Freilassung

Umarmungen nach 1.941 Tagen

»Es ist so gut, dich zu Hause zu haben«: Benjamin Netanjahu mit Gilad Schalit Foto: Flash 90

Worte können dieses Gefühl nicht beschreiben. Der Moment, in dem Gilad Schalit zum ersten Mal nach fast fünfeinhalb Jahren seinem Vater in den Armen liegt, schickt eine Gänsehaut über den Körper, lässt Tränen der Rührung in die Augen steigen. Er ist zu Hause, in Sicherheit, bei seiner Familie. In diesen Minuten geht das Foto von Gilad und Noam Schalit um die ganze Welt. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu schaut der Situation darauf von der Seite zu. Er lächelt. »Ich bringe Euch Euren Jungen zurück«, sagt er den Eltern des Freigelassenen.
Begegnung In der Luftwaffenbasis von Tel Nof wird Gilad auch von Verteidigungsminister Ehud Barak und Armeechef Benny Gantz erwartet. Es ist ein warmer Empfang. Händedrücken, unterstützende Worte und Umarmungen von allen Politikern. Netanjahu begrüßt ihn mit den Worten: »Schalom Gilad, Willkommen in Israel. Es ist so gut, dich zu Hause zu haben.« Der heute 25-Jährige hat in diesem Moment wieder seine Brille auf der Nase, er trägt die olivgrüne Uniform der Zahal. Als er dem Regierungschef gegenübersteht, salutiert er und entschuldigt sich, dass er so schwach ist.

Zusehends aber entspannen sich seine Gesichtszüge, ab und an lächelt er. Er weiß, er ist jetzt wieder im Tageslicht, auf israelischer Seite, nun muss er keine Angst mehr haben. In einem separaten Raum trifft der junge Israeli den Rest der Familie, seine Mutter Aviva, Bruder Joel, die jüngere Schwester Hadass und seinen Großvater Zwi. Die Schalits hatten sich für die Privatsphäre entschieden und gewartet, bis Gilad zu ihnen gebracht wurde.

ansprache Die Freude ist übergroß. In einer kurzen Ansprache schließlich wendet sich Netanjahu an das israelische Volk: »Bürger Israels, heute sind wir alle vereint in Freude und Schmerz. Ich wollte unseren entführten Soldaten wiederbringen – und heute ist diese Mission vervollständigt worden«, sagt er bewegt. »Es war eine sehr schwere Entscheidung. Doch als Anführer, der ständig Soldaten schickt, um Israel zu verteidigen, will ich betonen, dass für uns Solidarität nicht nur ein Slogan ist, sondern eines der Prinzipien, auf denen Israel aufgebaut ist.«

»Ich wollte nicht, dass er in einem Loch der Hamas vor sich hinrottet, ich wollte nicht, dass Gilad ein weiterer Ron Arad wird«, machte er klar. Jedoch habe er darauf bestanden, dass die Köpfe der Hamas, darunter die gefährlichsten Terroristen, im Gefängnis bleiben und außerdem, dass die meisten Mörder ins Ausland oder nach Gaza deportiert werden. Er wisse dennoch, dass der Schmerz der Familien, die Liebste verloren haben, unerträglich ist. »Es ist schrecklich, dass diese abgrundtief bösen Menschen frei sind. Es gibt keinen Grund, das zu feiern.«

Gaza Einige Kilometer entfernt versinkt Gaza-Stadt zur selben Zeit in einem grünen, gelben und roten Flaggenmeer der Hamas-Befürworter. Tausende versammeln sich auf den zentralen Plätzen, um die Ankunft der freigelassenen palästinensischen Häftlinge, darunter viele Mehrfachmörder, mit riesigen Paraden, Gesängen und Tanz zu begehen. Angehörige säumen die Straßenränder mit Blumen und Bonbons in den Händen.

Gefangenschaft Gilad ist heute 25 Jahre alt, als er entführt wurde, war er gerade 19. An diesem Tag seiner Freilassung wirkt er zerbrechlich, unter der Uniform scheint er extrem dünn zu sein, sein Gesicht ist knochig, er ist blass und emotional zutiefst aufgewühlt. »Er ist sehr schwach und hat sich nach dem Helikopterflug nicht wohlgefühlt«, erklärt Militärsprecher Yoav Mordechai. »Es werden jetzt umfassende medizinische Tests und Behandlungen durchgeführt, bei denen seine Familie bei ihm ist. Nach den Untersuchungen dann wird er nach Hause geflogen.«

Nach und nach gelangen Details der Gefangenschaft an die Öffentlichkeit. »Gilad beginnt schon zu erzählen, wie es ihm im Gazastreifen ergangen ist«, so Mordechai. Anscheinend hat er nur selten Menschen gesehen, kaum Sonnenlicht, durfte aber wohl Radio hören und vielleicht manchmal auch Fernsehen schauen. Auch über Pläne spricht Gilad schon: Er würde so gern wieder auf die Aussichtsplattform in seinem Heimatort gehen und Vögel beobachten, erzählt er seiner Familie.

In der ganzen Zeit, in der ihr Sohn in einem Gefängnis der Hamas festgehalten wurde, hat seine Mutter Aviva sämtliche Zeitungsartikel und Briefe gesammelt. 90 Boxen sind zusammengekommen. Und alle will sie ihrem Gilad in den nächsten Monaten zeigen. Damit er sieht, dass er nicht einen einzigen Tag vergessen wurde.

Washington D.C.

Trump über Netanjahu: Er hat kein Urteilsvermögen

Der amerikanische Präsident beschwert sich über Israels jüngste Attacken auf Hisbollah-Ziele in der libanesischen Hauptstadt: »Warum musste Bibi einen verdammten Angriff durchführen?«

 15.06.2026

Palästinensische Gebiete

Abbas kündigt Präsidentschaftswahlen für 2027 an

Es wären die ersten seit 20 Jahren

 14.06.2026

Libanon

Israel beschießt Hisbollah in Beiruter Vororten

Nachdem die Terror-Miliz den Norden Israels mit Drohnen angegriffen hat, reagiert die israelische Armee

 14.06.2026

Nahost

Hisbollah beschießt Israel mit Sprengstoff-Drohnen

Nach Drohnenangriffen der Hisbollah auf Israels Norden fordert Finanzminister Smotrich eine härtere Reaktion. Wird Israel jetzt wieder die Vororte Beiruts angreifen?

 14.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Gesellschaft

Erste Frau in IDF-Eliteeinheit Sayeret Matkal

Seit 2024 dürfen auch Frauen in die geheimnisvolle Einheit aufgenommen werden. Nun hat erstmals eine Israelin die harte Aufnahmeprüfung bestanden

von Sabine Brandes  12.06.2026

Knesset

Armeedienst und Torastudium sollen gleichgestellt werden

Trotz des Widerstands der Opposition und einiger Koalitionsmitglieder geht der kontroverse Gesetzesvorschlag durch die erste Lesung

von Sabine Brandes  12.06.2026 Aktualisiert

Tel Aviv

Pride Parade findet trotz Sicherheitsbedenken statt

Erstmals seit den Zeiten vor den Hamas-Massakern vom 7. Oktober 2023 kehrt das Großereignis zurück

 12.06.2026

Wehrpflicht

Massenproteste: Charedim legen Verkehr in Zentralisrael lahm

Die Demonstration richteten sich gegen die Festnahme von 19 Wehrdienstverweigerern nach Ausschreitungen vor dem Haus des stellvertretenden Präsidenten des Obersten Gerichts

 12.06.2026