Unterbewusstsein will, dass Israel das iranische Volk auslöscht. Denn an dem Tag, an dem Israel 80 Millionen Menschenleben zerstört, wird er schließlich vor den Gerichten der Geschichte nicht mehr schuldig gesprochen werden.«

Einer der führenden Schriftsteller des Landes, Abraham B. Jehoschua, versteht den Impuls eines Autors, sich über politische Themen auszulassen. »Das ist keine Sünde«, so Jehoschua, der sich selbst offen kritisch zur Politik seines Landes in den palästinensischen Gebieten ausgesprochen hatte. »Aber hier geht es um etwas, womit er sich nicht auskennt. Und die Tatsache, dass er einen Nobelpreis gewonnen hat, macht ihn nicht per se zum Alleswisser.«

Offenbar sehe Grass einfach nicht, wie viel Schaden er mit seinen dummen und unverantwortlichen Kommentaren anrichte, etwa, wenn er erkläre, Israel wolle den Iran zerstören. »Das ist senil.« Die Pforten des Landes müssten dem Deutschen aber trotz alledem offenstehen, meint Jehoschua.

Konfrontation So sieht es auch der Historiker Gil Troy, der seine Meinung in der Jerusalem Post veröffentlichte: »Grass soll lächerlich gemacht, widerlegt und konfrontiert werden. Aber der Innenminister ist mit seiner Entscheidung auf der völlig falschen Fährte. Statt den Autor zu verbannen, sollten wir ihn willkommen heißen. Damit er sieht, dass Israel eine echte Demokratie in Aktion ist und nicht der böse Butzemann, den er ins Visier genommen hat.«

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