Tokio

Sprung nach oben

Goldmedaillengewinnerin Linoy Ashram Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Linoy Ashram hat ihre Gedanken einfach ausgedrückt. »Das ist das, wovon ich mein Leben lang geträumt habe«, sagte die 22-jährige Rhythmische Sportgymnastin nach ihrem Olympiasieg in Tokio. »Es ist eine verrückte Erfahrung, die ich noch nicht ganz verarbeitet habe.« Am Samstag, kurz vor Schluss der Olympischen Sommerspiele, konnte Ashram mit ganz knappem Punktvorsprung Gold gewinnen: das erste für eine Israelin, das zweite bei diesen Spielen für Israel, das dritte in der Olympiageschichte Israels.

Vor Ashram hatte der Turner Artem Dolgopyat mit seiner Bodenübung Gold für Israel gewonnen. Mit Bronzemedaillen für das Mixed-Team im Judo und für die Taekwondo-Kämpferin Avishag Semberg kann das Mittelmeerland nun die erfolgreichste Olympiateilnahme seiner Geschichte feiern. Platz 39 in der Nationenwertung, punktgleich mit Irland und noch vor Rumänien, Österreich, Argentinien oder Südafrika.

So ganz ohne Streit ging das allerdings nicht über die Bühne. Zunächst gönnten Linoy Ashrams russische Konkurrentinnen ihr den Erfolg nicht. Die zweitplatzierte Dina Averina schimpfte: »Die israelische Gymnastin hatte einen Fehler gemacht und dennoch die höchste Wertung erhalten, das ist nicht fair.«

MISSGESCHICK In Israel wurde die Attacke verständnislos aufgenommen. »Wenn andere Gymnastinnen in der Vergangenheit Medaillen gewonnen haben«, sagte ein Funktionär, »dann haben wir gratuliert.« Erinnert wurde auch daran, dass bei der WM 2018 Averina noch vor Ashram gewonnen hatte, obwohl die Russin während der Übung ihr Band einmal verlor. Ausschlaggebend für den damaligen WM-Titel waren die größeren Schwierigkeitsgrade, die Averina damals eingebaut hatte.

Das war in Tokio genau andersherum. Als sie zu den Klängen eines Technomixes von »Hava Nagila« tanzte, geschah Ashram zwar ein Missgeschick, aber nach dem Schwierigkeitsgrad, der mit in die Bewertung einer Kür einfließt, lag sie deutlich vor Averina. Der Patzer wurde bewertet, ließ ihr aber dennoch die Gesamtführung. Solcherlei fachliche Hinweise kamen nicht überall an. »Die ganze Welt hat die Ungerechtigkeit gesehen«, twitterte das Russische Olympische Komitee. Und sogar die Sprecherin des Moskauer Außenministeriums, Maria Zakharova, klagte auf »Telegram«, dies sei Teil eines »russophoben Kriegs gegen den Sport«.

Russische Funktionäre ärgerten sich über den Sieg von Linoy Ashram.

Doch auch innerhalb Israels sorgte der Olympiasieg von Linoy Ashram für Kontroversen. Der frühere Premierminister und heutige Oppositionsführer Benjamin Netanjahu war sehr stolz, dass es ihm als Erstem gelungen war, der jungen Frau, die aus Rischon LeZion stammt und deren Eltern Berufssoldat beziehungsweise Kindergärtnerin sind, persönlich zu gratulieren – vor Ministerpräsident Naftali Bennett. Kritiker vermuten, dass Netanjahus Telefon-Coup vor allem dadurch möglich wurde, dass er noch während des Schabbats anrief. Netanjahu ist nun Kritik von religiöser Seite ausgesetzt.

kontroverse Eine andere Kontroverse hat die Mutter des Turn-Olympiasiegers Artem Dolgopyat ausgelöst. Die Familie war 2012 aus der Ukraine nach Israel gekommen, aber die Mutter, Angela Bilan, ist keine Jüdin. Väterlicherseits hat Dolgopyat eine jüdische Großmutter. Das genügt zur Einwanderung nach Israel, aber als Jude gilt Dolgopyat vor dem orthodoxen Oberrabbinat, das etwa für Hochzeiten zuständig ist, nicht.

»Damit ich Enkelkinder bekomme, muss er doch verheiratet sein«, sagte Bilan in einem Radiointerview. »Das Land lässt ihn aber nicht heiraten.« Der übliche Weg vieler Israelis, im Ausland zu heiraten, sei zu Corona-Zeiten aber schwierig.

