Winter in Israel folgt keinem gleichmäßigen Rhythmus. Typisch für die Jahreszeit sind oft extreme Gegensätze. In einem Moment sitzen die Leute bei blauem Himmel und fast sommerlichen Temperaturen in T-Shirts vor Straßencafés im Sonnenschein, kurz darauf gießt es wie aus Eimern, blitzt und donnert es so laut, dass man sich die Ohren zuhalten muss. Eiskalte Winde fegen die Servietten von den Tischen. »Weltuntergangswetter«, sagen die Israelis dazu.
In den Wintermonaten weist der staatliche meteorologische Dienst regelmäßig darauf hin, dass sich die heftigen Regenfälle vom Norden nach Süden ausbreiten und massive Überschwemmungen, insbesondere in der Judäischen Wüste, am Toten Meer und entlang der südlichen Küste, nach sich ziehen können.
Die Stürme und heftigen Niederschläge beeinträchtigen vielerorts den Alltag, zumal die Infrastruktur, vor allem die Kanalisation, nicht darauf ausgerichtet ist.
Autofahrer unterstützen und Unfälle verhindern
Zwar muss man sich in Israel keine Sorgen über Blitzeis oder Schneemassen machen. Doch gibt es dennoch alljährlich Warnungen der Polizei, die besonders Autofahrer und Wanderer ernst nehmen sollten. Extreme Wetterverhältnisse können für Verkehrsteilnehmer gefährlich werden. Rettungsdienste bereiten sich dann auf mögliche Straßensperrungen vor, Einsatzkräfte werden an den Hauptverkehrsstraßen positioniert, um Autofahrer zu unterstützen und Unfälle zu verhindern.
Denn innerhalb von Sekunden können die sogenannten Sturzfluten entstehen, wenn Starkregen auf ausgetrockneten Wüstenboden fällt, der kein Wasser aufnehmen kann. Die reißenden Wassermassen spülen Fahrzeuge fort, schließen Wanderer in Wadis ein und überfluten Straßen, die noch Augenblicke zuvor vollkommen trocken waren. Selbst flaches Wasser kann dabei eine enorme Kraft entfalten, sodass eine Flucht oft unmöglich wird, sobald man einmal erfasst ist.
Wie tödlich dies sein kann, zeigte sich im April 2018 bei einer Katastrophe im Süden des Landes. Damals wurde eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus dem Zentrum des Landes bei einer Wanderung im strahlenden Sonnenschein in einem ausgetrockneten Flussbett von einer plötzlich einsetzenden Sturzflut mitgerissen. Zehn Jugendliche starben. Heftige Regenfälle flussaufwärts hatten die Wassermassen unbemerkt anschwellen lassen. Der Vorfall erschütterte das Land nachhaltig und gilt bis heute als Mahnung, wie trügerisch das Wetter sein kann – selbst dann, wenn keine einzige Wolke am Himmel zu sehen ist.
»Im Sommer ist das Meer blau und ruhig, aber das ist nichts für mich.«
Surfer Eyal Arbel
Der Winter in Israel hat auch eine andere, beinahe widersprüchliche Seite. Während Behörden warnen, zieht es entlang der Mittelmeerküste jene ins Freie, die genau auf dieses Wetter warten. Starke Winde und hohe Wellen machen die Monate Dezember bis März zur Hochsaison für Surfer. In Tel Aviv, Herzliya oder Aschdod stehen sie frühmorgens am Strand, eingepackt in dicke Neoprenanzüge, die Bretter unter dem Arm, während dunkle Wolken über dem Wasser hängen.
»Im Sommer ist das Meer blau und ruhig, aber das ist nichts für mich«, sagt der Surfer Eyal Arbel aus Kfar Saba. »Der Winter bringt Kraft, Chaos und fordert Respekt von Wellenreitern. Wenn der Himmel dramatisch ist und die Wellen groß sind, fühlt sich das Meer lebendig an.« Doch auf einen winterlichen Anblick freuen sich die meisten: Schnee auf dem Berg Hermon. Am vergangenen Wochenende strömten Tausende Besucher in die Golanhöhen, um den ersten nennenswerten Schneefall der Saison zu erleben, Schneemänner zu bauen und mit Schlitten die Hänge hinabzurodeln.
Über Nacht mehr als 60 Zentimeter Schnee
»Es ist unglaublich bewegend zu sehen, wie die Menschen auf den Hermon zurückkehren und den Norden wieder genießen – nach zwei sehr langen und komplexen Kriegsjahren«, sagt Mickey Inbar, stellvertretende Geschäftsführerin des Skigebiets. In den oberen Lagen seien über Nacht mehr als 60 Zentimeter Schnee gefallen, im unteren Bereich rund 30 Zentimeter. Für die Öffnung der Skipisten reiche das jedoch noch nicht. »Wir können den Skibetrieb erst aufnehmen, wenn unten mindestens ein halber Meter Schnee liegt«, erläutert sie. »Aber wir hoffen sehr, dass wir das bald erreichen.«
Der Hermon, mit seinen rund 2800 Metern Höhe Israels einziges Skigebiet, nimmt eine besondere Stellung in der Winterkultur des Landes ein. Dass man innerhalb weniger Stunden von trockenen Wüstenlandschaften zu schneebedeckten Hängen gelangen kann, fasziniert Einheimische wie Touristen gleichermaßen.
Besonders nach der fast zwei Jahre dauernden Schließung während des Krieges Israels gegen die Terrororganisation Hisbollah im Libanon gilt die Rückkehr der Besucher als Zeichen der Erholung für den Norden. »Während des Krieges habe ich gesagt, ich warte auf den Tag, an dem ich über Staus auf dem Weg zum Hermon meckere«, so Inbar. »Wir haben die Besucher sehr vermisst. Wir fühlen, dass wir eine bedeutende Rolle bei der Erholung des Nordens spielen.« Nun hoffen viele, dass der Winter noch etwas Schnee nachlegt – und für den Hermon bald wieder gilt: Ski und Rodel gut!