Politik

Streit um die Sitzordnung

Motti Steinmetz ist ein israelischer Sänger, den selbst in Israel bislang nur wenige kannten. Doch plötzlich befasste sich Mitte August das ganze Land mit seinem Konzert in der kleinen 40.000-Einwohner-Stadt Afula: Minister, das Oberste Gericht, die Medien. Sogar über die Landesgrenzen hinaus machte Steinmetz Schlagzeilen.

Um Musik ging es dabei allerdings nicht, sondern um die Sitzordnung im Publikum: Männer und Frauen sollten beim Konzert des ultraorthodoxen Sängers getrennt sitzen. Besonders brisant: Es war die Stadt Afula, die dieses Konzert organisierte. Kommunal verordnete Geschlechtertrennung also. Das israelische Frauennetzwerk lief Sturm, sah das Prinzip der Gleichheit verletzt und zog vor Gericht.

Was folgte, war ein tagelanges Tauziehen darum, wie das Publikum bei dem Konzert zu sitzen hatte. Auch die ultraorthodoxe Schas-Partei schaltete sich ein. Am Ende entschied das Oberste Gericht, dass die Geschlechtertrennung nicht rechtmäßig sei. Zu spät: Das Konzert war da längst in vollem Gange, Männer und Frauen saßen getrennt.

REGELN Der Fall ist auch deshalb so umstritten, weil Motti Steinmetz vor allem Fans in der streng religiösen Gemeinde hat, bei all jenen, die sich an die Mizwot halten, den Schabbat heiligen und eine Geschlechtertrennung nicht nur auf Konzerten befürworten, sondern auch ihr restliches Leben danach ausrichten: Ultraorthodoxe Männer und Frauen geben sich noch nicht einmal die Hand, wenn sie weder verwandt noch verheiratet sind. Warum also sollte ein Konzert, das sich ausschließlich an sie richtet, nicht auch nach ihren Regeln ausgerichtet werden?

Der Fall zeigt, wie angespannt die Lage im Land mittlerweile ist, wenn es um religiöse Zwänge und den Einfluss der Charedim geht. Denn ihre Gemeinschaft wächst und mit ihr die Sorge vieler Säkularer, dass ihr Lebensstil in Gefahr ist.

Die Geburtenrate der Charedim ist hoch, derzeit sind rund zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung Israels charedisch.

Die Geburtenrate der Charedim ist hoch, derzeit sind rund zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung Israels charedisch. Bis 2039 sollen es Prognosen zufolge 19 Prozent sein. Immer wieder streitet das Land um Bauarbeiten, öffentliche Verkehrsmittel und Ladenöffnungszeiten am Schabbat, um Geschlechtertrennungen in Bussen und den Einfluss des ultraorthodox dominierten Rabbinats.

Stärker als je zuvor rückt das Thema in den Mittelpunkt der Politik. Die Koalitionsverhandlungen im Mai sind auch deshalb gescheitert, weil sich die Parteien nicht einigen konnten, wie Charedim künftig in die Armee integriert werden sollen. Bislang sind sie vom Pflichtdienst befreit, sie dürfen sich auf das Studium an den Talmudschulen konzentrieren. Säkulare Israelis empfinden das zunehmend als ungerecht.

Gilad Kariv, Geschäftsführer der Bewegung für Reform- und Progressives Judentum, sagte jüngst, die Neuwahl sei der Beleg dafür, dass die Themen Religion und Staat für die Wähler wichtig sind. Er selbst tritt für das Demokratische Lager an; seine Chancen auf den Einzug in die Knesset sind allerdings gering.

INTERESSEN Es sind vor allem die beiden Spitzenpolitiker Avigdor Lieberman von Yisrael Beiteinu und Yair Lapid, Co-Vorsitzender vom Bündnis Blau-Weiß, die sich säkulare Interessen auf die Fahnen geschrieben haben.

»Es darf nicht sein, dass das Innenministerium weiterhin in den Händen der Schas-Partei ist«, wetterte Lieberman bereits 2018, nachdem Innenminister Arie Deri ein Gesetz durchboxte, wonach Städte nur noch dann Öffnungsgenehmigungen für den Schabbat erteilen dürfen, wenn das Innenministerium zustimmt. »Ich bin der Erste, der es ablehnt, Läden am Schabbat in Bnei Brak zu öffnen. Aber sie in Aschdod, Eilat, Rosch Pina zu schließen, das ist verrückt.« Auf einem seiner Wahlplakate ist der Slogan zu lesen: »Make Israel normal again«.

Tatsächlich hat es Lieberman Umfragen zufolge geschafft, mehr Wähler für sich zu gewinnen: Zwischen neun und elf Sitze könnte seine Partei erreichen. Bislang ist sie mit fünf Abgeordneten im Parlament vertreten. Er hat angekündigt, in keine Koalition mit den Ultraorthodoxen einzutreten. Stattdessen hat er mit dem Bündnis Blau-Weiß eine Vereinbarung unterzeichnet, wodurch überschüssige Stimmen, die nicht für einen weiteren Sitz ausreichen, zusammengelegt werden – für ein weiteres Mandat. Lieberman plädiert für eine große Koalition – ohne die Religiösen.

Ein weiteres Konzert in Haifa wurde inzwischen abgesagt.

Doch auch die Religiösen haben sich im Wahlkampf in Stellung gebracht und vertreten ihre Ziele vehement: Arie Deri nutze das umstrittene Konzert in Afula zu Wahlkampfzwecken und hielt bei der Veranstaltung eine Eröffnungsrede, bei der er gegen Yair Lapid wetterte. Bezalel Smotrich, der nationalreligiöse Politiker des neuen Rechtsbündnisses Jamina, sprach nach der ersten Gerichtsentscheidung, die Geschlechtertrennung beim Konzert in Afula aufzuheben, von einem »blöden Justizsystem« und »fundamentalistischer progressiver Dummheit«. Smotrich, seit Juni Verkehrsminister, plädiert mittlerweile sogar dafür, das Justizsystem nach den Regeln der Tora auszurichten. Dafür würde er gerne das Justizministerium übernehmen.

VERBOTE Tatsächlich sind viele Israelis für Veränderung – allerdings in die andere Richtung. Laut einer Umfrage des Demokratie-Instituts befürworten 60 Prozent der Befragten öffentliche Verkehrsmittel am Schabbat, beinahe genauso viele wünschen sich die Einführung der Zivilehe. Fast 70 Prozent sind für den Pflichtdienst in der Armee für Ultraorthodoxe.

Wahlentscheidend sind diese Themen aber – noch – nicht: Nur gut 15 Prozent ist das Thema Religion so wichtig, dass sie ihre Wahlentscheidung danach ausrichten. Noch immer sind vor allem die Themen Sicherheit, Wirtschaft und Soziales ausschlaggebend.

Dennoch: Der Streit um den Einfluss der Religion auf den Alltag in Israel bleibt – und könnte in den kommenden Monaten sogar zunehmen. Auch Motti Steinmetz bekommt das nun stärker zu spüren. Am Sonntag geriet der bislang fast nur in ultraorthodoxen Kreisen bekannte Musiker wieder ins Licht der Öffentlichkeit.

Diesmal ging es um ein Konzert zusammen mit Mordechai Ben David in Haifa, bei dem Frauen gleich ganz draußen bleiben sollten. Ein Konzert nur für Männer – mitfinanziert von der Stadt Haifa. Doch diesmal kam die Gerichtsentscheidung noch rechtzeitig: Das Konzert durfte nicht stattfinden.

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