Es war der 21. Oktober 2023 und der erste gemeinsame Auftritt der Geiselangehörigen. Unterhalb des Kunstmuseums in Tel Aviv stand eine Gruppe von Israelis, denen man ansah, dass sie nächtelang nicht geschlafen hatten. Sorge stand ihnen tief ins Gesicht geschrieben, einige weinten hemmungslos und umklammerten Plakate. Darauf die Fotos von geliebten Menschen, die verschleppt worden waren.
Genau zwei Wochen zuvor, am 7. Oktober, hatten Tausende von Terroristen aus Gaza, angeführt von der Hamas, israelische Gemeinden im Süden des Landes überfallen und ein unbeschreibliches Blutbad angerichtet. Mehr als 1200 Menschen wurden ermordet, 251 als Geiseln genommen, Tausende verletzt, ein Angriff, der den Krieg im Gazastreifen auslöste.
Shelly Shem Tov stand mitten in der Gruppe der Angehörigen. Vor sich das Poster von ihrem Sohn, einem sanft lächelnden jungen Israeli – Omer. »Jeled Schmesch«, ein Sunnyboy, wie sie ihn später beschreibt. An diesem Abend sagt die Mutter unter Tränen, dass ihr Sohn dringend Medizin brauche. Ohne könne er nicht atmen, denn er sei Asthmatiker. »Er braucht die Medikamente sofort«, ruft sie, schreit sie. »Bitte, er braucht sie. Jetzt!«
Vom Nova-Festival verschleppt
Es sollte 505 Tage dauern, bis die Eltern ihren Sohn wieder in die Arme schließen konnten, als er am 22. Februar 2025 durch ein temporäres Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsabkommen zwischen Israel und der Hamas in Gaza freikam.
Omer Shem Tov war zusammen mit seinen Freunden, den Geschwistern Maya und Itay Regev, vom Nova-Musikfestival in der Nähe des Kibbuz Re’im entführt worden. Die beiden kamen im Rahmen der einwöchigen Waffenruhe und Geiselvereinbarung im November 2023 nach Hause. Der später ermordete Ori Danino, den die drei in der Nacht vor den Massakern kennengelernt hatten, konnte zunächst vor den Hamas-Angriffen fliehen, kehrte jedoch mit einem Auto zurück, um Shem Tov und die Regev-Geschwister zu retten. Dabei wurde er ebenfalls von den Terroristen verschleppt.
»Für die Hamas ist Zerstörung an sich
schon ein Sieg.«
Danino wurde 329 Tage später zusammen mit den israelischen Zivilisten Hersh Goldberg-Polin, Almog Sarusi, Carmel Gat, Eden Yerushalmi und Alex Lobanov von den Kidnappern erschossen. Nach Einschätzung der israelischen Armee (IDF) wurden die sechs hingerichtet, kurz bevor israelische Soldaten sie in einem Tunnel von Gaza erreichen konnten.
Auch Shem Tov wurde nach seiner Entführung in einem Terrortunnel unterhalb der Palästinenserenklave gefangen gehalten. Seine Entführer hätten ihn beschimpft, hungern lassen und bespuckt. Bis auf die ersten 50 Tage, in denen Itay Regev bei ihm war, wurde er völlig allein und oft in völliger Dunkelheit festgehalten. Wenn er an einen anderen Ort gebracht wurde, hätten ihn die Entführer als muslimische Frau verkleidet. Anfangs seien auch seine Hände gefesselt gewesen. Einmal sei er in einem Bottich in den Tunnel hinabgelassen worden.
Seine Entführer hätten ihm auch mit dem Tod gedroht, sollte er sich weigern, bei der Sprengung eines Gebäudes zu helfen, um israelische Soldaten zu töten. »Wenn du es nicht tust, schießen wir dir in den Kopf«, erinnert sich Shem Tov an die Worte der Terroristen. »Ich sagte ihnen: ›Dann schießt mir in den Kopf. Ich habe nicht vor, das zu tun.‹« Nach der Freilassung berichtete er auch, dass es ihm gelungen sei, sich mit seinen Entführern mitunter besser zu stellen, indem er einfache Hilfsarbeiten wie Aufräumen und Putzen im Tunnel verrichtete und sie mit seiner Fröhlichkeit unterhielt. Dabei sei die schier endlose Zeit in Gefangenschaft alles andere als »fröhlich« gewesen, erzählt der junge Mann in seinem Buch Meeting Myself in Hell, das im August 2025 erschienen ist.
Auch Angst vor israelischen Bomben
In einem aktuellen Gastbeitrag in der US-Zeitung »Wall Street Journal« schreibt er, dass er 505 Tage ein Naza gewesen ist (das hebräische Akronym für »nezek agavi«), ein »Kollateralschaden«. Weil er weiß, wie das ist, bereitet ihm der Dokumentarfilm NAZA Unbehagen (vgl. Seite 18). Der Streifen wurde bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet und erhielt 25 Minuten lang stehende Ovationen. NAZA schildert einen Krieg, in dem palästinensische Zivilisten unnötig, ja sogar gezielt von der IDF getötet werden. Was diesen Krieg in den Gazastreifen gebracht hat – die Massaker und die Geiselnahmen der Hamas –, wird weitgehend ausgeblendet.
