Messer-Attacken

Ständig in Gefahr

Jeden Freitagnachmittag wabern ganz besondere Düfte durch die Luft. Immer dann, wenn die israelischen Mammes am Herd stehen und das Schabbatessen für ihre Familien kredenzen. Dieser Tage fügen sie noch eine extra Prise Liebe hinzu, wenn sie die Leibspeisen ihrer Töchter und Söhne kochen, die übers Wochenende von der Armee nach Hause kommen.

Denn seit Beginn der Messerattacken vor einigen Wochen sind es vor allem Soldaten, die immer wieder im Visier der Terroristen sind. Noch immer gibt es nahezu täglich Nachrichten von Anschlägen, hauptsächlich im palästinensischen Westjordanland.

»Lone Soldier« Boris Liven kennt das: raus aus der Uniform, rauf aufs Sofa und sich auf das gute Essen freuen. Der 19-jährige gebürtige Kölner ist Fallschirmjäger in der Kampfjägereinheit Bataillon 202. Zwar bekocht ihn derzeit nicht seine eigene Mutter, denn Boris ist ein »lone soldier« – also als Soldat mit nur einem oder keinem Familienmitglied in Israel. Dennoch weiß er, was er am Wochenende zum Entspannen braucht: »Gutes Essen und ein bisschen normales Leben wie Freunde treffen oder Fußballspielen gehen. Das ist wirklich, was zählt, um auf andere Gedanken zu kommen.«

Denn normal ist das Leben in der Uniform in Israel momentan selten. Seit Wochen bedrohen Anschläge von extremistischen Palästinensern Leben und Gesundheit der Soldaten. Boris fühlt sich trotz der zahlreichen Attacken sicher in Israel. »Ich glaube, sonst würde ich das Ganze hier nicht machen.« Obwohl er gerade einmal 19 Jahre alt ist, hat der junge Mann aus Deutschland seine Rolle als Soldat ganz verinnerlicht. »Wir wollen die Israelis schützen und natürlich auch selbst in Sicherheit sein«, sagt er mit Überzeugung in der Stimme.

zielscheibe Fühlt er sich nicht dennoch als wandelnde Zielscheibe in Olivgrün, zum Beispiel wenn er von der Kaserne nach Hause fährt? »Ganz ehrlich, ich denke gar nicht viel daran«, meint Boris. Denn der Armeealltag sei so mit Terminen vollgepackt, dass man immer abgelenkt sei. Keine Zeit für Angst? »Vielleicht klingt das komisch, aber die habe ich tatsächlich wenig.«

Natürlich gebe es eine erhöhte Alarmbereitschaft bei den Soldaten. Auch hat die Militärführung neue Regeln und Anweisungen erlassen, wie sie sich selbst und die Zivilisten in ihrem Umfeld schützen sollen. So ist für Boris und seine Kameraden derzeit Musik in den Ohren tabu. Kopfhörer sind nicht erlaubt, damit nicht eventuell ein Anschlag durch den Lieblingssong zu spät bemerkt wird. Auch einnicken dürfen die jungen Frauen und Männer nicht – etwa im Bus. Sie müssen wachsam sein und die »Augen aufhalten«, heißt es. Boris stöhnt: »Also kein Nickerchen mehr, egal, wie müde ich bin.«

Doch es geht nicht nur darum, nicht einschlafen zu dürfen. Die Realität in Nahost ist oft schockierend und brutal. Boris, der seit gut einem Jahr beim Militär ist, wurde in den vergangenen Wochen in der Nähe des Grenzzaunes zum Gazastreifen eingesetzt, um die gewalttätigen Protestierenden in Schach zu halten und um Palästinenser aufzuhalten, die es über den Zaun auf israelisches Gebiet geschafft hatten.

