Israel

Überleben nach dem Terror

Lilach Almog Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Wann immer Lilach Almog aus dem Haus geht, fällt ihr Blick auf Orte des Terrors. Gebäude voller Einschussnarben, eine Polizeiwache, die Hamas-Terroristen gestürmt hatten. Ein Jahr nach dem Angriff vom 7. Oktober ist in Almogs Heimatort im Süden Israels nichts mehr, wie es vorher war.

»Jede Ecke ist zu einer Gedenkstätte geworden«, sagt die 37-Jährige. »Selbst wenn man es für eine Weile vergessen will, kann man es nicht. Wenn man draußen auf die Mauer schaut, wird man wieder an alles erinnert.« Daran, wie die Hamas-Terroristen die Ortschaften stürmten, geliebte Menschen töteten und verschleppten. Wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner in Schlafzimmern, Schutzräumen oder wo auch immer versteckten und später erfahren mussten, wer alles tot oder verschwunden war.

Lilach Almog, 37, Sderot

Lilach Almog war am 7. Oktober zu Hause. Nach dem Kreischen der Luftschutzsirenen hatte sie sich in den Schutzraum ihrer Wohnung geflüchtet und verfolgte aus dem Fenster, wie Dutzende Männer mit Panzerfäusten auf den Schultern die Straße entlangliefen. Sie griffen die Polizeiwache gegenüber an, stürmten sie und setzten sich dort fest, bevor die israelischen Streitkräfte vorrückten und das Gebäude mit einem Bulldozer zerstörten. Mehr als 30 Einwohner und Polizisten wurden allein im Umkreis der Wache getötet.

Almog floh mit ihren Kindern und ihrer Mutter aus Sderot und lebte acht Monate lang in einem Hotel in Tel Aviv. Als die staatliche Unterstützung im August auslief, war sie gezwungen, nach Sderot zurückzukehren und sich den direkten Erinnerungen an den 7. Oktober 2023 zu stellen.

Die Ängste des zurückliegenden Jahres hätten sie so überwältigt, dass sie nicht mehr ihrem Beruf nachgehen könne, sagt die Architektin und Innenausstatterin. Ihr neunjähriger Sohn begann, das Bett zu nässen. Die elfjährige Tochter weigert sich, ohne die Mutter irgendwohin zu gehen.

»Solange der Krieg noch andauert, gibt es keine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, wieder normal zu leben«, sagt Almog. »Die Geiseln sind noch dort. Wir haben immer noch Alpträume. Es gibt kein Ende.«

Siv Abud, 27, Besucherin des Nova-Musikfestivals

Siv Abud war zum Zeitpunkt der Angriffe auf dem Nova-Musikfestival unweit des Gazastreifens. Auf der Flucht vor den Terroristen stieß sie auf einen Luftschutzkeller am Straßenrand und wähnte sich in Sicherheit vor dem Beschuss. »Jetzt wissen wir, dass der Unterschlupf, den wir aufsuchten, praktisch wie eine Todesfalle war«, sagt Abud heute.

Fast 30 Menschen hatten sich in dem Betonunterstand, der für etwa zehn Personen gedacht war, zusammengepfercht. Als Hamas-Terroristen ihn fanden, begannen sie, Granaten zu werfen. Eine habe ins Innere getroffen und etwa die Hälfte der Geflüchteten sofort getötet, sagt Abud. Dann hätten die Angreifer andere als Geiseln genommen und den Unterstand mit Kugeln beschossen. 

Abud überlebte, geschützt durch die Körper über ihr. Neben sich fand sie später die Leichen ihres Neffen und seiner Freundin. Von ihrem Freund Elija Cohen fehlte jede Spur. Er wurde entführt, wie drei weitere aus dem Unterschlupf. Seitdem dreht sich für Abud alles um sein Schicksal. »Ich denke weniger über mein eigenes Trauma nach, nur wie ich Elija nach Hause bringen kann.«

Schlomo Margalit, 86, und Hanna’le Margalit, 79, Kibbuz Nir Oz

Schlomo und Hanna’le Margalit können immer noch nicht begreifen, wie sie es geschafft haben zu überleben. Alle aus ihrer Nachbarschaft verloren ihr Leben oder wurden entführt – insgesamt gab es im Kibbuz Nir Oz mit seinen etwa 400 Bewohnern 42 Tote, 75 Menschen wurden verschleppt.

Auch in das Haus der Margalits drangen die Hamas-Terroristen ein, mehrfach. Allerdings nicht in den Schutzraum, in dem sich das Ehepaar versteckt hatte. Die beiden, die den Kibbuz mitgegründet hatten, leben jetzt in einer provisorischen Unterkunft eine Stunde nordöstlich.

Ihr Lebenswerk wurde bei dem Angriff verwüstet. »Ich kann immer noch nicht darüber nachdenken, was alles verloren gegangen ist. Ich denke, das wird bei mir erst viel später kommen«, sagt Hanna’le Margalit. »Im Moment gilt die ganze Kraft und Arbeit dem Überleben, sich an einen neuen Ort zu gewöhnen, zu hoffen, dass die Geiseln nach Hause kommen.«

Schlomo Margalit fährt etwa einmal pro Woche in den Kibbuz, um sich um den Friedhof zu kümmern, wie er dies auch schon vor dem Terror-Tag tat. Aber jetzt sind es viele Gräber mehr. Opfer für Opfer gedenkt Margalit der Toten: Immer, wenn er in Nir Oz ist, geht er zu dem zerstörten Haus eines Getöteten und nimmt Abschied. Es seien viel zu viele, um sich von allen auf einmal zu verabschieden, sagt er. »Es ist zu traurig und zu schwer. Es ist unmöglich.«

Liat Azili, 50, ehemalige Geisel, Kibbuz Nir Oz

Zu jenen, die aus Nir Oz entführt wurden, gehört Liat Azili. 54 Tage war sie in Hamas-Geiselhaft, bevor sie im Rahmen einer vereinbarten Feuerpause im November freikam. Sie stieg schnell wieder in ihren Beruf als Lehrerin ein: »Ich fühle mich im Klassenzimmer am wohlsten und am leichtesten, und es ist das, was für mich am natürlichsten ist«, sagt die 50-Jährige. Damit könne sie an das Leben vor dem 7. Oktober 2023 anknüpfen: »Es ist eine echte Verbindung zu dem, wie ich früher war und wie mein Leben früher aussah.«

Für die Zukunft aber sieht sie nur Chancen in einer umfassenden Friedenslösung: »Die israelischen Juden wünschen sich sozusagen, dass die Palästinenser irgendwie verschwinden, und die Palästinenser wünschen sich sozusagen, dass die Juden irgendwie verschwinden, aber das wird nicht passieren«, sagt Azili.

»Niemand wird irgendwo hingehen. Wir müssen uns nicht lieben, aber wir müssen miteinander auskommen, und wir müssen einen Weg finden, dass alle hier in Sicherheit leben können.«

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