Eurovision Song Contest

Streit und kein Ende

Ob in Haifa, Tel Aviv oder Jerusalem: Netta wird wieder auftreten. Foto: imago/ZUMA Press

Eurovision Song Contest

Streit und kein Ende

Der Gesangswettbewerb gerät in Israel immer mehr zum Politikum – auch ohne Boykottdrohungen

von Sabine Brandes  19.06.2018 00:04 Uhr

Auf den Bühnen der Welt glitzert und blinkt es, wenn Netta Barzilai über die Bühne fegt. Die Gewinnerin des Eurovision Song Contest (ESC) 2018 jettet dieser Tage um die Welt, um ihren Hit »Toy« zu präsentieren. Sardinien, London, Zürich – überall wird die quirlige Sängerin von Fans umjubelt. Natürlich am meisten zu Hause. Doch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Die geplante Austragung des Gesangswettbewerbs im kommenden Jahr ist zu einem Politikum geworden, das immer weitere Kreise zieht.

Allen voran sorgte Sport- und Kulturministerin Miri Regev in den vergangenen Wochen immer wieder mit kontroversen Äußerungen für Verstimmung. Zuerst erklärte sie, dass Israel den Wettbewerb gar nicht austragen solle, wenn er nicht in Jerusalem stattfindet.

rundfunkunion Die Europäische Rundfunkunion (EBU), die den ESC organisiert, warnte anschließend vor der Politisierung der Show. Auch sorgen sich viele über internationale Boykottdrohungen. Doch ihr Beharren auf der Hauptstadt hatte Regev bereits vor Kurzem politischen Wirbel beschert. Allerdings nicht den positiven, den sie sich erhofft hatte.

Ein geplantes Freundschaftsfußballspiel zwischen Israel und Argentinien wurde von den Südamerikanern abgesagt, nachdem es ein Hin und Her um den Austragungsort gegeben hatte. Regev und Netanjahu hatten darauf bestanden, dass das Spiel von Haifa nach Jerusalem verlegt wird, und die Ministerin wollte ein gemeinsames Bild mit Star-Spieler Lionel Messi. Daraufhin drohten extremistische Palästinenser mit Gewalt – und die Kicker sagten ab. Die Buh-Rufe der Fans waren nicht zu überhören. Netanjahu hatte, was den ESC betrifft, seine Lektion offenbar gelernt – Regev nicht.

Dabei hatte die EBU nach einem Bericht der Nachrichtensendung Chadaschot in einem Schreiben deutlich gemacht: »Entsprechend der Regeln müssen uns mehrere Alternativen für einen Ort angeboten werden. Doch wir haben kein Problem mit Jerusalem, soweit es den professionellen Anforderungen entspricht.« Dazu gehören unter anderem die entsprechende Größe einer Veranstaltungshalle, relative Nähe zu einem Flughafen, eine ausreichende Zahl an Hotelzimmern und anderes. »Wir haben in der Vergangenheit aus Jerusalem übertragen und, sofern es uns betrifft, können wir es wieder tun«, stand geschrieben.

arabisch Der Ministerin schien das nicht genug: Nur wenige Tage später verkündete sie, dass sie die Programmteile zwischen den Liedern beim ESC kontrollieren wolle. Diese zeigen gewöhnlich die teilnehmenden Künstler in verschiedenen Städten, Gegenden oder Situationen des gastgebenden Landes. Natürlich wird dies als strategische Werbemaßnahme genutzt.

Die Ministerin argumentierte, dass die für die Austragung verantwortliche öffentlich-rechtliche Sendeanstalt, Kan, dieser Aufgabe nicht gewachsen sei. Der Grund sei ein Mangel an Vertrauen. Denn, führte Regev aus, deren Ansagerin, die arabische Israelin Lucy Ayoub, habe Arabisch gesprochen.

