Israel

So reagieren die Geisel-Familien auf die Wiederaufnahme der Kämpfe in Gaza

Die Freundin von Avinatan Or, Noa Argamani, postete ein zerbrochenes rotes Herz in den sozialen Medien. Avinatan gehört zu den vermutlich noch lebenden Geiseln, die in der zweiten Phase des Waffenstillstands freigelassen worden wären. Foto: Copyright (c) Flash90 2024

Freigelassene Geiseln und Angehörige von Verschleppten, die sich noch immer in der Gewalt der Hamas befinden, drückten am Dienstag ihren Schock und ihre Sorge über die Wiederaufnahme der Kämpfe in Gaza aus. Viele der nach Hause zurückgekehrten Geiseln hatten berichtetet, dass sie die Angriffe Israels gegen die Hamas oft als lebensbedrohlich erlebt haben.

Das Familienforum für Geiseln erklärte: »Die größte Angst der Familien, der Geiseln und der Bürger Israels hat sich bewahrheitet – die israelische Regierung hat beschlossen, die Geiseln aufzugeben.« Derzeit befinden sich noch 59 Geiseln in Gaza, 24 von ihnen sollen nach Erkenntnissen der israelischen Sicherheitskräfte noch am Leben sein. Bei allen handelt es sich um junge Männer, die am 7. Oktober 2023 entführt wurden, als die Hamas in Südisrael ein Massaker verübte, mehr als 1200 Menschen tötete und 251 Geiseln nahm, was den Krieg in Gaza auslöste.

Auch freigelassene Geiseln reagierten. Die Freundin von Avinatan Or, Noa Argamani, postete ein zerbrochenes rotes Herz in den sozialen Medien. Avinatan gehört zu den vermutlich noch lebenden Geiseln, die in der zweiten Phase des Waffenstillstands freigelassen worden wären. Vor wenigen Tagen hatte es das erste Lebenszeichen des 32-Jährigen gegeben.

Sie posten zerbrochene rote Herzen

Auch die Frau von Omri Miran, Lishay Miran, veröffentlichte das Emoji. In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Radiosender Kan warf sie zudem der Regierung vor, das Abkommen für den Waffenstillstand und die Geiselbefreiung zu verletzen, und forderte die Öffentlichkeit auf, sich der Demonstration des Familienforums in Jerusalem anzuschließen.

Lesen Sie auch

»Werde ich bald Schiwa sitzen?«, fragte sie und bezog sich dabei auf die jüdische Trauerzeit nach dem Tod eines Familienmitglieds. »Ich schäme mich nicht mehr, diese Frage zu stellen. Muss ich mich also vorbereiten?« Auch ihr Schwiegervater Dani Miran sagte im Armeeradio, er sei völlig »entsetzt« von den wieder begonnenen Kämpfen. »Für mich ist heute ein schwarzer Tag«, sagte er. »Ich dachte, mein Sohn würde in einer Woche freikommen.«

Er griff auch den neuen Stabschef der IDF, Eyal Zamir, an, der Anfang des Monats das Amt des israelischen Generalstabschefs übernommen hatte. »Dieser Generalstabschef wurde ausgewählt, um die Agenda der Regierung umzusetzen. Und ihre Agenda ist Krieg.«

Emily Damari: »Mein Herz ist vor allem gebrochen, erschüttert und enttäuscht.«

Die freigelassene Geisel Emily Damari, die aus ihrem Haus im Kibbuz Kfar Azza entführt und während der ersten Phase des Geiselnahme- und Waffenstillstandsabkommens freigelassen wurde, drückte ebenfalls in den sozialen Medien ihre Enttäuschung und ihre Sorge über die Wiederaufnahme der Kämpfe aus. »Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf, und ich weiß nicht, wie ich sie ausdrücken soll – aber mein Herz ist vor allem gebrochen, erschüttert und enttäuscht.«

Tikva-Forum begrüßt Fortsetzung des Krieges

Auch die Organisation »Ima Era« (Aufgewachte Mutter), die sich aus Müttern israelischer Soldaten zusammensetzt, erklärte, die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen weniger als 24 Stunden nach der Entlassung des Schin-Bet-Chefs Ronen Bar durch Premierminister Benjamin Netanjahu gebe Anlass zu ernsthaften Bedenken hinsichtlich des Zeitpunkts der Entscheidung. »Wir werden nicht zulassen, dass unsere Kinder als Schutzschild für eine Regierung dienen, die das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren hat«, schrieb sie.