Unterstützung erhält Bilan von Tourismusminister Yoel Razvozov: Der Turner sei »Israels Stolz auf dem Medaillentreppchen«, aber »zweitklassig unter der Chuppa«. Das müsse geändert werden. Dolgopyat selbst ist das unangenehm. Es sei seine Privatsache, erklärte er auf einer Pressekonferenz. »Ich glaube, es ist nicht passend, dies vor dem gesamten Land zu erörtern.«

ERFOLGE Mit der Rekordzahl von 90 Sportlern und Sportlerinnen, 55 Männer und 35 Frauen, war Israel nach Tokio gereist, und neben den vier Medaillen konnten sich weitere Leistungen blicken lassen. In der Mannschaftswertung der Rhythmischen Sportgymnastik wurde Israel Nummer 6. Im Baseball konnte das Team immerhin Mexiko schlagen – letztlich Platz 5.

Im Männermarathon hatte etwa der aus Äthiopien stammende Marhu Teferi einen sehr guten 13. Platz geholt. Die Langstreckenläuferin Selamawit Danachew, Ehefrau von Marhu Teferi, wurde über 5000 Meter sogar Zehnte. Im Dreisprung der Frauen gelang Hanna Knyazyeva-Minenko ein exzellenter 6. Platz. Die Springreiterin Ashlee Bond wurde auf ihrem Pferd Donatello Elfte. Und im Judosport, wo Israel 1992 seine erste Olympiamedaille überhaupt gewinnen konnte, finden sich etliche Platzierungen unter den Top Ten – bis hin zu Bronze im Mixed-Wettbewerb.

Noch weitere sehr gute Ergebnisse sollen erwähnt werden: Im Windsurfen – der Sport, in dem Israel 2004 durch Gal Friedman zum ersten und einzigen Mal Gold gewonnen hatte – wurde Yoav Cohen (RS:X) Vierter und Katy Spychakov (RS:X) Sechster. Ein sensationeller 4. Platz gelang Matan Roditi im 10-km-Freiwasserschwimmen. Und im Beckenschwimmen erreichte Anastasia Gorbenko das Finale über 100 Meter Rücken, wo sie Nummer 8 wurde; auch die 4 x 100-Meter-Mixed-Lagen-Staffel schwamm im Finale mit. Viele Erfolge, die nicht nur die Sportgymnastin Linoy Ashram erst noch verarbeiten muss.

Nahost

Hisbollah soll umfangreiche Raketenangriffe planen

Nach den Raketen aus dem Iran müssen die Menschen in Israel nach Erkenntnissen des Militärs mit Angriffen durch die Hisbollah rechnen. Derzeit laufen israelische Angriffe gegen die Terror-Miliz

 17.03.2026

Krieg gegen Iran

Netanjahu wünscht Iranern »Jahr der Freiheit«

Nach der Tötung iranischer Funktionäre richtet Netanjahu persönliche Grüße zum persischen Neujahrsfest an die Menschen im Iran. Was steckt hinter der Botschaft?

 17.03.2026

Nahost

Libanesischer Soldat stirbt nach israelischem Angriff

Die libanesische Armee ist im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah neutral und beteiligt sich nicht an den Kämpfen. Dennoch geraten einige Soldaten unter Beschuss

 17.03.2026

Antisemitismus

»Es bleibt eine Sekte«: So reagieren Linke auf Büttners Austritt

Andreas Büttner verlässt die Partei, weil ein Landesverband den Zionismus ablehnt. Das sorgt innerhalb der Linken für Diskussionen

 17.03.2026

Kommentar

Jetzt offenbart die Linke ihr wahres Gesicht

Wer den Zionismus ablehnt, lehnt die Existenz eines jüdischen Staates ab - und damit genau jenen Schutzraum, der für Juden weltweit nach Jahrhunderten der Verfolgung existenziell geworden ist

von Daniel Neumann  17.03.2026

Krieg gegen Iran

Wieder Hisbollah-Raketenterror in Nordisrael

Bisher gibt es keine Berichte über Verletzte

 17.03.2026 Aktualisiert

Iran

Israel tötet Kommandeur der Basidsch-Milizen

Ein Angriff in Teheran trifft laut Israel einen führenden Basidsch-Kommandeur. Die Miliz gilt als zentral bei der Niederschlagung von Protesten im Iran

 17.03.2026

Krieg gegen Iran

Israel soll Ali Laridschani getötet haben

Der Generalsekretär des Sicherheitsrates ist einer der mächtigsten Männer des Mullah-Regimes

 17.03.2026

Krieg gegen Iran

Israel fliegt neue Angriffe in Teheran und Beirut

Die USA und Israel haben im Iran bereits Tausende Ziele aus der Luft angegriffen. Und der Krieg geht weiter – genauso wie Teherans Gegenangriffe. Israel verstärkt zudem seinen Einsatz im Libanon

 17.03.2026