Regev behauptete, dass Ayoub die Zuschauer bei der vergangenen Eurovision in Portugal bei der Zuschaltung aus Israel zuerst auf Arabisch begrüßt hatte. »Sie sagte ›Ahlan va Sahlan‹«, entrüstete sich Regev, »bei uns aber sagt man Schalom.« Die Worte der Ministerin ließen sich leicht widerlegen. Die Ansagerin hatte die Zuschauer zunächst auf Englisch, dann auf Hebräisch begrüßt und fügte erst anschließend einige Worte auf Arabisch (»Hallo und guten Abend, Europa«) hinzu. Fans forderten daraufhin: »Miri, verschwinde aus unserer Eurovision!«

Machtwort Doch es brauchte den Premier, um ein Machtwort zu sprechen. Benjamin Netanjahu, der nach Barzilais Rückkehr aus Portugal gemeinsam mit der Künstlerin den Chicken-Dance tanzte, machte seiner Ministerin einen Strich durch die Rechnung. In einem Telefonat mit Finanzminister Mosche Kachlon, Kommunikationsminister Ayoub Kara sowie dem Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit beschloss man, dass sämtliche Kommunikation mit den Organisatoren der Eurovision ausschließlich Kan übernehmen dürfe. Regev war nicht am Telefon.

Chadaschot berichtete zudem, dass Mitarbeiter der EBU israelische Politiker gewarnt haben sollen, sie sollten besser von öffentlichen Aussagen darüber, wo der Wettbewerb ausgetragen wird, Abstand nehmen, um die Angelegenheit nicht noch weiter zu politisieren. Kurz darauf verkündete Netanjahu, dass sich die Regierung nicht mehr einmischen wolle und nicht auf Jerusalem als Austragungsort bestehe. Jetzt stehen neben Jerusalem die Städte Tel Aviv, Haifa und Eilat zur Debatte.

Doch nur Stunden später sahen die israelischen Fans neue dunkle Wolken am ESC-Himmel aufziehen. Die europäischen Organisatoren erklärten, dass Israel gänzlich aus der Europäischen Rundfunkunion ausgeschlossen werden könnte, sollte die Sendeanstalt Kan zweigeteilt werden. Das nämlich ist eine Forderung der Regierung, die derzeit vom Obersten Gericht debattiert wird. Kan soll demnach in eine Unterhaltungs- und eine Nachrichtensparte aufgesplittet werden. Die Mitgliedschaft in der EBU aber ist Grundvoraussetzung für die Teilnahme und die Austragung des Wettbewerbs.

Gericht Den Brief von EBU-Chef Noel Curran an den Vorsitzenden von Kan, Gil Omer, und dessen Generaldirektor, Eldad Koblenz, veröffentlichte die Wirtschaftszeitung »The Marker« am Montag. Darin steht, die EBU könnte Vorbehalte gegen die israelische Mitgliedschaft haben, sollte die Rundfunkanstalt aufgeteilt werden. Bis zu einer diesbezüglichen Entscheidung ist Israel lediglich vorläufiges Mitglied. Der Bericht wurde nur kurz vor einem geplanten Treffen zwischen Netanjahu, Regev sowie Kommunikationsminister Ayoub Kara und Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit veröffentlicht.
Die Pläne für den Sender Kan könnten Israels EBU-Mitgliedschaft gefährden.

Die trafen sich daraufhin in Windeseile, und Netanjahu beeilte sich zu verkünden, dass die Regierung in Übereinstimmung mit den Regeln der EBU handeln werde. »Alle offenen juristischen Angelegenheiten in Sachen Eurovision aber obliegen dem Gericht. Der Premierminister hat angewiesen, dass die rechtlichen Belange untersucht werden, bevor eine Entscheidung getroffen wird«, lautete die Erklärung aus dem Büro des Premiers. Im Klartext heißt es, dass Netanjahu seinen Generalstaatsanwalt gebeten hat, die EBU direkt zu fragen, ob Israels Mitgliedschaft tatsächlich aufgehoben würde, sollte die Sendeanstalt geteilt werden.

Doch offenbar schlägt in der Brust des Ministerpräsidenten das Herz eines echten ESC-Fans. Denn eines machte er klar: Sollte die Antwort der EBU lauten, dass Israel ausgeschlossen werden könnte, dann werde die Regierung alles tun, damit der ESC doch in Israel stattfinden wird.

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