Das kleinere Tikva-Forum, das sich aus einigen Familien der Geiseln zusammensetzt, die ein Abkommen mit der Hamas kategorisch ablehnen, begrüßte indes die Fortführung des Krieges gegen die Hamas und erklärte: »Wenn der Angriff, der heute Morgen begonnen hat, mit Nachdruck und ohne Unterbrechung fortgesetzt wird, kommen unsere Angehörigen sofort frei. Die letzten Wochen haben bewiesen, was wir die ganze Zeit gesagt haben: Die Hamas wird die Geiseln niemals freiwillig freigeben.« Sogar die IDF hatte allerdings immer wieder erklärt, dass militärischer Druck nicht zur Befreiung aller Geiseln führen könne.

Kundgebung für Geiselbefreiung in Jerusalem

Viele Angehörige schlossen sich einer Kundgebung für die Geiselbefreiung an, die am Dienstagnachmittag in Jerusalem vor der Knesset begann. Carmi Palty Katzir, deren Bruder Elad in Gefangenschaft getötet wurde, sagte dabei: »Wäre rechtzeitig eine Einigung erzielt worden, könnten wir, die Familien, die den höchsten Preis von allen bezahlt haben, eine andere Realität erleben.«

Doch stattdessen, warnte sie, »wird sich der Kreis der Hinterbliebenen weiter vergrößern – und das alles vergebens«. Palty Katzir forderte von der Regierung, an den Verhandlungstisch zurückkehren, um eine umfassende Einigung zu erzielen, die die Freilassung aller Geiseln im Gegenzug für das Ende des Krieges vorsieht. In Richtung Koalition sagte sie: »Geschieht das nicht, klebt das Blut der nächsten Geisel an Ihren Händen.«

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

Nahost

Iran droht USA mit Angriffen

Die USA blockieren Schiffe mit Ziel iranischer Häfen. Teheran droht mit Konsequenzen für die fragile Waffenruhe

 15.04.2026

Studie

Israelische Forscher sehen Zusammenhang zwischen Corona-Infektion und Lungenkrebs

Das Spike-Protein des Coronavirus könnte nach Angaben der Autoren schädliche Prozesse im Lungengewebe auslösen

 15.04.2026

Streit

Israel wirft Südkoreas Präsidenten vor, Massaker an Juden zu verharmlosen

Lee Jae-Myung zog einen Vergleich zwischen einem angeblichen Vorgehen Israels gegen palästinensische Kinder und dem Holocaust. Das Jerusalemer Außenministerium bezeichnet dies als »inakzeptabel«

 15.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  15.04.2026

Jerusalem

Mossad-Chef: Einsatz gegen Iran erst mit Regime Change beendet

»Unsere Mission ist noch nicht beendet«, sagt David Barnea

 15.04.2026

Diplomatie

Prosor kritisiert israelischen Minister wegen Merz-Schelte

Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich hatte dem Bundeskanzler nach dessen Kritik an der Siedlungspolitik vorgeworfen, Juden vorschreiben zu wollen, wo sie leben sollen

 14.04.2026

Umfrage

Große Mehrheit jüdischer Israelis unterstützt Fortsetzung des Krieges gegen Hisbollah

Befragt wurden Bürger auch zu den Streitkräften und der Regierung von Benjamin Netanjahu

 14.04.2026

Nahost

Historische Verhandlungen zwischen Israel und Libanon

Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren führen Beirut und Jerusalem direkte Gespräche auf politischer Ebene. Können sie zu einem Durchbruch im aktuellen Konflikt führen?

von Amira Rajab, Cindy Riechau  14.04.2026