Terror

Um 6.29 Uhr kam der Horror

Um 6.29 Uhr stoppte die Zeit für immer. Es war die Minute, in der Terroristen der Hamas das Supernova-Musikfestival überfielen, auf dem Tausende Menschen feierten. Sie jagten Partygäste wie Tiere, erschossen sie, prügelten sie zu Tode, vergewaltigten sie und verbrannten sie bei lebendigem Leib. »6.29« ist auch der Titel der erschütternden Ausstellung, die derzeit in Tel Avivs Messe »Expo« an die mehr als 360 Opfer des Open-Air-Festivals erinnert.

Es waren meist junge Leute, die die Nacht in der Natur durchtanzten und das Leben feierten. Sie hatten sich in farbenfrohe Outfits geworfen, die einen trugen Einhorn-Haarreifen, die anderen Sonnenbrillen und Neon-Gesichtsbemalung. Dann kam der Horror.

Die Gedenk-Ausstellung ist eine akribische Nachstellung des Festivals, von der ursprünglichen Schönheit – etwa der Bühne mit schillernden Vorhängen – bis zu den düsteren Überresten des fürchterlichen Blutbads. Gezeigt werden die zerschossenen Toilettenhäuschen neben völlig ausgebrannten Autos bis hin zu den Zelten, die noch immer mit Lichterketten geschmückt sind. Vor einem Eingang liegt ein kleiner Stoffaffe neben einem Schlafsack.

»Eine klaffende Wunde für ein ganzes Volk«

»Diese Stunde ist ein Bruch in der Zeit, eine klaffende Wunde für ein ganzes Volk«, sagte der israelische Präsident Isaac Herzog bei der Eröffnung. Die Gegenstände der Party zeugten vom Schrecken, dem Schock, dem Heldentum und dem Schmerz. »Das Massaker und die tiefe, grauenvolle Wunde, die es verursacht hat, sind das Erbe einer ganzen Generation.«

Die Ausstellungsbesucher durchlaufen komplexe Emotionen, wenn sie entlang der Installationen laufen, die durchgehend in ein Halbdunkel getaucht sind. So wie Inbal Natan, deren Freundin ihre Tochter beim Festival verlor. »Es ist schwer, so schwer. Die Zelte, die Bühne, die Musik … Zu sehen, dass die Leute einfach Spaß hatten, niemandem etwas zuleide getan haben und dann das schlimmste Grauen erleben mussten, was man sich nur vorstellen kann.«

Vor einer Videopräsentation, auf der Fotos der Opfer vorüberziehen, bleibt Inbal Natan stehen. Sie wartet. »Da ist sie«, sagt sie schließlich leise und zeigt auf das Bild einer lächelnden jungen Frau mit brünetten Haaren. »Es bricht mir das Herz. All diese schönen Menschen.« Doch es sei gut, hier zu sein. »Ich fühle mich ihr und allen anderen jetzt sehr nah.«

Erinnerung und Hommage in einem

Die Ausstellung ist sowohl Erinnerung an die viel zu früh gestorbenen Menschen als auch Hommage an die Lust am Leben. Organisiert wurde sie von den Produzenten des Supernova-Festivals in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Die Schau rekonstruiert originalgetreu den Platz, auf dem der verheerende Hamas-Angriff stattfand. Alle Dinge seien direkt vom Festival in die »Expo« gebracht worden, erklärt Yarin Ilovich, der an der Planung und Realisierung beteiligt war.

Da sind die Marktstände, an denen Schmuck, Kleidung und Taschen im Shanti-Stil verkauft wurden, der Tabun-Ofen, auf dem Fladenbrot wärmte, und die Bar, auf der noch immer die nicht ausgetrunkenen Flaschen stehen. Sogar die Tonausrüstung, die Matan Lior, dem Tontechniker des Festivals, gehörte, ist hier aufgebaut. Auch Lior wurde ermordet.

Besonders herzzerreißende Ausstellungsstücke sind die persönlichen Gegenstände, die vom Festivalgelände in der Nähe des Kibbuz Re’im gesammelt wurden und die hier ausgestellt sind. Tische voller Schuhe, Rucksäcke, Sonnenbrillen, Puderdosen und Lippenstifte, ein Schminktäschchen mit dem Aufdruck »Berlin«.

Die Organisatoren laden die Familien der Opfer und Entführten ein und arbeiten eng mit der Polizeieinheit Lahav 433 zusammen, um bei der Identifizierung und Rückgabe persönlicher Gegenstände zu helfen.

»Nova ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die sich weigert, zerstört zu werden.«

Yarin Ilovich

»Wir haben nichts hinzugefügt, sogar der Sand auf dem Boden ist von dort«, sagt Ilovich. Er war der letzte DJ, der in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober auflegte. Videoclips von ihm und anderen lachenden und tanzenden Nachtschwärmern in den letzten Momenten des Festivals werden auf große Leinwände rund um die Bühne projiziert. Im Hintergrund erklingt sanft ein Soundtrack mit speziell kuratierter Trancemusik.

»Nova« ist der Name für drei Psytrance-Festivals, die jedes Jahr in Israel gefeiert werden. Psytrance ist eine Unterkategorie der Trancemusik. »Nova ist mehr als eine Gemeinde. Wir sind ein Stamm, der immer wieder in der Natur zusammenkommt«, sagt Ilovich. »Einer gibt auf den anderen acht. Wir gehören zusammen und leiten einander.«

»We will dance again«

In diesem Sinne ist ein Bereich der Ausstellung dem Heilen der Gemeinschaft gewidmet. Neben Fotos von Besuchern in Rehabilitationszentren steht ein Schild: »Die Welt muss wissen: Nova ist nicht nur eine tragische Geschichte. Es ist auch Beweis für die Resilienz und die Stärke einer Gruppe. Seit diesem verfluchten Schabbat ist der Nova-Stamm durch das Trauma zusammengeschweißt. Seine Mitglieder treffen sich, um physisch und psychisch zu heilen. Nova ist auch die Geschichte einer Gemeinschaft, die sich weigert, zerstört zu werden.«

Am Ausgang ist es plötzlich hell und bunt. An der Wand hängt ein Poster in allen Farben des Regenbogens. »We will dance again« steht in farbigen Buchstaben darauf: »Wir werden wieder tanzen.«

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