Diplomatie

»Thank you, Mr. President!«

Obwohl sich Israel im Kriegszustand befindet, reiste US-Präsident Joe Biden am 18. Oktober nach Tel Aviv – eine Premiere. Foto: Flash 90

Einer der am meisten verbreiteten Posts von Israelis in den ersten Tagen nach den Hamas-Massakern war der: »Thank you, Mr. President.« Die Kommentarspalten waren mit roten Herzen und Dankesbekundungen gefüllt, die sich an Joe Biden richteten. Denn der Präsident der Vereinigten Staaten hatte nach dem 7. Oktober mit seiner Empathie den Nerv der israelischen Bevölkerung getroffen.

So hatte er in seiner emotionalen Rede gesagt: »Es gibt Momente in diesem Leben – und das meine ich wörtlich –, in denen das pure, unverfälschte Böse auf dieser Welt losgelassen wird. Einen solchen Moment erlebte Israel an diesem Wochenende.« Leider sei es für das jüdische Volk nichts Neues. »Dieser Angriff hat schmerzhafte Erinnerungen und Narben an die Oberfläche gebracht, die jahrtausendelanger Antisemitismus und Völkermord am jüdischen Volk hinterlassen haben. Deshalb müssen die USA in diesem Moment ganz klar sagen: ›Wir stehen an der Seite Israels.‹«

Der erste Besuch eines US-Präsidenten in Kriegszeiten

Wenige Tage darauf, am 18. Oktober, landete die Air-Force-One-Maschine mit Biden an Bord auf dem Ben-Gurion-Flughafen – der erste Besuch eines US-Präsidenten in Israel zu Kriegszeiten überhaupt. »Das ist zutiefst bewegend«, bescheinigte Premierminister Benjamin Netanjahu. »Ich glaube nicht, dass man Jude sein muss, um Zionist zu sein«, ließ der amerikanische Präsident das Land wissen. »Ich bin ein Zionist.«

Neben der emotionalen Anteilnahme kommt die militärische Hilfe dazu.

»Dieser Satz ist wirklich außergewöhnlich und hat alle Israelis zutiefst beeindruckt«, ist sich Jacob Dayan sicher. Er war 18 Jahre lang hochrangiger Diplomat für Israel und diente zweimal in den USA. »Der Besuch von Biden hat die Menschen regelrecht aufgebaut. Er war wie ein Vater, der kam, um seine trauernden Kinder zu trösten.« Dayan verfolgt die Beziehungen der beiden Länder seit Jahrzehnten, »doch eine derart unerschütterliche Unterstützung aus den USA habe ich noch nie erlebt«. Neben der emotionalen Anteilnahme gehören auch die militärische Hilfe und der diplomatische Schirm, den die USA über Israel ausbreiteten, dazu.

Biden engagiere sich persönlich, das Schicksal der Geiseln zu klären und die humanitäre Lage in Gaza zu verbessern. »Auch, weil die USA Israel in internationalen Foren verteidigen müssen.« Aus dem Weißen Haus hieß es am Sonntag, dass Netanjahu zugestimmt habe, den »kontinuierlichen Fluss« internationaler Hilfe aus Ägypten nach Gaza zuzulassen. Es gab keine unmittelbare Bestätigung von israelischer Seite, aber eine Bestätigung aus dem Büro des Ministerpräsidenten.

Einen weiteren Beweis dafür, dass die USA ohne Wenn und Aber an Israels Seite stehen, sieht Dayan in der Sprache: Nachdem Netanjahu Biden signalisierte, es sei ein »erreichbares Ziel« in dem Krieg, die Hamas auszuradieren, habe der US-Präsident genau diese Worte zitiert. Zwar würde in Kriegen nicht immer alles erreicht, schränkte er ein, »doch dass er diesen Satz überhaupt ausspricht, bedeutet eine absolute Unterstützung Israels«. Als Russland in den Vereinten Nationen eine Resolution einbrachte, dass es einen sofortigen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas geben müsse, legten die USA sofort ein Veto ein.

USA verlagern Kriegsschiffe und Flugzeuge

Nur wenige Stunden nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober begannen die USA, Kriegsschiffe und Flugzeuge in die Region zu verlegen, um Israel mit allem versorgen zu können, was es zu seiner Verteidigung braucht. Mehrere Lieferungen amerikanischer Waffen und Ausrüstung sind schon eingetroffen, und in den USA bereiten sich Militäreinheiten auf eine mögliche Verlegung vor.

Ein US-Flugzeugträger und seine Angriffsgruppe befinden sich bereits im östlichen Mittelmeer, ein zweiter ist auf dem Weg. Zahlreiche Flugzeuge wurden zu US-Militärstützpunkten im Nahen Osten entsandt. Die Kriegsschiffe, insbesondere die Flugzeugträger mit ihren Kampfjets und Überwachungsflugzeugen, haben sich in der Vergangenheit als wirksame Abschreckung gegen den Iran und andere militante Akteure in der Region erwiesen. Amerikanische Spezialeinheiten arbeiten bei Planung und Aufklärung mit dem israelischen Militär zusammen.

Der Aufmarsch spiegele die wachsende Besorgnis der USA wider, dass die Kämpfe zwischen Hamas und Israel zu einer größeren Auseinandersetzung eskalieren könnten. »Denn Biden versteht ganz genau, dass dieser Konflikt weit über die Grenzen von Israel und Gaza hinausgeht.«

»Bislang hat die Hisbollah die rote Linie nicht überschritten«, so der Experte.

»Bislang hat die Hisbollah die rote Linie nicht überschritten«, so der Experte. »Noch nicht.« Dazu kämen die Botschaften aus dem Iran. Der Konflikt könnte sich zu einem regionalen Krieg entwickeln, der sogar Russland, China und Nordkorea betrifft. Denn Waffen, die die Hamas bei den Massakern benutzte, kamen genau aus diesen Ländern. Die Hauptaufgabe amerikanischer Schiffe und Kampfflugzeuge bestehe also darin, eine große und sichtbare Präsenz aufzubauen, die die Hisbollah, den Iran oder andere davon abhält, die Situation auszunutzen.

Es sei das erste Mal, dass die USA eine eindeutige Botschaft der militärischen Abschreckung an die Iraner senden. »Wir hatten bereits in der Vergangenheit bei anderen Auseinandersetzungen darum gebeten, doch immer eine Absage bekommen«, so Dayan.

Umso besser, dass »Bidens Worten jetzt auch Taten folgen«. Darüber hinaus habe der Präsident in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass die USA nicht zögern würden, ihre Kräfte einzusetzen, wenn eine weitere Front eröffnet wird. »Und Biden meint, was er sagt.« Dieses Wissen, resümiert Dayan, ist ein »absoluter gamechanger«.

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