Extremsituation Es herrscht Ausnahmezustand – vier Wochen lang durfte Boris wegen der Sicherheitslage nicht nach Hause. »Zwar waren wir außer Reichweite von Angriffen. Aber das war schon hart«, gibt er zu. Verarbeitet hat er die Erlebnisse vor allem durch Gespräche mit seinen Kameraden. »Wir reden darüber, wie wir uns fühlen. Denn wenn man 24 Stunden zusammen ist und all diese Extremsituationen gemeinsam durchsteht, verbindet das ungemein. Es gibt keinen Platz mehr für Geheimnisse oder Tabus.«

Ori Shapira kennt das aus eigener Erfahrung. Er selbst war vor Jahren »lone soldier« und ist heute Kommandant einer Infanterie-Einheit in der IDF. Auch für ihn ist der Zusammenhalt der Kameraden der wichtigste Bestandteil für das Wohlbefinden. »Jede extreme Sicherheitslage bringt die Soldaten enger zusammen. Wenn sie spüren, dass sie Teil einer großen Gruppe und eines Programms sind, fühlen sie sich fast ausnahmslos gut.« Das Schöne an der israelischen Armee sei die Bedeutung als Armee des Volkes. »Und das merkt man in solchen Situationen immer am Besten.«

fakten Der Kommandant unterstützt das Gespräch zwischen den Untergebenen. »Man kann die Fakten nicht ignorieren und unter den Teppich kehren. Soldaten sind doppelt gefährdet: Zum einen sind sie das Ziel und zum anderen müssen sie die Angriffe stoppen. Natürlich baut das Stress auf.« Dennoch meint er, dass die israelischen Soldaten auf diese Situationen vorbereitet seien.

Es gebe selbstverständlich ein besonderes militärisches Training, wie man mit jeder Art von Angriffen umgeht. Als Zivilist seien die Messerattacken »eine furchtbar angsteinflößende Geschichte«. Aber als Soldat sehe man das anders, sagt Ori S., weil man ständig mit derartigen Dingen zu tun habe. Zwar variierten die Situationen, doch im Großen und Ganzen sei es dasselbe, auch diese Welle der Anschläge gar nicht so außergewöhnlich. »Die Gewalt kommt und geht in Israel in Wellen. Wir haben gelernt, damit zu leben. Soldaten hierzulande sind eigentlich immer eine Zielscheibe. Und dann ist es wichtig, ein Zuhause und gutes Essen zu haben.«

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026

Politik

US-Konsulate erstmals in jüdischen Siedlungen

Die Angebote stehen im Kontext wachsender Spannungen und anhaltender Gewalt im Westjordanland

von Sabine Brandes  26.02.2026

Diplomatie

Israel und Indien vereinbaren »besondere strategische Partnerschaft«

Bislang galt für Israel: »Besondere strategische Partnerschaften« bestehen nur mit Deutschland und den USA. Jetzt wird auch die Zusammenarbeit mit Indien so eingestuft. Das hat Vorteile für beide

 26.02.2026

Verstrickungen

Geschäfte mit einem Mörderregime

Wie ein iranischer Banker ein europäisches Immobilienimperium aufbaute – inklusive Hilton-Hotels in Deutschland

von Philip Plickert  26.02.2026

Aliya

»Ich habe gewonnen«: Auschwitz-Überlebende (96) wandert nach Israel aus

Charlotte Roth will mehr Zeit mit ihrer Familie bringen, die zum größten Teil aus den USA nach Israel eingewandert ist

 26.02.2026

Jerusalem

Todesstrafe-Gesetz soll »abgeschwächt« werden

Klauseln könnten gegen internationales Recht verstoßen und werden von Experten als potenziell verfassungswidrig eingestuft

von Sabine Brandes  26.02.2026

Porträt

Kein Neuland

Mit dem Diplomaten und ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Alexander Graf Lambsdorff soll ein Israel-Kenner der nächste Botschafter in Tel Aviv werden. Was ist von ihm zu erwarten?

von Joshua Schultheis  26.02.2026

Sport

Tel Aviv rüstet sich für Marathon: Umfangreiche Straßensperrungen angekündigt

Der erste Startschuss fällt schon um 5:30 Uhr

 26.02.2026

»Pay for Slay«

Terror-Renten: Autonomiebehörde zahlte mehr als 130 Mio. Euro

Dem israelischen Sicherheitskabinett zufolge wurden sogar Gehälter von Lehrern gekürzt, um die Zahlungen aufrechtzuerhalten

 26.02.2026