Die meiste Zeit seiner Geiselhaft sei Shem Tov in aktiven Kampfgebieten festgehalten worden. Dabei habe es vieles gegeben, wovor er Angst hatte: »Hunger. Meine Entführer. Die Angst, meine Familie nie wiederzusehen.« Doch er fürchtete auch die israelische Luftwaffe. Denn die Piloten über ihm hatten keine Ahnung, wo er sich befand. Wenn seine Entführer einen Angriff erwarteten, flohen sie manchmal und ließen ihn allein zurück. Wäre er durch eine israelische Bombe getötet worden, hätte die Hamas gleich doppelt gewonnen: »Ich wäre tot gewesen, und Israel hätte die Verantwortung getragen.«
Einer seiner Entführer habe ihm einmal erzählt, dass seine Mutter einen Anruf erhalten habe, in dem sie gewarnt worden sei, ihr Haus zu verlassen, da ein israelischer Angriff sie gefährden könne. Der Anruf kam von der IDF. Die Hamas wusste, wo Shem Tov war, und ließ ihn – dem Tod ausgesetzt – zurück. Israel kannte zwar seinen Aufenthaltsort nicht, aber den der Mutter seines Entführers, und rief an, um sicherzustellen, dass sie nicht versehentlich getötet würde. »Da war ich nun – entführt, ausgehungert und von ihrem Sohn gefoltert, während meine Armee versuchte, seine Mutter am Leben zu erhalten.«
Die Massaker und die Geiselnahmen der Hamas werden weitgehend ausgeblendet
Israel habe ihn zurückholen wollen, so Shem Tov weiter, »aber nicht um jeden Preis«. Zwischen Israel und der Geisel befanden sich palästinensische Zivilisten. Also warf Israel Flugblätter ab, verschickte Nachrichten, tätigte Anrufe und ordnete Evakuierungen an. Man versuchte, »NAZA«, den Kollateralschaden, so gering wie möglich zu halten.
Shem Tov hat auch gesehen, was der Tod für die andere Seite bedeutete. Eines Tages feierten seine Entführer, nachdem Hamas-Kämpfer israelische Soldaten getötet hatten. Am nächsten Tag bombardierte Israel das Gebiet, in dem er gefangen gehalten wurde. Die Explosionen folgten im Abstand von etwa zehn Sekunden aufeinander. Er hatte schreckliche Angst. Der Terrorist neben ihm war begeistert. Für ihn war jede Explosion ein Beweis für den Erfolg: »Seht nur, wozu wir Israel gebracht haben. Seht, wie sehr wir ihnen geschadet haben.« In diesem Moment habe er begriffen: »Für die Hamas ist Zerstörung an sich schon ein Sieg. Solange es auf der einen oder anderen Seite Tote gab, war es für die Hamas ein Gewinn.«
Genau aus diesem Grund irritiert ihn der Dokumentarfilm NAZA. Nicht, weil er das Leid der Palästinenser zeigt. »Dieses Leid ist real und muss gesehen werden«, stellt Shem Tov klar. Ihn schmerze, dass der Film sein Leid, das der Geiseln, nicht zu sehen scheine. »Er sieht das Leid im Gazastreifen, aber nicht das, was den Krieg dorthin gebracht hat«: die Ermordung von Familien am 7. Oktober, die Menschen, die aus ihren Häusern und von einem Musikfestival nach Gaza verschleppt wurden.
Moralisch fragwürdig
Für die Filmemacher scheine all das kein moralisches Dilemma darzustellen, resümiert er. »In dieser Geschichte bin wohl auch ich ein ›Kollateralschaden‹ – eine jüdische Geisel, die man in einem Hamas-Tunnel hätte verrotten lassen oder an der Seite seiner Freunde vom Nova-Festival hätte ermorden können.« Der Kampf um seine Befreiung und zum Schutz Israels werde als moralisch fragwürdig dargestellt.
»Militärische Stärke, Waffen und Technologie sind wichtig«, schreibt Shem Tov weiter. Doch die Verteidigungsfähigkeit einer Gesellschaft müsse auf etwas Einfacherem beruhen: »der moralischen Gewissheit, dass sie das Recht dazu hat, sie einzusetzen«. Für ihn ist klar, dass es nie wieder einen 7. Oktober geben darf. Israel habe das Recht, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschehe. »Und wir sollten uns dafür nicht schämen.«
Heute ist Omer wieder zu Hause. Eine traumatisierende Gefangenschaft liegt hinter ihm. Das Foto auf dem Plakat gibt es noch. Aber inzwischen kann er selbst die Geschichte des jungen Mannes erzählen, der auf dem Bild zu sehen ist.